Links der Woche, rechts der Welt 32/19

Stadt, Land, Kulturkampf

Die Spaltung in kosmopolitische Städter und abgehängte Provinz ist „eine Art sozialer Superantagonismus“, wie Nils Markwardt in der ZEIT schreibt und sodann dieser beliebten Erzählung nachgeht, deren vage Begrifflichkeiten das eigentliche Problem verdecken – woran die Verantwortlichen auch ein großes Interesse haben. (04.08.19)

 

TANTI ANTIFA

Der Antifaschismus war nach der Befreiung der KZ-Häftlinge 1945 ziemlich klar und verschwimmt seither, weshalb Jens Späth sich im Tagesspiegel auf eine Antifa-Begriffsgeschichte begibt, die auch eine des 20. Jahrhunderts ist und heute bisweilen in eine „entdifferenzierte Bekenntnisideologie“ mündet. (06.08.19)

 

Que sera, fragt der Historiker

Machiavelli glaubte noch, mit guten Geschichtskenntnissen aktuelle Entwicklungen in die Zukunft extrapolieren zu können, wie Volker Reinhardt in der NZZ schreibt. Die Geschichte „als Lehrmeisterin des Lebens“ gibt immer eine scheinbar passende Analogie her, allerdings sind die Vorhersageleistungen der Historiker überschaubar, was sie aber nicht überflüssig macht. (08.08.19)

 

Klimaschutz ohne Kinder

Esthy Rüdiger portraitiert für die NZZ zwei junge Frauen, die sich bewusst dagegen entschieden haben, (weitere) Kinder zu bekommen, weil der Fortpflanzungswahn in der Klimakatastrophe verantwortungslos sei. Sie stehen damit in der Tradition des Antinatalismus und des antikapitalistischen Gebärstreiks der Arbeiterbewegung. (09.08.19)

 

Feminismus gegen die Familie

Sophie Lewis et.al. haben mit ihrer Forderung, die Familie abzuschaffen, eine Debatte losgetreten, die Lukas Hermsmeier für die ZEIT rekapituliert. Eine allgemeine Leihmutterschaft wird darin zum Ausgangspunkt einer postkapitalistischen Menschheitsfamilie, für die schon Marx und Engels warben – und die für Rechte eine rasende Provokation ist. (10.08.19)

 

Vom Nutzen und Nachteil Künstlicher Intelligenz

Deutschland hockt in Sachen Künstlicher Intelligenz und Big Data zwischen den Stühlen: Evangelisten des Transhumanismus predigen, jedes Schulkind zu digitalisieren, während Neoludditen nach Handyverboten schreien. Wolf Reiser unterhält sich für Telepolis mit Gernot Brauer darüber, wie die „Bit-Revolution“ Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vor sich her treibt. (10.08.19)

(Photo: James Wheeler, pixabay.com, CC0)

Bücher

Auch die WELT staunt genauso wie die NZZ, wie aktuell Adornos Vorlesung über Rechtsradikalismus in Deutschland ist. +++ Dazu gibt es auch Zeitgenössisches wie Heinrich Deterings Analyse der „Rhetorik der parlamentarischen Rechten“, die dem Freitag ein Beweis für die Relevanz von Germanistik ist. +++ Alfred Schmidt hat mit seiner Dissertation die westdeutsche Marx-Rezeption aufgefrischt und geprägt. Die taz freut sich über einen Sammelband mit Aufsätzen und Vorträgen Schmidts. +++ Raphaël Glucksmann hat sich von den Verheißungen des Liberalismus täuschen lassen und betrachtet den Humanismus als gescheitert, wie er in seinem von der SZ rezensierten Buch schreibt und sich der „tragischen Ökologie“ zuwendet. +++ Die taz stellt den von Sandra Bartoli und Jörg Stollmann herausgegebenen Sammelband vor, der sich am Beispiel Berlin-Tiergarten mit der Auflösung der Grenzen zwischen Stadt und Natur, Zivilisation und Wildnis beschäftigt.

 

Radio

Was macht den Mensch zum Menschen unter Tieren? Darüber sprechen Nikola Kompa und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Ruhe bitte: Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über Bibliotheken und morgen geht es bei Essay und Diskurs ebd. mit dem Sprachwissenschaftler Karsten Rinas um Interpunktion, also Zeichensetzung. Die Selbstabschaffung der Menschheit und der Demokratie sind mittags zwei der Themen bei Sein und Streit.

 

Die Unordnung der Dinge

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in El Paso letzte Woche schaut die taz, was der Attentäter und andere Rechtsextremisten so lesen und besucht den großen Umvolker Renaud Camus auf seiner Burg, während Adrian Daub sich für die ZEIT ausgiebig mit der US-amerikanischen Waffenkultur beschäftigt. +++ Sein heißt Gehörtwerden: Sabine Hark verteidigt in der ZEIT die vielgeschmähte Identitätspolitik als notwendiges Ringen von Minderheiten darum, sich in der ersten Person Plural äußern zu können und gehört zu werden. +++ Jakob Reimann beschäftigt sich beim Freitag mit dem Hass und der wahnhaften Ignoranz, die der jugendlichen Klimaschutz-Bewegung im Netz entgegenschlagen. +++ Arno Widmann war dabei und erinnert in der FR an das annus mirabilis 1969 in Politik und Kultur. +++ Ecce homo: Saralisa Volm schreibt in der ZEIT, wie sie irgendwann genug von Selbstdarstellung und Versagensängsten hatte und offen zu ihrem alltäglichen Scheitern stand. +++ Zum Weltkatzentag empfiehlt die taz einige Browser-Erweiterungen, die z.B. Werbung und Trump-Photos durch Katzenbilder ersetzen.

 

Adornos 50. Todestag

Vor einem halben Jahrhundert starb Theodor W. Adorno. Die FR unterhält sich aus diesem Anlass mit Ferdinand Sutterlüty, Chef des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, über die Nachwirkungen und Aktualität der Kritischen Theorie. Die FAZ bringt einen atemlosen Auszug über Adornos irdisches Ende aus Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“, untermalt mit einer Komposition des Verblichenen. Den kann man auch hören: Die Österreichische Phonothek hat sechs Adorno-Vorträge in Wien mitgeschnitten und ins Netz gestellt, worauf der Standard hinweist, der außerdem für Eilige die wichtigsten Stichworte der Kritischen Theorie erklärt. Arno Widmann nimmt sich in der FR einige der berühmten Sentenzen Adornos vor und ordnet sie in die Gedankenpartituren ein, aus denen sie gern vorschnell herausgerissen werden. Rainer Stadler beschäftigt sich auch mit Adornos Ästhetik und hält in der NZZ fast schon triumphal fest, dass von ihm fast nichts mehr geblieben ist. Rudolf Walther resümiert in der taz nüchtern die aktuellen Schlagzeilen rund um Adorno, der sich mit Björn Höcke (AfD) vergleichen lassen muss und keine Gedenktafel bekommt. Andreas Lesti hat sich für die FAZ ins Urlaubergetümmel im Zermatt gestürzt, wo (fast) niemand mehr weiß, wer hier vor 50 Jahren starb.

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