Das Gerede vom Herbst 2012

von Sigmund Fraud

 

Hell came to Feuilletown this season, dabei ging es doch so routiniert mit einer Manche-sagen-so-manche-so-Debatte los, nämlich Anfang September, als die Stadt Frankfurt den diesjährigen Adorno-Preis an Judith Butler verlieh. Der Zentralrat der Juden war wegen des Kölner Beschneidungsurteils ohnehin noch sauer und dann das: eine Auszeichnung für die „Israel-Hasserin“, die erstmal offenzulegen hätte, inwiefern sie Hisbollah und Hamas für einen Teil der globalen Linken hält.

Ende September war der Knatsch hinfällig, als der auf Youtube herumgammelnde 14-Minuten-Film „Innocence of Muslims“ sein geeignetes Publikum fand. Riesenrandale in „der muslimischen Welt“, vor allem in den Teilen, die gar keinen Internetzugang haben, aber auch hierzulande warfen sich Wackere schützend vor den durch einen Youtubefilm entwürdigten Propheten. Überhaupt wiederholte sich der ganze aus dem Karikaturenstreit bekannte Zirkus aus Empörungs- und Provokationsüberbietungen (Charlie Hebdo, Titanic), vom Föjetong flankiert mit Aufrufen wahlweise zur Mäßigung, zur Niveausteigerung oder zur Verteidigung der Meinungsfreiheit oder der religiösen Gefühle.

Anfang Oktober regnete es diverse literarische Preise für Chinesen, deren Namen man sich merken sollte, womit die Chronisten der Geisteswelt beschäftigt gehalten waren, bis die Frankfurter Buchmesse losging. Auf der wurde nun fleißig gepriesen, was man in den Jahren zuvor verdammt hatte, nämlich die Digitalisierung. Schließlich hat sich der hiesige E-Book-Markt verdoppelt! Auf ein Prozent der Umsätze.

Kaum waren alle wieder daheim, schienen sich die Gerüchte um die Dissertation der Bundesbildungsministerin zu verdichten, womit ein neuer Plagiatsfall vorlag, dessen Medientauglichkeit sich diesmal weniger vom Charisma als vom Amt der Verdächtigen nährte. Frau Dr. Schavan bestritt die begutachteten Vorwürfe hartnäckig, das Interesse verebbte und sie ist zum Druckschluss aus den Medien heraus und noch im Amt.

Aus den Medien heraus war auch und wird sein Philip Roth, der dem Schreiben zufrieden den Rücken gekehrt hat und nur noch Leser sein will, was sich erst Mitte Oktober bis zum hiesigen Feuilleton herumgesprochen hat. Der war längst im Filmfieber und feierte Ende Oktober einhellig „Die Vermessung der Welt“ und „Skyfall“ ab.

Der November brachte dann neben dem UNESCO-Tag der Philosophie Katerstimmung mit sich, als das Zeitungssterben hierzulande Frankfurter Rundschau und Financial Times Deutschland dahinraffte. So, wie „Innocence of Muslims“ die Debatten des Frühjahrs 2006 wiederbelebte, gingen Blogger und Zeitungsjournalisten ihren Lesern wie anno 2009/10 auf die Nerven mit dem „Suhlen in der Ignoranz der ausgehärteten jeweiligen Filterblasen“ (Frank Rieger), vulgo ihren Streitschriften um Qualitätsjournalismus, Demokratie und freien Kinoeintritt. Zusätzlich Drall erhielt das ganze Ende November, als der Entwurf eines Leistungsschutzrechts für Verlage „in die Ausschüsse“ und dem Großteil der Menschen on- wie offline am Arsch vorbei ging.


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Unveränderte Fassung des Beitrags aus LW40.

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