Ignora et labora

Nicht wissen, obwohl man eigentlich weiß. Wir können Dinge, Personen oder Sachverhalte ignorieren. Ist diese Fähigkeit eigentlich lebensnotwendig oder nur Ausdruck menschlicher Arroganz? Kunst oder Strategie? – Meditation über eine aparte Form der Verweigerung.

von Michael Helming 

 

Augustinus beginnt das elfte Buch seiner „Bekenntnisse“ mit einer direkten Frage an Gott: „Numquid, domine, cum tua sit aeternitas, ignoras, quae tibi dico […]?“ Mindestens zwei Dutzend Übertragungen ins Deutsche gibt es von diesem Text, wobei der Unterton nicht immer derselbe ist. Adolf Gröninger übersetzt 1853: „Wie aber, o Herr, da die Ewigkeit dein ist, bist du unkundig dessen, was ich rede zu dir […]?“ Bei Alfred Hofmann liest sich die Stelle 1914: „Aber weißt du vielleicht nicht, o Herr, was ich dir sage, da die Ewigkeit dein ist?“ In einer anderen – bei „philocast“ im Internet gefundenen – Version lautet die Stelle: „Nimmst Du, Herr, in Deiner Ewigkeit überhaupt zur Kenntnis, was ich Dir sage?“ Kurt Flasch schließlich, der diese Passage als „wuchtigen Eingangsakkord“ bezeichnet und darauf hinweist, dass man einem allwissenden Gott nur Dinge erzählen kann, die dieser ohnehin weiß, verdeutscht folgendermaßen: „Herr, dein ist die Ewigkeit. Aber weißt du deshalb etwa nicht, was ich dir sage?“ Da Augustinus vermutlich einen festen Glauben besitzt, ist er sich wohl gewiss, der große Boss höre ihm geduldig zu. Glaubte er nicht, dürfte er sich da nicht sicher sein und müsste im Stillen manche Frage durchleiden: Weiß er nicht? Kann er vielleicht nicht wissen? Oder will er nur nicht? Lässt er das Wissen nicht an sich heran? Ignoriert er es (und damit mich) am Ende?

Das lateinische Verb „ignorare“ bedeutet also „nicht wissen“ und sein Gegenteil – „wohl wissen“ oder „gut kennen“ – kann mit der Verneinung „non ignorare“ ausgedrückt werden. Ich weiß, bei „wissen“, „verstehen“, „kennen“, oder „kundig sein“ blitzt auch die positive Vokabel „scire“ auf, doch die ignorieren wir hier mal, denn wir wollen von einem Verb auf das Substantiv „ignorantia“ kommen, welches „Unwissenheit“ bedeutet. Von diesem Wort leitet sich das deutsche Wort „Ignoranz“ ab. Seit dem 16. Jahrhundert ist letzteres bei uns nachweisbar. Im Prinzip will „ignorieren“ uns nur sagen, jemand sei einer Sache unkundig. Tatsächlich unterstellen wir im Alltag jedoch meist, dass besagter Jemand nicht nur einfach keine Ahnung hat: Er will sich absichtlich nicht mit der betreffenden Sache befassen. Geht er gewohnheitsmäßig auf diese Weise vor, haben wir es mit einem Ignoranten zu tun – und die mag normalerweise keiner. Nun sind wir nicht alle Ignoranten, doch jeder von uns hat schon einmal etwas oder jemanden ignoriert. Dafür müssen wir uns nicht zwangsläufig schämen, denn man kann durchaus mit besten Absichten ignorieren. Wo man zum Beispiel einen Fauxpas übersieht und so tut, als hätte man ihn nicht bemerkt, spart man der Person, die ihn begangen hat, Peinlichkeiten, Scham und Bloßstellung, manchmal sogar Ärgeres. Man kann über unliebsame Bemerkungen und andere Fehler hinwegsehen. Es gibt eine wohlwollende Ignoranz, die als Form der Höflichkeit wohl zu den guten Umgangsformen gezählt werden darf. In der Welt der großen Diplomatie ist diese Art zu ignorieren sogar ein Stilmittel, ein taktischer Kunstgriff. Man spricht bestimmte Befindlichkeiten – in China etwa Menschenrechte – nicht oder nur behutsam an, legt den Finger nicht in Wunden, lässt kleine Intrigen, Angriffe und Sticheleien an sich abperlen. Ein sozialer Lotuseffekt, der das Beziehungsklima in einem Temperaturbereich hält, in dem sich miteinander arbeiten lässt. Andererseits können winzige, vielleicht (un)beabsichtigte Details – hier eine unkorrekte Anrede, dort ein unterlassener Handschlag – schnell als Beleidigung, Herabsetzung oder Diskriminierung aufgefasst werden. Mancher Vorfall ist schon sprichwörtlich geworden, zum Beispiel „jemandem den Rücken zuwenden“, „die kalte Schulter zeigen“, „unter den Tisch fallen lassen“ oder „jemanden mit dem Arsch nicht angucken“. Zuweilen ignorieren wir Mitmenschen aus Zurückhaltung oder Schüchternheit. Wenn wir etwa verliebt sind und nicht wollen, dass die begehrte Person es merkt, weil wir nicht sicher sind, was sie für uns empfindet, dann behandeln wir sie in der Öffentlichkeit wie Luft. (Teenager-Momente!) Ignorieren hat also keine zwingend positive oder negative Konnotation. Zu ignorieren oder ignoriert zu werden ist dort ein Fluch, hier ein Segen und mitunter weder dieses oder jenes.

