Links der Woche, rechts der Welt 16/19

Gemeinschaft und Individuum im Hufeisen

Zum Faschismus gehört nicht viel, das allzumenschliche Zusammenrudeln ist schon der Anfang, erklärt Karl Kollmann bei Telepolis. Dummerweise gehört die gesunde Skepsis gegenüber dem Sozialen nicht mehr zum Bildungskanon, weshalb die Leute sich munter dem Gruppendruck ausliefern. (14.04.19)

 

Er ist nur in deinem Kopf

Insektensterben hin oder her, Ohrwürmer sind eine Plage. Marlene Heckl erklärt bei Spektrum mit allerhand neurowissenschaftlichen Studien, warum wir eine Melodie wider Willen nicht mehr aus dem Kopf kriegen, wer (und wann) besonders gefährdet ist, was ein Lied zum Ohrwurm macht und wie man ihn wieder loswird. (15.04.19)

 

Von 1968 zur AfD

Wie wird aus einem altlinken Urgrünen ein AfD-Anhänger? Timo Hoffmann portraitiert in der taz den taz-Mitbegründer Ulrich Kulke, der heute im rechtsdrehenden Blog „Die Achse des Guten“ die AfD gegen die linksgrüne Meinungsdiktatur verteidigt und das u.a. mit dem Renegatentum begründet, das Sozialbewegte in jeder Faser tragen. (16.04.19)

 

Irren ist journalistisch

In LW61 hat Marc Hieronimus bereits die kognitiven Verzerrungen dargestellt, die unsere Rationalität zu einer scheinbaren machen, und Janina Kalle nimmt sich dieses Themas für Medienleute an: Im Journal stellt sie Debiasing-Techniken vor, die bereits in Konzernen gelehrt werden und auch dem Laien dabei helfen, kritische Urteilskraft zu entwickeln. (16.04.19)

 

Was erzählt die Kunst?

Kann Kunst narrativ sein und Geschichten erzählen, zumal das nicht gleichbedeutend ist? Klaus Speidel resümiert in der FAZ u.a. am Werk Banksys und Duchamps Pissoir die Debatte um die Bedeutung der Erzählung in der bildenden Kunst. (17.04.19)

 

Als das Netz noch neu war

Dem Internet mag Evgeny Morozov in der NZZ nicht so richtig zum 30. Geburtstag gratulieren. Zu groß ist die Nostalgie der unschuldigen Gründerzeit, als das Netz noch nicht von Konzernen und Politik kolonialisiert war. Doch man hüte sich von den technokratischen Versprechen einer Wiederherstellung des Freiheitsraums, der das Internet nie gewesen ist! (17.04.19)

 

Die Angst ist eine Sehnsucht mit Lehre

Der Anfang der Philosophie ist das Staunen – oder die Angst. Jakob Simmank unterhält sich für die ZEIT mit dem Psychiater Jan Kalbitzer, der durch unerklärliche Todesangst zu einer neuen Ansicht dessen kam, was man gutes Leben nennt. (19.04.19)

 

Das Medium, das bleibt und sich entzieht

Sola Scriptura oder darf es etwas mehr sein? Eckhard Nordhofen denkt in der NZZ über den protestantischen Aufruf zurück zu den christlichen Ursprüngen nach, der in Sachen Heiliger Schrift nur fehl gehen konnte: Denn die Schrift verweist „auf etwas, das sie nicht selber ist“ – selbst wenn das Heilige ihre Form annimmt. (20.04.19)

 

Radio

Stefan Brunnhuber und Jürgen Wiebicke unterhielten sich vergangene Woche im Philosophischen Radio des WDR 5 darüber, was Karl Popper mit der „offenen Gesellschaft“ gemeint haben könnte. Vergangenen Samstag kam im DLF die Lange Nacht über Tiefe in der Musik, heute Abend gibt es ab 23:05 Uhr die Lange Nacht der Erinnerungsstücke. Marleen Stoessel erinnerte heute in Essay und Diskurs an menschgemachte Gegenbilder zur Apokalypse, morgen fragt Jean-Pierre Wils ebd. nach dem Glück und seinen Abgründen, wenn es als Imperativ daherkommt. Bei Sein und Streit geht es mittags u.a. um die Auferstehung und die gute Frage, ob man als Philosophin in die Politik gehen sollte – trotz Platons Schiffsgleichnis.

