Links der Woche, rechts der Welt 26/20

Das goldene Kalb des Kapitalismus

Seit 1971 sind der Dollar und hinterlegte Goldwerte entkoppelt. Giorgio Agamben denkt in der NZZ über die Entmaterialisierung des Geldes und den religiösen Charakter des Kapitalismus nach, dem selbst Nietzsche, Marx und Freud nicht entkamen und der sich in Kredit und Spektakel voll entfaltet. (21.06.20)

 

Die Revolution muss gehegelt werden

Vor 200 Jahren schrieb Hegel das Vorwort zu seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ ab, woran Christian Thomas in der FR erinnert, indem er seine eigenen mühevollen Lektüreerfahrungen in den 1970ern (nebst Sekundärliteratur) schildert, in die sich immer schon Marx, Habermas, Maoisten und die in ihre Gedanken gefasste Zeit einmischten. (24.06.20)

 

Bücher

Zwei Bücher über Fridays for Future werden in der FAZ rezensiert: ein gelungenes Generationenportrait und eine alberne Polemik. +++ Jürgen Dahls „Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung“ sowie ein Band mit Essays des kritischen Gärtners und ketterauchenden Öko-Philosophen sind neu aufgelegt worden und die SZ staunt, wie lange schon vor dem Machbarkeitswahn gewarnt wird. +++ Die FAZ stellt das Buch „Fake Facts“ vor, worin Katharina Nocun und Pia Lamberty die Szene des Verschwörungsglaubens durchaus wissenschaftlich und lebenspraktisch beleuchten. +++ Außerdem hat man bei der FAZ das Geständnisbuch von Christopher Wylie gelesen, der mit Big Data und Microtargeting dem „inneren Kolonialismus“ der Trump- und Brexit-Kampagnen gedient zu haben meint. +++ Paul B. Preciado ist ein transsexueller „Dissident des Geschlechtersystems“ und blickt in einer von der SZ rezensierten Aufsatzsammlung auf die im Irrsinn normierte Gegenwart. +++ In Berlin wird an der Hannah-Arendt-Gesamtausgabe gearbeitet, die in Buchform sowie online erscheinen soll, wie es im Tagesspiegel heißt.

(Photo: dolphy36, pixabay.com, CC0)

Radio

Hartmut Rosa und Jürgen Wiebicke sprechen im Philosophischen Radio des WDR 5 über corona-bedingte Entschleunigung. Mehr als der kleine Prinz: Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Antoine de Saint-Exupéry und morgen geht es bei Essay und Diskurs um den öffentlichen und engagierten Intellektuellen. Donatella Di Cesares „Philosophie ist Denken im Exil“ ist eines der Themen morgen bei Sein und Streit.

 

Berichte aus der Akademie

An der Leuphana Universität Lüneburg wird Fachidiotentum nicht gefördert: Die SZ berichtet über den dortigen Ansatz, Erstsemestern zunächst den Blick über den Tellerrand zu lehren. +++ Die Frage, ob man aus eigenen Werken zitieren kann, ist nicht nur eine der akademischen Eitelkeit: Die FAZ schreibt über eine Studie zur Manipulation von Citation Indices durch Selbstzitate. +++ Die Fähigkeit, gedanklich in die Zukunft zu reisen, ist eng mit dem Gedächtnis verknüpft, wie bei Spektrum zu lesen ist. +++ Michael Jäckel denkt als Präsident der Universität Trier bei Telepolis über die bisherigen Erfahrungen mit der pandemiebedingt ins Internet verlegten universitären Lehre nach. +++ Mir macht das nichts, aber anderen ganz bestimmt – diese Grundhaltung des Maternalismus [sic!] hat eine Studie ausgemacht, über die die SZ berichtet.

 

Die Unordnung der Dinge

Im FR-Interview erklärt Martin Hartmann, warum wir auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens auf Vertrauen angewiesen sind – und welche Gefahren das birgt. +++ Schnauze voll: Carolin Wiedemann denkt im Tagesspiegel hoffnungsvoll darüber nach, ob es #meToo, #BlackLivesMatter und Fridays for Future gelingen könnte, gemeinsam die Systemfrage zu stellen. +++ Der Freitag blickt nach Frankreich und das dortigen Ringen um Souveränität, in dem auch Michel Onfray mit seiner Querfront-Zeitschrift mitmischt. +++ Die Printausgabe der Spex wurde vor zwei Jahren eingestellt, nun fällt auch der Onlinebetrieb des Musikmagazins der pandemiebedingt verschärften Anzeigenkrise zum Opfer, wie die taz meldet, die auch darüber berichtet, wie die bisher unabhängige Zeitung „Wedomosti“ unter Kreml-Kontrolle gerät. Der Guardian mutmaßte schon Anfang Mai über ein Massenaussterben von Medien infolge der Corona-Krise.

 

Kant als Rassist

Im Zuge der #BlackLivesMatters-Proteste geht es nicht nur in den USA Denkmalen an den Kragen, die Kolonialismus und Sklaverei verherrlichen. Christian Thomas macht in der FR seinem Unbehagen über den identitätspolitischen Furor und die bilderstürmerische Randale Luft, während Friederike Haupt in der FAZ kommentiert, es sei gut, dass nun darüber diskutiert wird – auch wenn es ihr in den Fällen Churchill und Kant etwas zu grobschlächtig zugeht. Floris Biskamp merkt im Tagesspiegel an, dass die Debatte um Kants Rassismus alt, der Vorwurf gerechtfertigt und Kant doch nicht aus dem Kanon zu streichen ist. Micha Brumlik reagiert u.a. darauf in der taz, wo er umfassender nach Kants Verhältnis zum Kolonialismus fragt und seinen Zeitgenossen Anton Wilhelm Amo ins Spiel bringt.

 

Trotz Philosophie

Daniela Dröscher macht allen in der ZEIT Mut, das eigene Leben als autobiographisch erzählenswert ernst & in die Hand zu nehmen. +++ An der Barenboim-Akademie müssen Musiker auch Geisteswissenschaften pauken und Umweltschutz und Frauenrechte gehören zusammen: Die ZEIT portraitiert Roni Mann, die als Juristin an einer Musikakademie Philosophie lehrt; außerdem wird uns ebd. Émilie Hache vorgestellt, die eine aktuelle Vorkämpferin des streitlustigen Ökofeminismus ist. +++ Bei openDemocracy geht Julian Göpffarth der Frage nach, wie Heidegger zum Vordenker des Ökofaschismus von Neurechten werden konnte, und Telepolis unterhält sich mit Yannick Passeick darüber, wie Rechtsradikale an Umweltthemen andocken und sie zur Verbreitung ihrer Ideologie nutzen. +++ Auch der Freitag war im Deutschen Historischen Museum und hat die „spannende“ Ausstellung über Hannah Arendt besucht. +++ Eher nicht zufrieden damit, wie Stadt Wuppertal den 200. Geburtstag ihres berühmten Sohns Friedrich Engels begeht, ist die WELT. +++ Im jüngst erschienenen Lichtwolf Nr. 70 geht es um „Opfer“. Die Ausgabe gibt es als dickes, werbefreies Heft und als preiswertes E-Book – übrigens auch bei Scribd.

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