Links der Woche, rechts der Welt 15/20

Das Reale ist wirklicher als die Realität

In der NZZ mosert Slavoj Žižek darüber, dass seine Isolation im Home Office nun keine selbstgewählte mehr ist, sondern erste Bürgerpflicht. Schlimmer aber ist, dass man gar nichts von einer Ausnahmesituation mitbekommt, wenn man weiterleben kann wie bisher. Aber Lacan hat einige gute Tipps parat. (06.04.20)

 

Mittelalter und Masse

Irgendwie ist Giorgio Agamben zum Stichwortgeber seiner Zunft in der Corona-Krise geworden. In der NZZ legt er nach und wundert sich, wie bereitwillig wir extreme Eingriffe in unser Leben hinnehmen, sofern sie dem Infektionsschutz gelten. Dieser Notstand wird politische Spuren hinterlassen. (07.04.20)

 

Wir wissen mehr übers Nichtwissen.

Die FR unterhält sich dagegen ganz entspannt mit Jürgen Habermas darüber, wie er die Unsicherheit in der Corona-Krise erlebt und warum es einen philosophischen Fortschritt im Verhältnis zwischen Glauben und Wissen gibt. Außerdem geht es um sein Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“ und seinen komischen Titel. (07.04.20)

 

Expertenherrschaft statt Volksparteien?

Der Physiker Peter Grassmann blickt bei Telepolis auf den erfolgreichen Umgang Taiwans mit der Covid-19-Epidemie. Im Vergleich dazu hat Deutschland gründlich versagt, was politisch-systematische Gründe hat: Hier leitet kein Experte das Gesundheitsministerium, sondern ein Bankkaufmann mit Direktmandat und dem richtigen Parteibuch. (08.04.20)

 

Ankunft und Heimkehr in sich selbst

Das Selbstbewusstsein macht ruhelos, weiß Otto A. Böhmer in der FR und blickt auf Sören Kierkegaard. Für den ist Selbstfindung stets auch eine Art Gottesdienst, mit dem er es jedoch auf lebensverkürzende Weise übertrieben hat. Also Vorsicht beim Grübeln über sich selbst! (08.04.20)

 

Todesangst als Unfreiheit

Aus Furcht vor einem Kollaps des Gesundheitssystems riskieren wir wirtschaftlichen Ruin und geben Freiheiten auf, was Thea Dorn in der ZEIT einiges Unbehagen bereitet. Denn es zeigt sich in der Krise unsere Unfähigkeit, mit dem Unvermeidlichen umzugehen und ihm würdevoll zu begegnen. (08.04.20)

 

lieber Ökofaschismus als Weltuntergang“

Herbert Meyer hat bei Extinction Rebellion mitgemacht und berichtet bei Telepolis aus dem Inneren einer „ökopopulistischen Sekte“, die weniger an inhaltlichen Auseinandersetzung als an Masse und Aufmerksamkeit interessiert ist – und eher inquisitorisch auf interne Kritiker wie Meyer reagiert. (11.04.20)

(Photo: Tama66, Peter H, pixabay.com, CC0)

Bücher

Christian Berg fragt in seinem Buch, was einer tatsächlich nachhaltigen Wirtschaftsweise im Weg steht, und die taz nickt nachdenklich dazu. +++ Myriam Revault d’Allonnes macht als Merkmal postfaktischer Zeiten die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit aus und die FAZ stellt ihr Buch vor. +++ „Die Suppe von Wuhan“ ist ein von Pablo Amadeo herausgegebener Sammelband mit Essays von Agamben, Žižek et.al. zur Corona-Krise, der kostenlos im Netz verfügbar ist und von der taz vorgestellt wird. +++ Michel Foucaults aus dem Nachlass zusammengebauter Band „Die Geständnisse des Fleisches“ blickt auf die antike Sexualpolitik und wird bei Glanz & Elend besprochen, wo es auch eine Rezension der 1.100 Seiten starken Karl-Kraus-Biographie von Jens Malte Fischer gibt.

 

Radio

Im DLF kommt heute die Lange Nacht über das spannende Leben des nicht nur Kinderbücher schreibenden Roald Dahl. Bei Essay und Diskurs führt uns Navid Kermani an den Osterfeiertagen in drei Teilen durch seine Hausbibliothek; zum Auftakt wird der Verleger Egon Ammann vorgestellt. Morgen beschäftigt sich Sein und Streit u.a. mit Simone de Beauvoir und der Ausgangsbeschränkung als Anfang aller Philosophie. Das Feature von Markus Metz und Georg Seeßlen über den Mars in der Popkultur kann und soll man gut nachhören; als ergänzende Lektüre sei LW47 zum gleichen Thema empfohlen.

