Kein Anschluss unter dieser Nummer

Die harten Wissenschaften haben denen des Geistes den Rang abgelaufen, so sehr diese sich auch längst empirisch und beweisbar geben möchten. Als die Mathematik noch Numerologie hieß, ging es auch schon magisch, aber weitaus toleranter und humaner zu.

von Marc Hieronimus

Treffen sich zwei Wissenschaftler

Nur was mathematisch-logisch einzuordnen ist, hat in den Augen des Vulgär-Cartesianers Bestand. Das reduziert die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auf belächelte Faktenhuberei, wenn ihnen nicht gleich jegliche Daseins- und Förderberechtigung abgesprochen wird. Zwar tragen auch hier mittlerweile mathematische Herangehens- und Betrachtungsweisen dem sinkenden Ansehen des Nicht-mathematischen Rechnung, liegen dem Feuilletonisten von heute Begriffe wie „Spieltheorie“, „Bifurkation“ etc. bisweilen so süß auf der Zunge wie manchem Kollegen ein, zwei Generationen früher die (ungleich saureren) des historischen oder dialektischen Materialismus. Aber die Philosophie…? Nachdem alles Faktische und „Brauchbare“ nach und nach von harten Fachwissenschaften beschlagnahmt worden ist, beschränken sich ihre (universitären) Hauptberufler auf die Geschichte des Fachs und die wenigen unfruchtbaren, von der (eigenen) Wissenschaft für letztlich gegenstandslos erklärten Restfelder rund um Wahrnehmung, Sprache und „Welt“. Was philosophisch Interessierte antreibt – das Gute, Wahre, Schöne, die Kritik am Missstand, die Sinnproduktion, Sinn überhaupt, und zwar hinter allem, nicht zuletzt dem Leben – wird zwischen allen philosophischen (Lehr)Stühlen verhandelt.

Wo nun die großen Entdeckungen (vermeintlich) eine Weile zurückliegen und viel Lernbares hervorgebracht haben, andererseits die (Natur-!) Wissenschaften glücklicherweise seit beachtlicher Zeit zu den Schulpflichtfächern gehören, herrscht der Glaube, die Wissenschaft habe schon alles erklärt. Nichtsdestotrotz gibt es allerorts neue, revolutionäre Erkenntnisse, z.B. die Neusortierung des gesamten Lebens durch die Genforschung, die laufende Neujustierung der modernen Schöpfungsgeschichte seit dem (auch nur wahrscheinlichen) Urknall u.v.m. Wenn der Mensch von der Schule kommt, hat er vor allem gelernt, dass er den ganzen Stoff niemals wird überschauen können, und Naturwissenschaftsstudenten sind erstaunt und enttäuscht, wie beschränkt und mathematisch ihr jeweils gewählter Zweig doch ist. Dann doch lieber Technik: Natur beherrschen, anstatt sie zu verstehen. Und werden nicht ständig Ingenieure gesucht?

Im Zentrum, an der Spitze der Wissenschaft steht neuerdings das Wissen um die Märkte. Hier treffen sich Natur- und Geisteswissenschaftler. Und zwar zum Beten. Der Zahlenglaube hat sich mit dem an die Wirtschaft verbunden bzw. verselbständigt. Die Märkte aber sind Orakel, schlimmer: unberechenbare Gottheiten, die beruhigt und bedient werden müssen, nie aber zur Gänze verstanden, geschweige kontrolliert werden können. Nicht die Maschine, der Diskurs – der Markt sei uns Natur. Aber nicht wie in „Naturschutzpark“, Natur wie in „Naturgewalt“. Der Markt ist Mutter Natur und väterliche Ordnung, seine „unsichtbare Hand“ ist der Heilige Geist, als hätten wir Aufgeklärten, Abgeklärten Mono- und Pantheismus, Patriarchat, Nihilismus und Materialismus auf eine besonders widerliche Art miteinander verknüpft: Wir können nur rechnen und hoffen, sollen lieben; wirklich handeln können, dürfen wir nicht.

