Links der Woche, rechts der Welt 42/20

Wahrheit 1 und 0

Darüber, welchen Anteil der Mensch an sogenannten Naturgesetzen hat, denkt Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne nach, während die ZEIT uns an dem Rätselraten in Philosophie und Kognitionswissenschaften darüber teilhaben lässt, wieso wir wissen, wenn etwas fehlt.

Die Trump-Regierung hat sich mit einem Spiegellabyrinth aus Lügen und Täuschung umgeben, was Florian Rötzer bei Telepolis an das barocke Narrenschiff und das Höhlengleichnis erinnert. Derweil gibt es in den MINT-Disziplinen nicht den geringsten Zweifel an den „realen“ Verhältnissen, weshalb munter geforscht werden kann: Paul Nemitz und Matthias Pfeffer warnen in ihrem Buch „Prinzip Mensch“ aber vor einem digitalen Prometheismus in Sachen Big Data und KI. Letztere macht aus unseren Profilen in sozialen Medien ja schon Kinofilme, wie die FAZ durchaus fasziniert über das filmische Kunstprojekt von Philip Gröning schreibt. Derweil freut sich die SZ über die popkulturelle Renaissance der Raumfahrt.

Ganz anders dagegen die Anderswelten von Hanns Heinz Ewers: Der DLF wiederholt heute die Lange Nacht über den „Stephen King des wilhelminischen Kaiserreichs“, der einst auch groß von Michael Helming in LW29 und „Leichen treppauf“ portraitiert ward. Apropos: Das Einkaufszentrum hat ein neues Layout, das handyfreundlicher sein sollte als das bisherige, weil laut Google die meisten Leute das hier mobil lesen.

 

Brauner Astroturf

Wilhelm Heitmeyer erklärt im taz-Interview, was es mit dem „konzentrischen Eskalationskontinuum“ auf sich hat, dass er in der neurechten Szene ausgemacht hat. Die „Proud Boys“ sind einem Millionenpublikum durch Hundepfeifenerwähnung im ersten TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden bekannt geworden. Annika Brockschmidts Portrait dieser Truppe zeigt uns in der ZEIT ein Worst-of all dessen, was toxische Männlichkeit hervorbringen kann.

Vom Gaming über Incels bis zum Trumpismus: In einer spannenden vierteiligen Serie wird bei „Keinen Pixel den Faschisten“ die sogenannte „GamerGate“-Affäre von 2014 aufgearbeitet, die zeigt, wie das misogyn-rechtsradikal-verschwörungsgläubige Astroturfing im Netz funktioniert. Hier lassen sich auch einige Strategien wiedererkennen, die die FAZ-Wissenschaftsredaktion im Umgang mit Corona-Skeptikern herausfordern: Ist es nicht Verrat an Karl Popper, abweichende Meinungen als Desinformation abzutun?

Und die Meinungsfreiheit überhaupt? Jan Freyn gehört zu den Unterzeichnern eines umstrittenen Appells für „freie Diskursräume“ und verteidigt sich und andere „Linke und Liberale“ in der ZEIT u.a. mit Voltaire und strategischen Überlegungen gegen die Unterstellung, damit Rechtsreaktionären einen „Diskurserfolg“ zu bescheren.

„Wie viel Demokratie verträgt die Polizei? Und wie viel Polizei verträgt die Demokratie?“, fragt Georg Seeßlen im Freitag angesichts täglich neuer Einzelfälle von brutalen Rassisten in Uniform und der Geschichte der Institution, die um aller Beteiligten willen eine Aufklärung nötig hat.

 

Fuckedness-Faktoren

William Gibson zählt seit 40 Jahren zu den Sci-Fi-Autoren, die die Gegenwart in die Dystopie fortschreiben können, und so ist eine Künstliche Intelligenz die treibende Kraft in seinem neuen Zeitreisethriller, den die SZ vorstellt.

In Corona-Zeiten wird gern Orientierung suchend auf die Spanische Grippe geblickt. Medizinhistoriker Klaus Bergdolt geht noch weiter zurück bis zur Pest von 1348 und lädt dazu ein, in der Panik der Bevölkerung, dem Kampf der Mediziner und dem Zaudern der Herrschenden nach Parallelen und Unterschieden zu heute zu suchen. (Auch weil in 700 Jahren ähnlich über uns und unsere kulturelle Erneuerung durch die Seuche gemutmaßt werden wird.)

