Ökologische Lehrfabel

von Johannes Witek

Durch ein selbstgebohrtes Loch in der Wand beobachtete ich 47382901473820 Tage lang einen extrem zufriedenen Mann mit einer fetten Zigarre im Mund und einem Smartphone am Ohr, der täglich an mir vorbeiging und dabei einen riesigen Alligator an einer Leine hinter sich herführte. Dabei machten sie 47382901473820 Schritte.

Ich drehte mich um und sprach zu den 47382901473820 Menschen, die auch hier lebten: „Ist es nicht faszinierend, was er da macht? Diese gezähmte Wildheit, die domestizierte Natur – es löst in uns ein warmes Gefühl des Wohlbehagens aus, das Ganze so kontrolliert und sicher aus der nächsten Nähe betrachten zu können, nicht wahr?

Denn merket wohl, das ist die einzig mögliche Art, wie man die Natur ästhetisch genießen kann: Indem man nicht dauernd auf dem Sprung sein muss, von ihr in den Arsch gebissen und gekillt zu werden. Daher: Kontrolle ist alles. Erst die technische Kontrolle durch den Menschen gibt uns die Wildheit der Natur als Kunstwerk! Und wofür sonst wäre die Natur schon jemals da gewesen?“

Ich war so ergriffen von meiner Rede, dass ich zu heulen begonnen hatte. Die Menschen, die auch hier lebten, ebenfalls. Sie klatschten 47382901473820 Mal.

Inzwischen war es Nacht und wieder Tag geworden. Wie um meinen Punkt zu unterstreichen, sahen wir wieder durch das Loch.

Aber diesmal ging der Alligator allein durch unser Sichtfeld, zog die Leine hinter sich her und sah verdammt satt aus.


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Unveränderte Fassung des Beitrags aus LW40.

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