Was wir verlieren

Viel. Und im ganz Privaten wissen wir das noch. Ein berechenbarer Mensch ist simpel, ein berechnender ein Manipulator. Partnerschaftsagenturen „kalkulieren“ heute, wer mit wem am besten könne, aber die zahlenfixierte Leistungsgesellschaft muss uns schon übel mitgespielt haben, bevor wir uns vom „romantischen“ Traum der schicksalhaft-zufälligen Begegnung mit der Partnerseele verabschieden, die dann ja auch gar nicht, bloß nicht! perfekt sein muss. Bezahlt wird Glück einklagbar; „Schatz, bei aller Liebe, ich finde mit ‚acht von zehn Punkten’ in der Rubrik Kunstinteresse hast du ein bisschen geschummelt – sollen wir nicht gucken, ob wir uns die Vermittlungsgebühr wieder zurückholen können?“ … Nein, da geht die Liebe flöten. Geld macht alles kaputt.

Prostitution ist etwas anderes: Wenn die Damen und (wenigen) Herren dieses Dienstleistungssektors durchweg die gleiche private, rechtliche und soziale Absicherung wie (andere) Pflegekräfte genössen, wäre der Skandal nur ihre dann generell ungleich höhere Bezahlung. „Schmutzig“ ist nicht der Körpereinsatz. Schmutzig ist Geld für die Lüge von Gefühl, die Unehrlichkeit, eben Käuflichkeit. Das ahnen mehr als die Alt- die Neureichen, die ihren Damen materiell so viel bieten – und ihrer wahren Liebe doch nie sicher sein können.

Numerologie

Wir Aufgeklärten belächeln den Zahlenzauber – aber den falschen, nämlich den alten der Numerologen. Die Psychoanalyse hat sich als Grenzwissenschaft, d.h. als Torwächter etabliert, der bestimmt, was gerade noch Zugang hat zum akzeptablen „Wissen“, etwa Suggestion, Hypnose, Archetypen – hier waren Freuds Schüler schon offener als der auf sein Ansehen bedachte Lehrer-Vater – und was alles nicht. Die Trennlinie ähnelt sehr der alten zwischen weißer und schwarzer Magie. Alles Heilende ist erlaubt, Macht über Menschen und Dinge nicht. Telepathie, Telekinese, Hellseherei warteten damals wie heute vergeblich auf Einlass, von innen gesehen gibt es sie einfach nicht. Aber innen ist nun einmal auch nicht alles so geordnet, wie der schon die leidlich akzeptierten Seeleninhalte verdrängende Normalo glauben möchte: „Durchschnittliche Geister verlangen von der Wissenschaft eine Form von Sicherheit, die sie nicht liefern kann, eine Form von religiöser Befriedigung. Nur die echten, seltenen, wahren wissenschaftlichen Geister können den Zweifel aushalten, der all unserem Wissen anhängt. Ich beneide stets die Physiker und Mathematiker, die auf festem Grund stehen können [sic!]. Ich schwebe sozusagen in der Luft. Psychische Vorgänge scheinen unmessbar zu sein und werden es vielleicht ewig bleiben.“ Also sprach der Meister selbst. Die Durchsetzung der Psychoanalyse als Wissenschaft; der Wille, wo nicht alles, so doch möglichst viel zumindest halbwegs zu erklären; die Konkurrenz von wenig wissenschaftlichen, aber ungemein erfolgreichen Mystikern und anderen Großdenkern aller Zeiten; die Risiken der Beschäftigung mit dem Paranormalen – dies waren zweifellos Freuds Gründe für die klare, bis heute gültige Trennlinie zwischen untersuchbaren und zu tabuisierenden Themen. Und zu diesen gehört die Zahlenmystik, die heute allenfalls Fachhistoriker interessiert.