Jonathan Lear hat anhand des Crow-Stammes eine philosophische Anthropologie des Kultur- und Identitätsverlusts geschrieben, die den Tagesspiegel das diffuse, nicht ganz hoffnungslose „Gefühl einer zivilisatorischen Verletzlichkeit“ erahnen lässt.

Die taz bringt einen Vortrag von Srećko Horvat über die sich in 2020 aufdrängenden eschatologischen Kipppunkte und die politische Kraft der Katastrophe. Mit den sozialen Kippmomenten und verpassten utopischen Chancen in der Corona-Krise beschäftigt sich Georg Seeßlen in einem Büchlein, das der Freitag vorstellt.

Eva von Redecker analysiert in ihrem neuen Buch (das im Freitag enthusiastisch rezensiert wird) moderne Protestformen gegen die kapitalistische Bedrohung des Lebens und spricht im taz-Interview über die Philosophie zwischen Theorie und Praxis des neuen Aktivismus. Redecker war mit ihrem Thema auch zu Gast im Philosophischen Radio des WDR 5.

Die Klimawissenschaftlerin Friederike Otto nimmt das Prinzip Verantwortung ernst: Im FR-Interview spricht sie über ihr Projekt, Unternehmen für klimaschädliches Verhalten haftbar zu machen. Ein Doku-Portrait über Greta Thunberg wird in der ZEIT unter der Fragestellung besprochen, ob man einer jungen Hoffnungsträgerin dermaßen auf die Pelle rücken darf. (Man darf.)

Ex feminis lux auch in der Wirtschaft: Bei Essay und Diskurs im DLF erklärt uns Antje Schrupp morgen früh, wie fünf Ökonominnen Wirtschaft und Politik neu verbinden.

 

Religiös unmusikalisch

…so höflich drückte Jürgen Habermas sein ungläubiges Staunen über eine Ergriffenheit aus, die er kennt, aber nicht hat. Doch was Lieder lehren: Musikphilosophie hat nicht nur denen etwas zum Nachdenken zu geben, die ein Instrument beherrschen, wie wir von der SZ-Rezension von Vladimir Jankélévitchs Schriften zur Musik lernen. Michael Stausbergs Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert argumentiert mit den spirituellen Motiven zahlreicher Persönlichkeiten gegen eine vermeintlich postsäkulare Moderne, was die taz überzeugt.

 

Minoritär werden oder bleiben

Die Berliner Mohrenstraße wird nach Anton Wilhelm Amo umbenannt, was Tilman Krause zum Anlass nimmt, den WELT-Lesern weitere schwarze Denker und Künstler aus dem Zeitalter der Sklaverei zu empfehlen. Wird auch Zeit, denn Europa ist längst schwarz, wie die von Johny Pitts in seinem Buch „ Afropäisch“ gesammelten Geschichten zeigen, an denen die taz jedoch bei aller Sympathie einiges zu bemängeln hat.

(Photo: pixabay.com, CC0)

Hans Ulrich Gumbrecht widmet sich in seinem neuen Buch dem denkerischen Evergreen Denis Diderot und die SZ findet es ganz passabel, was HUG an Lesefrüchten über Freiheit und Kontingenz zusammenträgt. Benjamin Moser dagegen hat Susan Sontag eine fast 1.000-seitige Biographie gewidmet, die uns die mutige und brillante Intellektuelle mitsamt ihrer menschlichen Brüche nahebringt, wie die taz urteilt.

Noch mehr Frauen: Wolfram Eilenberger bringt pünktlich zur Buchmesse seine nächste Multibiographie in die Regale: Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil an einen fiktiven gemeinsamen Tisch zu setzen findet die SZ als Portraitansatz (trotz einiger Mängel in der Umsetzung) gut. Die vier sehr unterschiedlichen Denkerinnen werden von Eilenberger als Freiheitsdenkerinnen durch die 1930er begleitet, wie in der FR zu lesen ist, wo außerdem Hilal Sezgin schaut, was es an Neuerscheinungen zum Thema Tierethik gibt. Das ist auch darum relevant, weil wir ja alle Schlafschafe sind, die nicht hören wollten und denen es nun an den Kragen geht, wie Uli Hannemann aus der ersten Person auf der Wahrheitsseite der taz schildert.

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