 

Die Unordnung der Dinge

Adam Soboczynski zeigt sich in der ZEIT merklich entsetzt darüber, dass Chinas digitaler Überwachungsstaat in der Corona-Krise seine Überlegenheit über westlichen Liberalismus demonstriert haben könnte. +++ Das gesamte politische Spektrum schwärmt im pandemischen Stillstand von „Achtsamkeit“, beobachtet Jens Balzer unter den schönen Überschrift „Querfront der Entschleunigung“ in der ZEIT. +++ Der Tagesspiegel dagegen wundert sich, warum der Stillstand nicht für Muße genutzt werden kann, sondern allernorts Selbstoptimierung im Home Office stattfinden muss. +++ Wolfram Ette macht sich im Freitag systemtheoretische Gedanken über Kommunikation und Medien in Krisenzeiten. +++ Der Kampf geht weiter: Frieder Otto Wolf appelliert im Freitag an alle guten Geister, Herrschaftsstrukturen zu analysieren und Erkenntnis zu vermitteln, um den Kampf für unsere Lebensgrundlagen und eine befreite Gesellschaft nicht aufzugeben. +++ „Die Krise zeigt, dass die Veränderung notwendig ist“, schreibt Georg Diez in der ZEIT und macht eine Inventur der Ideen für eine bessere Gesellschaft im Danach. +++ Die FR unterhält sich mit dem Totalitarismus-Forscher Jason Stanley über die Corona-Krise als Chance für die Trump-Regierung, die US-Demokratie zu demontieren. +++ Friedensforscher Hans-Georg Ehrhart warnt im Freitag vor der Kriegsrhetorik und einer Normalisierung des Ausnahmezustands. +++ Die NZZ dagegen unterhält sich mit dem notorischen Optimisten Steven Pinker über die zwangsläufige Erholung von der Krise.

 

Berichte aus der Akademie

Auch die FAZ blickt auf die finanzielle Lage von Studis, die nun massenhaft ohne Nebenjobs dastehen. +++ Eine japanische Fachzeitschrift will einen Beweis der ABC-Vermutung veröffentlichen, den keiner versteht, was der FAZ ein gefährlicher Dammbruch ist. +++ Die FAZ berichtet außerdem über chinesische Tierversuche, wonach auch Hauskatzen das neuartige Corona-Virus übertragen könnten, Hunde jedoch nicht. +++ Die ZEIT blickt auf den Zusammenhang zwischen Angststörungen und wirtschaftlicher Lage, der in und nach der Corona-Krise so richtig durchschlagen wird.

 

Trotz Philosophie

Manfred Rebhandl zählt in der ZEIT die (erstaunlich vielen) Toten seiner Kindheit und Jugend auf dem österreichischen Land. +++ Die Triage hat einen schlechten Ruf, weshalb Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne klarstellt, dass es sich fast schon um das Gegenteil der Selektion in KZs handelt. +++ Der Standard stellt Walter Benjamins Aufsätze zu Wesen und Wirken Franz Kafkas vor. +++ Die ZEIT unterhält sich mit Camille Froidevaux-Metterie über ihre feministische Phänomenologie, die von den sekundären Geschlechtsmerkmalen der Frau ausgeht. +++ Auch die Berliner Hannah-Arendt-Ausstellung musste ins Internet umziehen, wie die FAZ meldet und einige interessante Exponate vorstellt. Zur Ausstellung bitte hier entlang. +++ Mit der Langeweile haben sich Philosophie und Literatur schon lange vor Ausgangsbeschränkungen auseinandergesetzt, woran der Tagesspiegel erinnert. +++ Gelangweilt, wenn nicht gar angekotzt zeigt sich ebd. Marcus Quent von den philosophischen und soziologischen Auslassungen zu den Ausgangsbeschränkungen. +++ Die Eindämmung einer Pandemie ist ein Gut, das wohlweislich gegen andere abgewogen werden muss, wie ein Überblick über ethische Erwägungen in der ZEIT darstellt. +++ Wohin mit den religiösen Bedürfnissen? Die FAZ plädiert für Monotheismus trotz Wissenschaft. +++ Der Tagesspiegel stellt die hyperintellektuelle Netzzeitschrift „Prä|Position“ vor und die SZ portraitiert die Münchner Studentinnen, die mit „Die Funzel“ eine studentische Philosophie-Zeitschrift gegründet haben – und mal ganz schnell die Angst, nicht gelesen zu werden und irrelevant zu sein, ablegen sollten. Hier geht’s direkt zu den Kolleginnen.

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