Zur Verteidigung des Romans

In der vorigen Ausgabe schüttelte Michael Helming den Kopf über die Verehrung, die hierzulande der Textform Roman entgegengebracht wird, während die in jeder Hinsicht überlegene Kurzgeschichte zum Nischendasein verdammt sei. Richtig so! Eine Entgegnung

von Timotheus Schneidegger

Romane lesen und Masturbation – seit Jahrhunderten viel gescholten, dabei dem Lebensvollzug höchst nützlich. Bild: Pierre-Antoine Baudouin (1723–1769), „La Lecture“, um 1760 (Wikipedia, PD)

 

Mein Kollege Michael Helming ist ein Genussmensch. Er wird dieser Einschätzung allerdings nur mit Vorbehalten zustimmen, weil sie am Anfang einer Entgegnung auf seine These steht. In Lichtwolf Nr. 39 bemühte er sich darum, die Kurzgeschichte als eine dem Roman überlegene Textgattung zu erweisen.

Als Genussmensch braucht sich Helming nicht unterstellen lassen, sich mit seinem Generalangriff auf den Roman von der Not eigener Lektüre befreien zu wollen. Ohne Zweifel ist er dem Verfasser und vielen Lesern dieser Zeilen in Leben wie Lektüre um Jahre voraus. Einzig an der Zahl der verfassten Romane (eins) kann ich armer Scribbler, der ich eine andere existentielle Wahl getroffen habe, mich mit dem Kollegen messen. Allerdings ist meine Überzeugung, der Roman stelle mit Fug und Recht die Königsklasse unter den Textgattungen dar, groß genug, um diese Entgegnung dennoch zu wagen.

Für seine These vom überschätzten Roman beruft sich Helming auf Jorge Luis Borges. Es ist allerdings fraglich, ob dieser zweifellos beachtliche Schriftsteller hier als Gewährsmann taugt, hat er doch – wie zu lesen war – aus Faulheit nie einen Roman geschrieben. Da Kollege Helming („Rundskreise“) ihm dies voraushat, müssen wir also nicht glauben, hier tröste sich einer über sein Scheitern an der Herausforderung hinweg, indem er sie für nichtig erklärt. Ähnliches mag für Borges gelten, der gerne einen geschrieben hätte. Das ist redlich, dennoch wirkt Helmings Berufung auf Borges so, als solle uns mit einem zu Lebzeiten Erblindeten – pun intended – weisgemacht werden, Farbensehen werde überschätzt und nur Hörensagen sei das einzig Wahre.

Das ist nicht weiter der Rede wert, dennoch sei der guten Sitte wegen auf das Argument eingegangen, das Helming von Borges gegen den Roman entlehnt. Seine These fußt auf zwei Prämissen, die gar nicht so sehr an den Dreads herbeigezogen sind. Mit Borges meint er, in einem Roman ginge es um Persönlichkeit, was der Gattung noch nicht anzulasten wäre. Die Persönlichkeit aber sei ein bloßes Konstrukt, so fügt Helming hinzu – der am Ende übrigens die „wahrhaftige und wirkliche Substanz der Seele“ in der Kurzgeschichte enthalten sieht –, also ihrerseits nicht der Rede und schon gar nicht der massenhaften Baumabholzung wert.

Seit drei, vier Denkergenerationen wird alles mögliche mit großem Haha als Konstrukt entlarvt. Wer darob triumphiert, als hätte er einen Schwindler ertappt, verwechselt „kontingent“ mit „scheinbar“. Die Persönlichkeit – dafür wurde ja bereits in Lichtwolf Nr. 38 zum Thema „Autobiographie“ argumentiert – ist kein Konstrukt wie ein potemkinsches Dorf, das als solches durchschaut links liegengelassen werden kann. Menschen sind Menschen durch ihre materiellen und immateriellen Konstrukte. Menschen ohne Persönlichkeit (oder mit ostentativ konstruierter Persönlichkeit) sind in Leben wie Literatur uninteressant. Als Bundeskanzlerin oder als Guru im Erdloch, der von staunenden Anhängern mit Reis gefüttert wird, sind sie bloße Funktionsträger und damit dem Menschen in der Kurzgeschichte ähnlich. Da es in ihr um das Ereignis geht (die Entscheidung, Begegnung, Versuchung, und was da noch so an substantivierten Verben ist), sind ihre Protagonisten Mittel zum Zweck, ihre Persönlichkeit ist ein notgedrungener Trick. Damit der Leser sich mit der Hauptfigur identifizieren kann, darf sie gar keine Persönlichkeit haben, zu der auch inkommensurable Züge gehören müssten. Man vergleiche Figuren aus Dostojewskis Romanen wie den Kinderschänder und Décadent Nikolai Stawrogin, den nihilistischen Soziopathen Pjotr Werchowenski oder den Raubmörder Rodion Raskolnikow mit Kafkas Herrn K., der trotz seiner Wiederkehr in mehreren Kurzgeschichten keinen Eindruck macht.