Egal, dass beinah alle Krieger und Politiker bis neulich sich damit das Schicksal haben orakeln lassen, und zwar nicht selten mit Präzision; egal, dass die wissenschaftlich-technisch so versierten präkolumbianischen Hochkulturen, allen voran die Azteken, ihr gesamtes Wissen auf Astronomie und Zahlensymbolik aufbauten, und doch irgendwie Wahrnehmung und Deutung in Einklang zu bringen wussten; egal, dass auch die europäischen Künstler, schlimmer: die europäischen Denker durch die Frühe Neuzeit hindurch bis vorgestern diese unsere kühle Zahlennarretei schon ob ihrer Schalheit abgelehnt hätten und Zahlenmagie fest in ihrem Menschen- und Weltbild verankert haben. Reuchlin, Agrippa, Paracelsus, John Dee, auch der heute gemeinhin als rationaler Aufklärer missverstandene Giordano Bruno waren die hellsten und mutigsten Denker ihrer Zeit – und Zahlenmystiker. Ihre auf kabbalistischen Schriften basierenden Erkenntnisse haben Bacon, Milton, Shakespeare, Marlowe beeinflusst, und auch die Werke Dürers, Cranachs, Brueghels des Älteren, Boschs usw. usf. sind Frances Yates zufolge ohne Kenntnisse ihres numerologischen Kontextes schlichtweg nicht zu verstehen. Und wer wollte sich heute noch als Wissenschaftler und Kabbala-Experte bezeichnen? Anders gesagt, „wir“ sind längst ganz woanders. Aber sind wir in jeder Hinsicht sehr viel weiter? Nein. Zahlen sollen, mit dem (Sprachphilosophen und) Mathematiker Frege gesprochen, Bedeutung haben, Sinn haben sie gefälligst nicht.

Schon gemessen am Verlust historischer Erkenntnismöglichkeit scheinen wir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, den Schutzwall zu eng gezogen zu haben. Und rührt das Hohle, Schale der heutigen Kunst, nicht zuletzt der Literatur, nicht auch just von diesem Mangel an Höherem bzw. Tieferem her? Den zeitgenössischen Literaten sind selbst die Leidenschaften des Menschen suspekt, sofern sie nicht die sexuellen Spielarten betreffen. Jenseits des Rationalen gibt es nur die Vampir- und Zombie-Folklore, also nichts, jedenfalls nichts Ernstes. Die Kunst ist heiter. Ernst ist das metrisierte Leben, sind die Zahlen von Artensterben bis Zellforschungsbudget, von Altersarmut bis Zweidrittelmehrheit, die es braucht, um, wie der Anarcho sagt, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Schon empört sich wieder niemand mehr über die lächelnden Börsenberichterstatter.

Der Mensch als Zahl

Menschen sind keine großen Nummern, wenn ihr Verhalten oder ihr Wesen durch Nummern benannt werden kann. 08/15. Eine Nummer abziehen, nämlich eine einstudierte, wie im Zirkus, nur weniger artistisch, schlimmstenfalls eine ganz billige. Die inneren Werte sind nicht in Zahlen zu fassen. Leute mit solchen sind nicht zu bezahlen, oft nicht einmal zu kaufen. „Sie sind hier nur eine Zahl.“ Oder der Stalin zugeschriebene Spruch, ein Toter sei eine Tragödie, eine Million nur eine Zahl. „Ziehen Sie eine Nummer, Sie kommen gleich dran.“ So wird man beim Amt schon ganz klein, ehe man die Trulla oder den grauen Mäuserich hinterm Schalter überhaupt zu Gesicht bekommt. Aber das ist „Demokratie“, nämlich der Masse. Nein, das ist Etatismus.

