Links der Woche, rechts der Welt 12/21

Das Vergangene und Fortwährende

Der Bundespräsident gedachte diese Woche der Märzgefallenen von 1848 und die SZ ruft noch einmal ins Gedächtnis, wie die erste Erhebung gegen die Adelsherrschaft in Berlin ausging. Der Freitag dagegen erinnert feierlich an den Auftakt der Pariser Kommune vor 150 Jahren. Vor 200 Jahren erhoben sich die Griechen gegen die Osmanen und die SZ zeichnet den Aufstand filmreif nach.

Vor 50 Jahren wiederum kam „Dirty Harry“ ins Kino und die taz sieht in dem Film einen „Vorreiter der reaktionären Rechten“ von heute. Die WOZ unterhält sich ausführlich mit Iris Därmann über die Geschichte der Sklaverei, ihre Rechtfertigung durch Aufklärer und den Widerstand dagegen.

Jule Hoffmann lässt den Kommentarkeller der ZEIT rotglühen mit ihrer Empfehlung, sich selbst mit dem von Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah geprägten Begriff des „Menschen mit Nazihintergrund“ zu bezeichnen.

 

Schwierige Frage, schmaler Grat

Anne Applebaum beschreibt in ihrem neuen Buch, warum so viele Menschen in Krisenzeiten Zuflucht bei den einfachen Antworten des Autoritären suchen und der Standard findet ihren Essay „gut und gut gemeint“. Der „Coronakratie“ haben Martin Florack, Karl-Rudolf Korte und Julia Schwanholz einen Sammelband gewidmet, der laut SZ die politischen Folgen von Pandemie und Infektionsschutzmaßnahmen analysiert und der Leserin einfache Antworten vorenthält. Schlechte Laune verbreitet Mark Honigsbaum mit seinem im Freitag rezensierten Buch, in dem er auf ein „Jahrhundert der Pandemien“ blickt, das hinter uns und womöglich vor uns liegt.

Die FAZ freut sich, dass Caroline Fourest „Klartext spricht“ und „aufräumt“ mit der linksidentitären Sprachpolizei. Mit dem schmalen Grat zwischen reaktionärem Heimatschutz und fortschrittlichem Umweltschutz beschäftigt sich Stephan Trüby in der FR, wo er auch auf heutige völkische Siedler nebst ihrem rechtsesoterischen Verhältnis zum Baustoff Holz blickt. Gabriela Keller hat sich in der Prepper-Szene umgesehen und der Freitag lobt die nüchterne Rundschau ihres Buchs über Leute, die sich auf den Zusammenbruch der Zivilisation vorbereiten.

Die Frage, ob es antisemitisch ist, Israel mit dem südafrikanischen Apartheids-Regime zu vergleichen, nimmt Stephan Hebel in der FR zum Anlass, noch einmal auf den vorjährigen Streit um Achille Mbembe zurückzukommen und für differenzierte und vorsichtige Haltungen auf allen Seiten zu werben. Stefanie Schüler-Springorum und Jan Süselbeck haben einen Sammelband über die affektiven Triebkräfte des Antisemitismus herausgegeben und der Tagesspiegel freut sich über die Lehren, die die politische Bildung daraus ziehen kann.

 

Menschliche Verhältnisse

Eine soziologische Studie, über die die FAZ berichtet, findet bei geringer gebildeten Frauen die heterogensten Lebensverläufe, während der gesellschaftliche Wandel sich in „besserverdienenden“ Familien eher nicht zeigt. Dafür aber in Schwaben, wie Peter Unfried in der taz schreibt und damit gegen identitäre Ressentiments über die Leute im Ländle nach der Landtagswahl argumentiert. Bei Essay und Diskurs im DLF hören wir morgen Thomas Piketty im Gespräch mit Andreas von Westphalen über, na klar, den Kapitalismus als Ungleichheitsmaschine.