Der Jedermann/-frau der Kurzgeschichte ist nicht Ausdruck einer Wahrheit über den Menschen (und schon gar nicht seiner Nichtigkeit, die erst als Hintergrund einer Persönlichkeit „sichtbar“ würde), sondern entspringt schlicht der Notwendigkeit der Textgattung.

Sie stelle höhere Ansprüche an den Kurzgeschichtenautor, schreibt Helming, weil sie mangels Raum höchste Konzentration der Dichtkunst verlangt. Es ist richtig, dass der Lektor einem Romanautor eher Wortstuck durchgehen lässt als dem Kurzgeschichtenautor, dessen Werk eine einstellige Seitenzahl nicht überschreiten darf. Selbst wenn es richtig wäre, daraus zu folgern, der Kurzgeschichtenautor wäge seine Worte mehr ab, würde ihn das nicht als den härteren Textarbeiter erweisen. Denn Helming unterschlägt, dass es im Roman nicht in erster Linie um die Wortreihenfolge geht.

Als Beweis für seinen hart arbeitenden Kurzgeschichtenkünstler nennt er Katherine Anne Porter, die jahrzehntelang an einem Stück Kurzprosa gearbeitet haben soll. Ausnahmen sind schlechte Argumente und zum Glück hat uns Helming Hera Lind erspart, die angeblich einen Roman in drei Wochen raushauen kann. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Borges oder sonstwer tatsächlich jahrelang an einer Kurzgeschichte arbeitet. Er wird sie immer wieder aufgreifen, hier und da ein Wort ersetzen, die meiste Zeit aber mit anderen Dingen verbringen, bis ihm der fehlende richtige Dreh für seine Erzählung einfällt. Denn auf nichts anderes kommt es in der Kurzgeschichte an.

Der Roman dagegen ist lebende Architektur. Noch der sorgfältigste Handlungsentwurf wird nach wenigen geschriebenen Seiten hinfällig, weil die Personen ein Eigenleben entwickeln und sich ursprünglich vorgesehenen Vollzügen plötzlich widersetzen. Der hohe Anspruch an den Romanautor besteht darin, bei seiner sich in der Regel, nicht in Ausnahmefällen über Jahre hinziehenden Arbeit ständig das gesamte Werk im Blick zu behalten, anstatt Musenküsse abzugreifen. Jede Änderung, jede Ergänzung oder Streichung hat Konsequenzen für das sich entwickelnde Ganze. Das zu bewältigen ist der hohe Anspruch, den ein Roman an seinen Autor stellt; wenn der dann auch noch jedes einzelne Wort wohl abwägt, stehen die Chancen nicht schlecht, einen Roman zu bekommen, der allen Vorbehalten zum Trotz auch dem Kollegen Helming gefallen könnte. Aber Romane können aus vielen Gründen schlecht sein und sie sind darum ein größeres Wagnis, weil der Leser dem Verfasser weit mehr Lebens- und Lesezeit zu treuen Händen anvertraut.

Stand ich der Kurzgeschichte zuvor eher indifferent gegenüber („Kann man machen.“), so ist sie mir nach Helmings Charakterisierung suspekt bis verleidet. So, wie die Kurzgeschichte die Persönlichkeit auf horoskopartige Allgemeinheit verkürzt, muss man wohl das Leben für nicht mehr als die Summe der erzählenswerten (und erzählbaren) Ereignisse halten, um die Kurzgeschichte als „Konzentrat“ des Lebens preisen zu können; das dann jeder mit seiner eigenen Brause auffüllt. Helmings Wunsch, sich all das Gekürzte einer Erzählung selbst ausmalen zu dürfen, sei ihm gelassen, auch wenn ich nun für immer mit der Kurzgeschichte das Bild der Getränkemaschine im Fast-Food-Laden verbinde. Dazu passt denn auch das hedonistische Verständnis von Leben als Best-of.