Überlagerte Graphen von drei Funktionen über den Komplexen Logarithmus, Graphik: Sam Derbyshire, Wikipedia, CC-by-SA 3.0

Die Kritische Masse

Haben wir gerade nicht. Die Masse ist unkritisch, dabei weder gut noch schlecht. Sie ist formbar, Vorwand. Im eigentlichen Sinne haben wir sie doch: die Masse ist derart, dass eine „Krise“ bevorsteht, also ein Sattelpunkt, nach dem es enden oder weitergehen kann, und zwar gleich oder anders. Wahrscheinlich anders. Unsere Demokratieform ist zweifellos philosophisch gut abgesichert. Aber fanden sich nicht auch nach der Machtübertragung 1933 nur zu rasch ranghöchste Denker, die die neue Staatsform legitimierten? Und ließe sich nicht auch mit Proudhon, Kropotkin, Landauer etc. regieren? Nein, regieren eben nicht. Aber leben ließe sich mit ihnen. Weniger Staat, weniger Herrschaft, aber bedingungsloses Grundeinkommen und Schutz vor den Geldsäcken. Das ist die Großbaustelle der Linken, ja selbst die Ultrarechten machen sich die Hochfinanzkritik zu eigen.

Die ohnehin nie aktuellen, unvorstellbaren Zahlen der Staatsverschuldung… Wer zahlt das? Revolutionen fingen immer mit Schulden an, heißt es jetzt im Feuilleton und gelegentlich sogar schon im Wirtschaftsteil. Aber es muss mehr geben. Ein Bewusstsein. Ein Gegenmodell. Schuldenschnitte, selbst Enteignungen bedürfen nur einer Mehrheit. Ach, einer Unterschrift. Und viel guten Willens. Derweil ringen ungewählte Lobbyisten mit ungewählten NGOs um den Gang der Weltgeschichte. Da lockt der ausrangierte Hanomag, der Bauwagen, nein: Wir wollen in die Landkommune mit einem Speicher voller Zelte, um abhauen zu können, wenn es schief geht. Und das tat es bisher immer.

Der Schnitt

Wenn man mit einem Fuß in kochendem, mit dem anderen in Eiswasser steht, fühlt man sich im Schnitt genau richtig. Darum geht es „uns“ ja auch gut. Oder schlecht. Was gerade opportun ist. Die Masse macht blind, ganz ohne es zu wollen. „Fresst mehr Scheiße, Milliarden Fliegen können sich nicht irren.“ Aber die Scheißfliegen irren ja gar nicht, ebensowenig wie ihre auf faules Obst, tote Tiere oder Erfrischungsgetränke spezialisierten Verwandten – der Irrtum liegt beim Menschen, der sich mit ihr, und sei es im Scherz, gemein macht.

The number is the message

„Intelligenz“ ist messbar, aber das Gemessene darf man nicht mit der evolutionär und wahrscheinlich auch im Fortpflanzungswettbewerb so wichtigen Eigenschaft gleichen Namens verwechseln. Die IQ-Cracks vom Mensa-Club sind weder handwerklich noch musisch oder emotional sonderlich begabt, sie können nur diese Nerd-Aufgaben besser lösen.

So kam man neulich auf die Idee, statt immerzu „Wohlstand“ zum Beispiel einmal Lebensqualität zu messen, wie sehr man da auch immer bei den Kriterien pfuschen kann. Offenbar sind diese Irren in Bhutan ohne iPod und Hedge Fonds „glücklich“. Und wenn uns das nicht nachdenklich macht, haben wir zumindest wieder eine Top-Nachricht produziert, von gleicher Wichtigkeit wie die Knaller aus den anderen Sparten: Bauer-sucht-Jungfrau-Heinz weint um seine Mutter; 15.000 Tote bei Überschwemmungen in Bangladesh; Video der Woche: Beagle Foxy spielt Schach; Wellness: So kommen Sie schlank über die Feiertage…

