Links der Woche, rechts der Welt 28/20

Die ungleichgewichtige Spezies

Wann fing das Anthropozän eigentlich an? Mit der Atombombe oder mit der Sesshaftwerdung des Menschen? Josef H. Reichholf rekapituliert in der NZZ, dass homo sapiens schon immer eine Naturkatastrophe war, und ist trotz der gegenwärtigen Lage ein wenig optimistisch, dass der Mensch dank Empathie und Improvisationstalent noch die Kurve kriegt. (04.07.20)

 

Die bewusstlosen Maschinen

Die Kognitionswissenschaftler Albert Newen, Constantin Rothkopf, Nele Russwinkel und Martin V. Butz haben sich bei Spektrum für einen Essay über die Frage zusammengetan, was Künstliche Intelligenz, die von der unseren seeehr verschieden ist, uns über unseren Verstand lehren könnte. (06.07.20)

 

Privilegien oder Unschuld?

Niemand ist unschuldig in Strukturen, die die einen für den Wohlstand der anderen ausbeuten. Ob es um Rassismus oder Fleischfabriken geht, Elisabeth von Thadden denkt in der ZEIT über die Schuld nach, die die Kehrseite des Privilegs ist, und befragt dazu u.a. Jaspers und Arendt. (08.07.20)

 

Die Rückkehr der Keule?

Die Debatte um Antisemitismusvorwürfe gegen Achille Mbembe ist inzwischen etwas abgekühlt, hat aber Spuren hinterlassen. Irit Dekel und Esra Özyürek beklagen in der ZEIT, jedes Abweichen vom ritualisierten Holocaust-Gedenken gerate unter Verdacht, antisemitisch motiviert zu sein – vor allem, wenn es von Minderheiten „begangen“ wird. (10.07.20)

(Photo: StockSnap, pixabay.com, CC0)

Bücher

Byung-Chul Han hat wieder ein Büchlein rausgehauen und der Tagesspiegel findet seine These stichhaltig, in der Auslöschung von Schmerz und Leid einen weiteren Vorboten des Überwachungskapitalismus zu sehen. +++ Micha Brumlik preist Omri Boehms Israel-Buch in der ZEIT als das „wohl bedeutendste Buch zur Lösung“ des Nahostkonflikts, die schon immer im Zionismus enthalten war. +++ Jim Holt beschäftigt sich in „Als Einstein und Gödel spazieren gingen“ nicht nur mit diesen beiden Ausnahmedenkern; für die SZ pendelt er zwischen intellektueller Heldenverehrung und wissenschaftsjournalistischem Rufmord. +++ Der Macht und Kraft der Form im weitesten Sinne hat Robert Pfaller sein jüngstes Buch gewidmet, das im Standard vorgestellt wird, und auch die SZ lobt, wie geschmeidig es Pfaller um eine „grundlegende Ästhetik des Miteinanders“ geht. +++ Zum 70. Geburtstag des Suhrkamp-Verlags erscheinen Essays seines Gründers Peter Suhrkamp, die der SZ in Erinnerung rufen, wie anders die Zeiten und der Verlag anfangs noch waren, und auch Glanz & Elend staunt, was Verlegern Mitte des 20. Jahrhunderts noch denkbar war. +++ Sebastian Ostritsch bemüht sich in seiner Hegel-Biographie um einen anschaulichen Zugang zum Denken des Portraitierten, was der SZ zu sehr hinter Hegels eigenem Anspruch zurücksteht.

 

Bild und Ton

Nämlicher Sebastian Ostritsch hat auch einen Youtube-Kanal, auf dem er sehr anschaulich Hegel erklärt, Tattoos zeigt, aus seinem Buch vorliest und Schnaps trinkt, wie etwa in diesem Clip, in dem er klarstellt, ob und was Dialektik mit „These, Antithese und Synthese“ zu tun hat:

Im Philosophischen Radio des WDR 5 ging es zuletzt um Körperlichkeit und Lebenskunst. Unter der Überschrift „Schweigen oder Schreiben“ widmet der DLF heute seine Lange Nacht der Verwandlung von Leid in Literatur. Bei Essay und Diskurs wird morgen früh die Reihe „Projekt Weltverbesserung“ mit Mathias Greffraths Überlegungen fortgesetzt, warum Utopien scheitern. Die Geburtstagskinder Derrida und Blumenberg werden bei Sein und Streit gefeiert.