Wäre das Matriarchat die Lösung? Der Tagesspiegel bespricht Meike Stoverocks Buch, in dem sie evolutionsbiologisch für die weibliche Partnerwahl argumentiert, die als Prinzip vom Menschenmännchen mit der Sesshaftwerdung ausgehebelt wurde; doch nun dämmert das Patriarchat. James Suzman legt eine Geschichte der Arbeit von der neolithischen bis zur industriellen Revolution vor und kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass alle unsere Problem mit der Sesshaftwerdung begannen, wie im Freitag zu lesen ist. „Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist in Bewegung geraten“, schreibt die taz und macht das an T. C. Boyles neuem Roman und Craig Fosters Doku über Kraken fest.

Jean Peters ist Mitgründer des Peng!-Kollektivs, das mit munteren politischen Interventionen auffällt. Die ZEIT stellt seine Buch gewordene Bilanz des sozial-ökologischen Kampfes mit künstlerischen Mitteln vor. Spektrum hingegen unterhält sich mit der Kriminalpsychologin Helga Ihm über die Macken, Maschen und Tricks der inhaftierten Betrüger, die sie zu therapieren versucht.

 

Game over, man! Game over!

In Oxford werden existentielle Bedrohungen der Menschheit erforscht und der dort tätige Toby Ord warnt in seinem im Standard vorgestellten Buch davor, dass die größten Bedrohungen von der Menschheit selbst ausgehen. Hockeyschlägergraphiker Michael E. Mann sucht nach einem Mittelweg zwischen Defätismus und Verharmlosung in der Klimaschutzdebatte. Die SZ blickt auf seine Navigation zwischen Skylla und Charybdis und bittet um sachdienliche Tipps. Spektrum findet derweil in Bill Gates’ Anleitung zur Verhinderung der Klimakatastrophe wenig Neues. Janna Hoppmann beschäftigt sich ebenfalls bei Spektrum mit den psychologischen Barrieren effektiven Klimaschutzes und damit, wie sie sich durch angemessene Kommunikation überwinden lassen.

Das Hockeyschläger-Diagramm, nach einer im dritten Weltklimabericht 2001 veröffentlichten Abbildung. (Von DeWikiMan – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82405818)

Kazuo Ishiguros hat einen Roman vorgelegt, der aus der Perspektive eines Roboters geschrieben ist und laut SZ damit einen reizvoll fremden Blick auf das vertraute Verhältnis zwischen Mensch und Welt bietet. Auch bei Sein und Streit im DLF geht es morgen Mittag u.a. um Künstliche Intelligenz und Empathie.

 

Lesen, schreiben, rechnen

Die SZ lässt es sich nicht nehmen, in der Rezension von Hannah Arendts Biographie Rahel Varnhagens die dort entwickelte solidarisch-kritische Gesprächskultur mit der heutigen zu vergleichen. Einigermaßen melancholisch blickt die SZ auf Briefentwürfe des großen Briefeschreibers Walter Benjamin, die von Ursula Marx herausgegeben wurden. Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Franz Kafka. Ein anderer großer Franz und Stilist ist Franz Schuh, und da er noch am Leben ist, kann er in seinem Essayband denkerisch von Hegel bis zur Schwarzwaldklinik spazieren, wie die NZZ schwärmt. Dieter Henrich ist 94 und die philosophische Autobiographie des Idealismus-Experten wird im Tagesspiegel vorgestellt.

Warum eigentlich sind Natur- und Geisteswissenschaften wie Hund und Katze? Laura Henkel geht in der FAZ den Vorurteilen und Missverständnissen zwischen den beiden universitären Blöcken nach.

Am 14. März war Pi-Tag und der Standard nimmt das zum Anlass für eine kleine Geschichte der Mathematik (feat. Platon) voller Aufgaben zum Mitknobeln. Die SZ portraitiert Avi Wigderson und László Lovász, die den diesjährigen Abelpreis dafür erhalten haben, Komplexität mit dem Zufall gebändigt zu haben.

In Erdkunde vertritt heute der Ethiklehrer: Eine Philosophie der Kartographie hat Rasmus Winther vorgelegt und die SZ ist begeistert, was sich alles über das Verhältnis zwischen der Welt und ihrer Abbildung nach- und bedenken lässt. Die Philosophie, schreibt dagegen Elisa Nowak im Freitag, spricht von der Befreiung der Menschheit, doch kann sie selbst nichts dazu beitragen, da es ihr eigenes Todesurteil wäre.

 

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