Wahrscheinlich

Etwas scheint wahr, ohne es zu sein. Die meisten Menschen lassen sich von Wahrscheinlichkeiten in die Irre führen. Auch Wahrscheinlichkeitsrechnung gehört auf den Lehrplan der Sekundarstufe I, zusammen mit Demoskopie und wirklichkeitsnahen Textaufgaben. „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, heißt es – falsch – in einschlägigen Kreisen. Als müsste man lügen, um die Unwahrheit zu sagen! Einfach den richtigen Ausschnitt wählen, den falschen Vergleich ziehen, Stichwort Weimarer Verhältnisse, oder die Dimension wechseln. Ein negativ besetzter Wert, z.B. Emissionen, nimmt zu, vielleicht nimmt auch das Zunehmen zu, aber das Zunehmen des Zunehmens des Zunehmens oder irgendein Zunehmenx muss per definitionem in jeder Entwicklung stabil bleiben oder abnehmen, solange der nächste Punkt nicht „unendlich“ ist. Auf deutsch: Ich fahre an die Wand, gebe mächtig Gas, aber das Schnellerwerden lässt nach. Na, wenn das keine Beruhigung ist!

Visionen & Umfragen

Politik – das Aushandeln von Zwecken und Mitteln zu ihrer Erreichung vor dem Hintergrund klar definierter Ziele – findet nicht statt. Es gibt keine Ziele. „Wenn ich Visionen habe, gehe ich zum Arzt“, sagt man mindestens seit Helmut Schmidt. Das gilt offenbar auch für Horrorvisionen, selbst wenn sie von (im doppelten Sinne) engagierten Wissenschaftlern kommen. Der „Volksvertreter“ geht zum Arzt. Und zwar zum Zahnarzt, zum Schönheitschirurgen und zum „spin doctor“, weil der Zweck die Wiederwahl und das Mittel die Selbst- und Bilanzverschönerung ist.

„50% der Deutschen fühlen sich vom Islam bedroht“. Das ist erfunden. Wahrscheinlich [sic!] sind es mehr. Oder eben weniger. Wer wurde denn gefragt? Was ist „der Islam“? Was wurde gefragt? Nie, buchstäblich niemals werden Erkenntnisinteresse, Wortlaut und Problematik des Fragebogens erläutert, und die Befragten, das schwingt unhinterfragt mit, sind selbstverständlich „repräsentativ“, was auch immer das bei rund 80 Millionen noch nicht gänzlich gleichgeschalteten Menschen auf deutschem Grund auch immer heißen mag. Selbst in den drögesten soziologischen Fachpublikationen sucht man in der Regel vergeblich nach Ort und Zeit der Befragung: Beim interkulturellen Grillfest oder in der Dönerbude ist die Islamfurcht womöglich geringer als an der montagmorgendlichen Vorstadt-Bushaltestelle mit lauter „Kopftuchmädchen“ (Sarrazin) oder dem neuesten Hass-SPIEGEL vor der Nase.

Es gibt auch „echte“ Zahlen. „Ausländer“ sind krimineller als „Deutsche“. Ist so, machen wir uns nichts vor. Die Anführungsstriche zeigen es schon an, bereits, nein, vor allem die Grenzziehung ist das Politische hinter den interesselosen Zahlen. Arme und Chancenlose klauen öfter als Reiche und Gebildete. Und, nicht unwesentlich: Ein winziger Teil der Wirtschaftsstraftaten verursacht fast den gesamten wirtschaftlichen Schaden, und Offshore-, Hedgefonds- usw. Geschichten, der Raubbau an der Natur, Getreidespekulation sind dem Gesetz nach nicht einmal kriminell, ebenso wenig wie alles himmelschreiende Unrecht, das – heute für Erdöl und Metalle, früher für Felle, Wein – seit Jahrtausenden aus wirtschaftlichen, also Herrschaftsinteressen begangen wurde und wird. Das alles fehlt bei den echten Zahlen. Weshalb es doch die falschen sind.