 

Berichte aus der Akademie

Mit dem ewigen Eis ist es vorbei, wie die SZ bei ihrem Blick auf die sich derzeit vollziehende Klimakatastrophe nördlich des Polarkreises schreibt. +++ Wespen – lesen wir in der SZ – gucken Artgenossen gern beim Streiten zu und beweisen damit eine soziale Intelligenz, die man nur von höheren Wirbeltieren kennt. +++ Die Germanistin Kerstin Stüssel wundert sich in der ZEIT über die Vehemenz, mit der die Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen in der akademischen Lehre gefordert wird; derweil öffnen die Berliner Uni-Bibliotheken wieder ihre Lesesäle – wenn auch mit Zugangsbeschränkungen, wie im Tagesspiegel steht. +++ Ruhig mal im Lesesessel versumpfen: Einer Studie zufolge, über die sie SZ berichtet, wird überschätzt, wie wichtig Schlanksein für den sexuellen Erfolg ist. +++ Depressionen sind so weit verbreitet, dass Spektrum wohl tut mit der Anleitung für Angehörige und Freunde von Erkrankten.

 

Die Unordnung der Dinge

Die ZEIT unterhält sich mit Rainer Forst über sein Staunen, wie flink in der Pandemie Grundrechte eingeschränkt wurden und (auch internationale) Solidarität in Vergessenheit geriet. +++ Im Freitag/Guardian ist Billy Braggs Suada gegen „Cancel Culture“ als jüngstem Kampfbegriff im Arsenal der verantwortungsscheuen Privilegierten zu lesen. +++ Einigermaßen triumphierend meldet die SZ nach dem Besuch der entsprechenden Ausstellung in St. Pölten, Hitler sei als Kind und Jugendlicher ein Freak und Versager gewesen. +++ Im Sommer aller ungeraden Jahre treffen sich Kleinverlager und Kunstdruckerinnen zur Minipressen-Messe in Mainz, wo man sich, wie die FAZ kommentiert, wohl endlich des maroden Gutenberg-Museums erbarmt. +++ Die NZZ stellt uns die sozialistische Dating-Plattform Red Yenta vor.

 

Hans Blumenberg 100

Zum 100. Geburtstag von Hans Blumenberg bringt die FR eine wirklich schöne Eloge auf sein Leben und Denken auf Umwegen. Wie üblich gibt es diverse termingerechte Neuerscheinungen. Unter ihnen widmet die ZEIT besonders Rüdiger Zills „intellektuelle[r] Biographie“ Blumenbergs ihre Aufmerksamkeit und die FAZ freut sich, dass mit „Realität und Realismus“ Blumenbergs Gesamtausgabe um eine Auseinandersetzung mit historischen Wirklichkeitsbegriffen erweitert worden ist.

 

Trotz Philosophie

Auf den 250. Geburtstag Hegels bereitet uns der Standard mit dem denkbar knappsten Abriss von Leben, Werk und Bedeutung vor, während er in der NZZ als Stichwortgeber für die raunende Frage dienen darf, ob wir dem Staat nach der Corona-Krise noch trauen können. +++ Arno Widmann macht in der FR eine Inventur des Rassismus trotz Philosophie von Augustinus über Locke bis zu Kant; weit weniger nachsichtig fällt Susan Arndts Blick in der taz auf denkerische Zuarbeit zu Sklaverei und Rassismus seit Aristoteles aus. +++ Auch der Tagesspiegel war in der Braunschweiger Ausstellung über den afrodeutschen Descartes-Antagonisten Anton Wilhelm Amo. +++ Der Freitag/Guardian unterhält sich mit Bruno Latour über das utopische Potential des Lockdowns und die Gaia-Hypothese. +++ Walter Benjamin untersuchte in seinem „Sürrealismus“-Essay [sic!], wie zeitgenössische Künstler mit der Entzauberung der Welt umgingen, und der Standard stellt den Aufsatz in seiner WB-Reihe vor. Nahe der Stadt, in der Benjamin sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, ist der Ex-Mann von Marine Le Pen zum Bürgermeister gewählt worden und versucht sich, wie die taz meldet, des berühmten traurigen Gastes zu bemächtigen. +++ In der Rechtsprechung zeigt sich, welchen großen Einfluss die Philosophie haben kann, wie Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne erklärt.

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