 

Was man wissen muss

In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts – einer sich im Nachhinein bemüht frigide anfühlenden Epoche, von der außer Neonlicht, knallfarbigen Sakkos mit überfetten Schulterpolstern und angeberischen Freeze-Elementen beim Breakdance nicht allzuviel im kollektiven Gedächtnis zurückgeblieben ist – war es wortwörtlich „cool“, seine Emotionen zu verbergen. Jegliche Gefühle – nicht nur Schwäche – waren als Aushängeschilder des Image, sowohl strategisch wie auch rein ästhetisch, oft unerwünscht und dementsprechend schlecht beleumdet. Ignoranz gehörte zum Zeitgeist und von daher ist es kein Wunder, dass Hans Magnus Enzensberger 1988 in „Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen“ diesem Thema einen Beitrag widmete. In „Über die Ignoranz“ reflektierte er zunächst den alten, konservativen Gram über lesefaule Gymnasiasten und Lehrlinge, die keinen Dreisatz mehr zu lösen vermögen. Dann führte er eine Friseuse ein, die neben Waschen, Schneiden, Fönen auch Wissensbereiche wie Prominentenleben oder Arbeitsrecht ansehnlich abdeckt. Enzensberger wollte nicht allein auf den Verlust des Kanons hinaus; er hatte die Strukturen im Blick: „Das hat nichts mit dem Umfang, sondern mit der Organisation ihrer Kenntnisse zu tun.“ Der Mensch der 80er wusste noch genau, was man wissen muss. Allerdings blieb ihm vom verlässlichen, klassischen Kanon, „trotz nimmermüder Aneignung, nur ein Quodlibet, um nicht zu sagen […] ein […] Müllhaufen, der noch dazu einer ständigen Umschichtung unterliegt.“ Was man wissen muss, änderte sich bereits damals alle paar Tage, weshalb ad hoc neue Informationen aufgenommen und erst kürzlich behaltene als inzwischen veraltet wieder verworfen wurden. Ständig ist Speicherplatz zu schaffen! Das Kurzzeitgedächtnis dominiert. Vergangenheit ist – im tieferen, von Geschichtsschreibung unabhängigen Sinne – völlig unwichtig! Enzensberger drückte das folgendermaßen aus: „Sie organisieren ihr Wissen und ihre Fertigkeiten nach dem Rolltreppenprinzip“. Bei aller Kritik hielt er seinen Zeitgenossen jedoch am Schluss zugute: „Wegen ihrer Kompetenz-Kompetenz braucht man sich, glaube ich, keine Sorgen zu machen.“ Er vertraute weiterhin auf Menschen, die gut unterscheiden und umsetzen können, was sie wissen müssen und was vergessen werden darf. An diesem Punkt muss man gut dreißig Jahre später einhaken.