Maße

Wer wie der Autor dieser Zeilen seine ohnehin schwierigen Pubertätsjahre in den späten Achtzigern verleben musste, kennt noch Curie, Bequerel und Sievert, die nicht mit rad, Rem, Gray, Coulomb und Röntgen zu verwechseln sind. Einige Einheiten fielen der Metrisierung zum Opfer, was zweifellos eine Vereinfachung ist. Immer noch aber sind wir in Unkenntnis über die Radioaktivität: Langzeitwirkung, Strahlungsarten, Mikropartikel, Höchstdosis, natürliche Strahlung, Zerfallsraten, das geht bunt durcheinander, und soll es auch. Dafür gibt es Experten. Und die wussten noch immer, was gut für uns ist. Experten sind die Geistlichen von heute; die Vermittler göttlichen Wissens.

Jenseits der Zahlen: der Mensch

Wie vermessbar ist der Mensch geworden: Normal- und Idealgewicht, Zuckerwerte, Blutdruck, Lebenserwartung usw. Er ist vermessen im mathematisch-medizinischen, weniger allerdings im alten Sinne. Der Hochmut ist dahin, seit die Wissenschaft auch sein Umfeld vermessen und – angewandt – zu Auschwitz und Hiroshima geführt hat. Es wird wieder klarer, was wir verloren haben: Das Spirituelle, Besinnliche, Übersinnliche war bis 1945 möglich, und 1968 noch einmal, als die Kinder von 1945 mit den Vätern abrechneten. Dann ging es wieder unter, in Spektakel und Konsum. Zahlen sind Spektakel und Konsum, ohne Tiefe, ohne Sinn.

In zwei Domänen hat altes, heidnisches oder schlichtweg anderes Wissen sich bewahren und behaupten können, nämlich dort, wo es den Menschen im Innersten berührt: in der Medizin und in der Landwirtschaft. Das betrifft nicht nur die (unbestritten auch von zahllosen Spinnern und Geschäftemacherinnen besetzte) „alternative“ Heil- und Kräuterkunde europäischer und fernöstlicher Spielart. Auch, nein gerade die härtesten Wissenschaftler von Bayer & Co interessieren sich brennend für die Überbleibsel „wilden“, vor allem afrikanischen und altamerikanischen Kräuterwissens. Und die neu-alte Biolandwirtschaft scheint auch ganz gut zu funktionieren. Mehr Toleranz ist gefragt. Patente sind schlimmer als Folklore. Mehr Offenheit, öfters mal staunen. Tradition akzeptieren: Es ist doch sonderbar, dass ausgerechnet wir zum Zeitpunkt leben, da sich vieltausend Jahre lang durchaus erfolgreiche Praktiken als unwirksam oder gar schädlich erweisen, bloß weil sie nicht in die knallharten Naturwissenschaften passen. Und selbst wenn alles Quatsch ist: Vor dem Wegerklären erstmal hinschauen. Zur Not ein „falsches“ Weltbild funktionalistisch sehen: Wenn es die Leute doch glücklich macht… und sich im Stillen rühmen, dass man es besser weiß. Und doch nicht froh darüber wird. Jedes grenzwissenschaftliche Denken ist zu unterstützen, insofern es selbst zu (Formen von) Erkenntnis führt, weil Wissenschaft per se sich mit allem beschäftigen, sich allem stellen muss – und weil nur ein gemeinsames, umfassendes, „ganzheitliches“, undogmatisches, täglich neu zu verhandelndes Wissen (z.B. auch um globale Ungerechtigkeiten) die Menschheit von der parasitären wieder zurück nach vorn auf die Stufe der symbiotischen Tierart erheben kann.

Mathe ist nicht schuld. Mathe ist, wie der Pennäler weiß, „ein Arschloch“, und was die Geldraffgier angeht, hat das auch Freud nur wenig feiner ausgedrückt. Der Geist ist fehl am Platz in diesen letztlich doch sehr seichten Feuchtgebieten.


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« Referenzpunkte im Chaos Zählbarkeit statt Subjektivität und Existenzerfahrung »


Unveränderte Fassung des Beitrags aus LW40.

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