Max Frisch hätte „Stiller“ auch als Kurzgeschichte konzipieren können, in der die Verwechslung das Ereignis wäre. Die vier Persönlichkeiten, die sich im Entspinnen als verwoben erweisen, Mr. Whites Lügenmärchen eigenen Rechts, die Monologe im Suff, das Umherirren in „Neu York“, die Tasse schwarzen Kaffees – all das macht den unspektakulären Teil des Lebens aus, der in Helmings durch den Kurzgeschichtenvorzug auf das Wort verengten Augen und vor dem Hintergrund eines ästhetischen Lebensentwurfs Ballast darstellt. Begreift man das Leben allerdings als Ringen der Persönlichkeit um seine Persönlichkeit, die sich am und durchs Ereignis immer wieder neu konstituiert, dann ist dieser vermeintliche „Ballast“ das eigentliche Medium des Lebensvollzugs.

In ästhetischen Fragen nur ästhetisch zu argumentieren ist ebenso zeitgemäß wie dürftig. Allerdings sind Helmings Argumente jenseits der Ästhetik noch weniger überzeugend. (Immerhin keine Wiederkehr frühneuzeitlicher Warnungen vor der „Romanleserey“, die vor allem bei Frauenzimmern und Blaustrümpfen zu Masturbation und damit zu Hirnerweichung, Rückenmarkschwund und Sittenverfall führe.)

Mit seinem Sehnsuchtsort USA erinnert er an die deutschsprachige Blogosphäre, die in ihrem Minderwertigkeitskomplex beklagt, jenseits des Atlantiks wäre ihr längst die gebührenden Anerkennung zuteil geworden. Bei Helming ist es halt die Kurzgeschichte, die in den Staaten eine viel reichere Tradition habe als im Alten Europa, als sei das ein Argument. Ihm sei dennoch einmal hausmeisterlich, einmal sachlich das entgegnet, was sich auch die hiesigen pulitzerpreisentbehrenden Blogger anhören müssen: Die englische Sprache ist leicht zu lernen und wer so sehr von sich überzeugt ist, „gehe doch nach drüben“. Die sachliche Variante enthält zugleich den Grund, warum diejenigen, die im lautstarken Konjunktiv von ihrer freundlicheren Aufnahme in den USA sprechen, ihr Glück lieber nicht im gelobten Land suchen: Der Markt ist ein vollkommen anderer, weshalb seine Eigenarten und Entwicklungen sich nicht auf den deutschsprachigen übertragen lassen.

Das Verbreitungs- und Einzugsgebiet englischsprachiger Literatur ist praktisch der gesamte Globus. Es gibt weder Buchpreisbindung noch ein Feuilleton. Letzteres steht für Glanz und Elend des deutschsprachigen Literaturbetriebs, der – neben der kontinentalen Tradition – den hohen Rang des Romans befördert. Die Literaturwelt zwischen Schleswig und Tirol, Lothringen und Mähren ist zunächst einmal überschaubar und nicht etwa mit schreibenden Genies vollgestopft. Wer die richtigen Leute kennt, kann schreiben, was er will: Die befreundeten Kulturjournalisten werden darüber berichten, die altbekannten Jurymitglieder es auszeichnen und die Verlage, die darum wissen, werden es drucken. Damit es sich für alle lohnt, wird dabei auf die hochpreisige Schwarte gesetzt, die sich schon bei dreistelligem Absatz amortisiert.

In den USA geht es deutlich weniger behäbig und beschaulich zu. Die Drehzahl nimmt mit der Marktgröße nicht etwa ab, sondern zu, und da in einem ungeschützten Markt (der die Mischkalkulation kaum zulässt) voll auf Masse gesetzt werden muss (Man vergleiche nur mal deutsche Taschenbücher mit US-amerikanischen…), kann jeder Fehlgriff das Aus bedeuten. Bekanntheit ist auch da ein Gütekriterium aller Autoren und das Geschäft der Agenten, die ihre Klienten durch die Talk-Shows schleusen. Mehr noch als hierzulande zählen die literarischen Fähigkeiten, die erstmal (jahrlang) unter Beweis gestellt sein wollen, wofür das Kurzgeschichtensegment nahezu aller Periodika reichlich Gelegenheit gibt. US-Verlage prüfen lange, ob und was einer taugt, der im deutschsprachigen Betrieb längst sein Romandebut abgeliefert hätte, sofern er bei den wenigen Zirkusdirektoren am Rande einer Messe einen bleibenden und nicht unbedingt literarischen Eindruck hinterlassen hat. Entsprechend relevant ist die Kurzgeschichte in den USA – eben nicht nur in Literaturzeitschriften, die in Mitteleuropa als Resterampe derer gelten, die glauben, man müsse nur gut schreiben, dann werde man damit irgendwann schon was.