 

Die Unordnung der Dinge

Montag stand Notre Dame in Flammen, Dienstag standen Hunderte von Millionen Euro Spenden bereit, worüber sich Frankreichs Linksintellektuelle wundern, wie die SZ rekapituliert. +++ Derweil stellt der Computerspielproduzent Ubisoft aus Anlass des Brandes bis zum 25. April das Spiel aus seiner Reihe „Assassin’s Creed“, das im revolutionären Frankreich spielt und eine digitale Rekonstruktion Notre Dames enthält, kostenlos zur Verfügung, wie die FAZ meldet. (Hier geht es direkt zum registrierungspflichtigen Download.) +++ Bernard-Henri Lévy hält von den Brettern, die die Welt bedeuten, einen Monolog für ein geschichtsbewusstes Europa und der Tagesspiegel hat sich die Aufführung in Berlin angesehen. Iris Radisch unterhält sich in der ZEIT mit BHL über sein neues Theaterformat einer One-Man-Show gegen den Untergang Europas. +++ Roger Scruton ist hauptberuflich gegen den Mainstream und macht sich damit viele Feinde, die ihn nun, wie die FAZ meldet, mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten zur Strecke gebracht haben. +++ Der Physiker Florian Aigner erinnert im Standard daran, dass die Forderungen der #FridaysForFuture keine Ökospinnerei sind und die Faktenlage durchaus Grund zur Panik gibt. +++ Philipp von Becker hat Erfahrungen mit Scham, Verdrängung und Hass in der Konsum- und Klimaschutzdebatte gemacht und erklärt bei Telepolis, warum es richtig und wichtig bleibt, Verantwortung zu übernehmen und zu protestieren. +++ Hans Joas derweil erklärt im Tagesspiegel-Interview, warum Greta Thunberg wie eine Heilige verehrt wird.

(Photo: Akiyama et. al. / ApJL)

Aus den Wissenschaften

Vergangene Woche sorgte das erste Bild eines Schwarzen Lochs für Aufsehen und Marlene Weiss erklärt in der SZ die Faszination mit den ganz großen Fragen an den Kosmos. +++ Universitätsbibliotheken erfreuen sich größerer Beliebtheit denn je, meldet die FAZ, und erklärt das sowohl mit dem ständigen Paukdruck und dem breiten Medienangebot der UBs als auch der Wohnungsnot. +++ Der Standard erinnert daran, dass vor 100 Jahren die ersten 20 Frauen zum Studium an der TU Wien zugelassen wurden, und portraitiert drei Pionierinnen. +++ Wie soll man „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus übersetzen? António Sousa Ribeiro hat es geschafft und erklärt in der FAZ, wie. +++ Fernsehen macht blöd und laut neuesten Studien, die Spektrum vermeldet, ist an dem Erziehungsrat zumindest für über 50-jährige was dran, nämlich Korrelation. +++ Und noch ein bestätigtes Vorurteil: Die durchschnittliche Aufmerkamkeitsspanne wird kleiner und kleiner und Schuld ist das Internet – laut einer Studie, über die Telepolis berichtet. Test: Worum ging es im ersten verlinkten Text dieses Abschnitts?

 

Trotz Philosophie

Wenn alles perfekt wäre, bräuchte es keinen Konjunktiv, über den die NZZ räsoniert. +++ Ilja Trojanow freut sich in der taz auf eine Renaissance der Utopie als Heilmittel für Erstarrung und Alternativlosigkeit. +++ Die ZEIT hat die Karfreitags-Battle zwischen Slavoj Žižek und Jordan Peterson (vgl. letzte Woche) verfolgt und staunt über ihre erwartbare Einigkeit gegen die doofe Postmoderne. +++ „Was kommt dabei heraus, wenn sich Kant, Feuerbach und Marx über Gott unterhalten?“, fragt die FR und legt einen fiktiven Trialog zu Ostern vor. +++ Die NZZ hat eine Menge Kolumnen und in der jüngsten unterhalten sich die Philosophinnen Patrizia Hausheer und Vanessa Sonder, zum Start geht es um Stadt oder Land. +++ Der Wirtschaftsethiker Peter Seele wirft seiner Disziplin vor, die Ethik an die Wirtschaft zu verraten und ein Etikettenschwindel modernen Managements zu sein. Die FAZ resümiert die fachinterne Debatte. +++ Bazon Brocks Philosophie-Club am Berliner Oranienplatz wurde wie so viele andere auch „entmietet“, wie der Tagesspiegel meldet, und nun ist der Adornoadept zwischen Kunst und Philosophie mit seiner Denkerei mobil, ist in der taz zu lesen. +++ Was ist Kommunismus? Im Freitag gibt es eine Übersicht, wie 50 Prominente den Halbsatz „Der Kommunismus ist…“ ergänzen. +++ Alexander Mäder rekapituliert bei Spektrum die Debatte um die Luftverschmutzung durch Autos und Grenzwerte, bei denen Wissenschaft, Gefühl und Moral, vor allem aber Politik eine Rolle spielen. +++ Derweil gibt Konrad Paul Liessmann im Standard Auskunft über sein „durchaus libidinöses Verhältnis“ zu seinem Rennrad.

 

Und da Sie ja an Ostern wieder nicht tanzen dürfen, schauen Sie sich halt diese Sammlung unheimlicher Osterhasen an. Schöne Feiertage!

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