(Photo: Michael Helming)

Ich schreibe jetzt einfach mal den Satz: „Sie wissen, was sie nicht wissen.“ Für Menschen in Enzensbergers Essay bedeutet er zwar nicht, sie wissen eigentlich doch, sie ignorieren lediglich wohlbekannte Fakten, jedoch bescheinigt er ihnen – immerhin! – eine gewisse Sensibilität für ihre Wissenslücken. Da klingt Sokrates an. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wenigstens das weiß ich und mit diesem Wissen versuche ich, einigermaßen up to date zu bleiben. Da steht „ignorieren“ im oben erwähnten, praktischen Sinn von „unkundig sein“. Bekanntlich existierte das Internet als Massenphänomen in den Achtzigerjahren noch nicht und überhaupt wollten Computer seinerzeit erst langsam zu einem solchen werden. Das Smartphone war unbekannt und für Otto Normalverbraucher in seiner Telephonzelle („Fasse dich kurz!“) wohl auch noch undenkbar. In den vergangenen drei Dekaden hat sich allerdings die Menge an Informationen, die auf jeden einzelnen von uns wirkt, radikal vervielfacht. Neben althergebrachter Konsumwerbung entstand die alle Lebensbereiche umfassende Aufmerksamkeitsindustrie. Jeder macht sich wichtig. Unter dem Druck dieser Flut an Impulsen musste sich notwendigerweise auch unsere Art zu ignorieren, nicht zu wissen, verändern. Der Satz „Sie wissen, was sie nicht wissen.“ gilt nur noch bedingt, denn inzwischen wird die Tatsache, dass unser Wissen voller Lücken ist, eigentlich nur noch aus Lücken besteht, gern ignoriert. Aus der Not, jederzeit smart und informiert zu sein, wird Halbwissen als Wissen definiert. Es ist ja nicht mehr notwendig, Inhalte im eigenen Hirn bereitzustellen; sie können bei Bedarf innerhalb kurzer Zeit digital abgerufen werden, wenn man denn weiß, wo zu suchen ist. Aber Transparenz hat keine Fans! Und so verlieren wir in diesem System die Fähigkeit, Wissen zu akquirieren und ohne fremde Hilfe zu ordnen, sprich einzuordnen. Seit einigen Jahren beobachtet die Forschung: Der IQ in der westlichen Welt geht zurück, derweil künstliche Intelligenz immer schlauer wird. („Hey Siri! Ist bald jedes Phone smarter als sein Benutzer?“) Wir wissen weder genau, was wir noch wissen, noch was wir nicht wissen. Was vor dreißig Jahren aussah wie die Schlussphase eines langen und langsamen Abschieds vom Universalgelehrten, der sich im Grunde spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog, stellt sich der Beginn des 21. als Ankunft des Universalignoranten heraus, der vermutlich nur eine Vorstufe von irgendetwas cyborgartigem ist, mit dem der Mensch nur wenig gemein haben wird. Da wir Bewohner der Gegenwart jene Zukunft nicht mehr erleben werden, wofür Freund Hein gedankt sei, können wir sie beruhigt ignorieren. Es handelt sich hier um ein sogenanntes PAL, ein Problem anderer Leute.