Als Argument für oder gegen eine Textgattung taugt das alles so wenig wie die Tatsache, dass es schlechte Romane und gute Kurzgeschichten gibt, zumal es im französischen und russischen Raum mit Ökonomie und Tradition der Literaturen noch einmal ganz anders aussieht.

Da ich Helmings Skepsis allem zeitgemäßen Dröhnkram gegenüber kenne, wundere ich mich, wenn er die Kurzgeschichte als die richtige Gattung für die hektische Moderne preist und den Roman der schrumpfenden Aufmerksamkeitsspanne opfern will. Aus den skizzierten verlagsökonomischen Gründen hat sich in den USA ein reger E-Book-Markt für 99-Cent-Kurzgeschichten entwickelt. Die hiesigen Hersteller von Luxuskarren sind seit Jahren im boomenden Hörbuchgeschäft unterwegs. Sie lassen Kurzgeschichten unbekannter Autoren einsprechen, sofern darin die richtige Automarke gefahren wird. Der nächste Schritt ist bereits getan: Ist das Navigationsgerät programmiert, kann sich der Premiummotorist eine Kurzgeschichte vorlesen lassen, deren Länge genau der Fahrtdauer entspricht: Shortstory to go. Ist Literatur als Convenience-Artikel etwa die Zukunft, die Helming seiner Textgattung wünscht?

Mitte September äußerte sich Georg Klein (der Romanautor, nicht der Oberst) in der NZZ recht zuversichtlich über die Zukunft des Romans. Denn „die grandiose Identifikation des lesenden Bewusstseins mit der imaginierten Romanwelt“ ist als rettende Flucht aus einer alltäglich nichtigen Zeit „in eine grossartige [sic!, Schweizer.] Weite“ nötiger denn je. (Hier hätte nicht nur Kollege Helming angemahnt, Nomen könnten auch ruhig mal ohne Adjektiv oder Partizip auskommen.)

Der Roman, wenn nicht gar Literatur überhaupt, hat Bedeutung nur als Gegenentwurf zur Welt statt als ihre amüsante Begleitung. Als einen „Zeitfeind des Romans“ macht Klein immerhin die „kleine Zukunft“ aus, die die Gegenwart mit Sorgen und Besorgen okkupiert und dem Utopischen oder auch nur Eskapistischen keinen Raum gewährt. Wollte man dem Roman marxistisch-leninistisch seine affirmative Funktion als Mittel zur Zerstreuung und zur Sublimation revolutionärer Affekte vorwerfen, so träfe man nur die rein eskapistisch angelegten Schnelldreher rund um schöne Untote und Aua-Sex.

Der ernsthafte Roman ist ein philosophisches Unterfangen (und als solches in Handel und Wandel nicht eben wohlgelitten). Der 22-jährige Albert Camus notierte nach seiner ersten Dostojewski-Lektüre im Tagebuch: „Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane.“ So ist „Der Mythos des Sisyphos“ nicht etwa die „philosophische Übersetzung“ (wie Sartre meinte) von „Der Fremde“. „Die Pest“ ist auch keine literarische Illustration der Gedanken aus „Der Mensch in der Revolte“. Camus’ Romane sind ebenso philosophisch wie seine Essays, folgen dabei lediglich anderen Gattungsvorgaben.