 

Nutzloses und alternatives Wissen

Es gibt zu viel, was man nicht wissen kann und gar viel zu viel, was man nicht zu wissen braucht. Wie soll man da überhaupt noch rational erkennen, was man wissen darf, sollte und muss? Wie verträgt sich diese Ungewissheit mit der Vernunft? Der Wert von nutzlosen und sogar unsinnigen Informationen scheint paradoxerweise zu steigen. Wo man wenig wissen kann und an jeder Ecke falsche und alternative Fakten abgerufen werden können, steigt die Sehnsucht nach echten und einfachen Tatsachen. Leicht verfügbar, einleuchtend und transparent sollen sie sein. Dabei ist es oft ein Kennzeichen von echten Fakten, dass sie genau das nicht sind. Wissen, über das viele anderen Menschen nicht verfügen, wird darüber zum Statussymbol. Das wertet Esoterik, Verschwörungstheorien und okkultes Gedankengut auf. Gesellschaftliche und politische Meinungen wandern von der Mitte an die Ränder; Nerds und Experten (Siehe dazu nicht nur LW41, sondern auch LW43!) schießen wie Pilze aus dem Boden. Die erste der großen drei Fragen Kants: „Was kann ich wissen?“ müsste demnach von nun an lauten „Was kann ich vergessen?“ Dabei vernünftig zu bleiben, stellt eine gewisse Herausforderung dar. Damit begeben wir uns langsam und im großen Bogen auf den Weg zurück zu Augustinus, der sich als Denker ja nicht allein mit der hypothetischen Unwissenheit seines Schöpfers quälte, sondern zudem mit der ganz realen eigenen.

„Das muss ich doch wirklich nicht mehr wissen, oder?“, war vor etwa fünfzehn oder sogar zwanzig Jahren die Antwort eines damaligen Spitzenpolitikers auf die im Morgenmagazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gestellte Frage, was ein Brötchen koste. Leider habe ich vergessen, welcher Politiker sich damals das einhandelte, was heute Shitstorm genannt wird. Das Internet hat es offenbar auch vergessen, obwohl es doch angeblich nie vergisst. Ging es damals konkret um Inflation oder doch eher um Bürgernähe? Egal. Tatsache ist, jener Politiker erlaubte sich, der Öffentlichkeit einzugestehen, andere Sorgen als manche Bürger zu haben – und damit zwangsläufig andere Wissensschwerpunkte. Mittels dieser Offenbarung blieb er eigentlich Mensch, wenn wir voraussetzen, Ignorieren sei Notwehr gegen „too much information“, Abwehrreaktion des Individuums gegen Überforderung. Dort wird der Brötchenpreis gestrichen, gewöhnliche Arbeitnehmer wissen oft nicht, wie teuer echter Kaviar ist, ich als Bahnfahrer kenne keine Spritkosten; so ignoriert jeder etwas und ruckzuck sind Allgemeinbildung und Bildungskanon fragmentiert und vernichtet, ohne dass damit der Übersichtlichkeit gedient wäre oder gar der Lebensqualität. Eigentlich will man ja auch nur seine Ruhe, doch ständig werden metaphorische Loren voller Sachen und Tatsachen von überall her angekarrt und über uns ausgekippt. Zu allem Überfluss haben wir vieles davon sogar noch nach bestem Wissen und Gewissen selbst bestellt. Der Mensch streift durch seine teils reale, teils virtuelle Welt, badet in sogenannten Interessen, gründelt in ihnen, ohne andere Leute beachten zu müssen. In (a)sozialen Netzwerken können sich alle über Ereignisse, Leidenschaften und Interessen austauschen. Einziges Kriterium ist der aktuelle private Fokus. Deckt der sich mit denen anderer, wird man vernetzt. Wo Interessen nicht passen, kommt man nicht zusammen. Man ignoriert da, wo es einem leicht gemacht wird, anderes lässt man ungefiltert an sich heran. Das Ego entscheidet spontan, was und wen es mit Aufmerksamkeit beschenkt. Ein Einfallstor für Manipulation. Bedarfslenkung, Propaganda und alternative Fakten arbeiten nach dem Prinzip KISS (keep it stupid and simple). Damit einher geht ein Paradigmenwechsel: […]

 

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Lichtwolf Nr. 79 (Ignorieren und loben)

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Dieser Beitrag ist die gekürzte Vorschau des gleichnamigen Essays in LW79.


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