Denken heißt, eine Welt zu erschaffen, die von Vernunftgründen erhellt ist; auf gleiche Weise hat jeder Roman seine eigene Welt. Es besteht also kein inhaltlicher Unterschied zwischen Philosophie und Literatur. Die Lektüre von „Die Pest“ oder „Die Gebrüder Karamasow“ lehrt mehr ethischen Extremsport als jedes EPG-Hauptseminar. In diesem Sinne haben auch Orwells „Animal Farm“ und „1984“ mehr zur Totalitarismuskritik beigetragen als die zweifellos honorige Bundeszentrale für politische Bildung in den 60 Jahren ihres Bestehens. Nicht zuletzt liegt die Doppeldeutigkeit von „Geschichte“ als „Historie“ und „Erzählung“ darin begründet, dass das Leben romanhaft verstanden oder – als bloße Serie von Ereignissen – gar nicht verstanden wird. Der Stalinismus kann nicht begriffen werden als Diktatur mit Schauprozessen, Kollektivierung, Großem Vaterländischen Krieg und Blockbildung. Jedenfalls nicht ohne die Geschichte des 29-jährigen Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, der bei der Beerdigung seiner Frau Ketewan im Dezember 1907 auf seine leere Brust weist und bekundet, „mit ihr sind meine letzten warmen Gefühle für alle menschlichen Wesen gestorben.“ Dies knapp ein halbes Jahr, nachdem er bei einem zur Finanzierung Lenins durchgeführten Überfall auf einen Geldtransport der russischen Staatsbank binnen drei Minuten Pferde, Kutscher und Wachleute mit Granaten verstümmelt hat. Ideologien sind nicht bloß Theorie plus Ereignis, sondern vor allem durch Persönlichkeiten, so lehren uns Romane wie Dostojewskis „Die Dämonen“.

Aus dem Befürfnis des Menschen nach Sinn und Wahrheit ergibt sich eine weitere philosophische Qualität des Romans, die der Kurzgeschichte, wie Helming sie darstellt, abgeht. Der Mensch ist der Welt, wie sie ist – nämlich sinnlos –, in unerwiderter Liebe verbunden, und in seinen Erzählungen malt er sich aus, wie es wäre, eins mit ihr zu sein. Revolution, Religion und Roman haben alle den gleichen Antrieb, bemerkt Camus, nämlich das Aufbegehren des Menschen gegen sein flüchtiges, undurchschaubares Dasein. Das ist bereits das Motiv der Revolte, die die Welt, wie sie ist, im Namen dessen, was ihr fehlt, zugleich verneint und bejaht. Der Roman bietet keine Zuflucht vor dem Absurden, sondern ist wie das absurde Denken gekennzeichnet von Auflehnung, Freiheit und Mannigfaltigkeit. Er ist eine Anstrengung von Verstand und Leidenschaft im Bewusstsein tiefer Nutzlosigkeit, mit der Haltung des Eroberers unternommen, der entschlossen und frei von Hoffnung dem Schicksal Gestalt verleiht. Damit tritt der Schriftsteller in Konkurrenz zu Gott, indem er der Schöpfung einen menschlichen Anspruch und den fehlenden Stil gibt. Jeder Romanleser kennt die den alltäglichen Trott durchwebende Vorfreude darauf, abends wieder in die Welt eines Buchs zurückkehren (!) zu können, das ihn seit Tagen mit dem, was war, und dem, was noch sein wird, begleitet, bis die letzte Seite erreicht ist, die dem Leben fehlt.

Unabhängig, ob die Romanwelt der unseren entspricht, gehen ihre Bewohner ans Ende ihres Schicksals und „beenden, was wir nie zu Ende führen“. Wirklichkeit, Schicksal, Persönlichkeit bleiben jenseits des Romans immer unvollendet, bis sich erst im kurzen Augenblick des Todes die Erzählung unseres Lebens erfüllt. Aus diesem Grunde, so Camus, empfindet man einen seltsamen Neid auf die Leben der anderen, deren Zeuge man ist und als solcher ihnen einen Sinn zuschreibt – also Romanfiguren aus ihnen macht. In der abgeschlossenen und schon damit korrigierten Welt des Romans können Schmerz und Leidenschaft bis zum Tod dauern. Nicht nur könnte man genauso gut Biographien lesen, man tut es auch. Die Rührung, die den Leser auf den letzten Seiten einer Biographie befällt (bei Autobiographien funktioniert es nicht, weil aus biologischen Gründen Sterben und Tod fehlen), verrät seine Sehnsucht nach einer abgeschlossenen Geschichte schon vor dem Tod. So befriedigt der Roman das metaphysische Bedürfnis nach Form und Grenze und nährt die Gewissheit, dass es in Leben und Welt um mehr gehen muss als um die Jagd nach dem nächsten Ereignis.

Und der amüsante Flitter, die Kurzgeschichte? „Die Story dagegen ist“, nach Helming, „schnell, authentisch, dabei aufrichtig unpersönlich und bequem.“ Also genau das Richtige für unsere kümmerlichen Zeiten.

 

[In der nächsten Ausgabe gibt Kollege Helming eine die Debatte abschließende Antwort auf diese Widerrede.]


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« Wann hört man auf zu fragen? »


Unveränderte Fassung des Beitrags aus LW40.

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