Links der Woche, rechts der Welt 10/19

Framing kann Ihre Wahrnehmung gefährden

Verschwörungsgläubige jubelten neulich über den „Beweis“, dass der Rundfunk uns mittels sprachpolizeilicher Maßnahmen manipuliert. Christian Honey erklärt bei Spektrum, was es mit dem „Framing“ aus den Kognitions- und Kommunikationswissenschaften wirklich auf sich hat. (28.02.19)

 

Der Autor als Theorem

Roland Barthes hatte den Autor für tot erklärt und Michel Foucault ihn in einem Vortrag vor 50 Jahren wiederbelebt, woran Andreas Kablitz in der FAZ erinnert. Mit dieser Reanimation ging die postmoderne Theoretisierung des Autors als schöpferischer Spezialfall des Subjekts einher. (03.03.19)

 

Systemtheorie des Vierpunktnull

Für Telepolis unterhält sich Joachim Paul mit dem Soziologen Dirk Baecker über die systemtheoretische Perspektive auf den Medienwandel, den Digitalkapitalismus, die platonischen Dialoge und die verlorene geisteswissenschaftliche Diskurshoheit. (03.03.19)

 

Strecke pro Zeit und das Jetzt

Der Physiker Josef Honerkamp nimmt bei den Scilogs die Bewegungsparadoxa des Zenon von Elea zum Anlass für eine kurze Geschichte des Paradigmenwechsels. Das Pfeilparadoxon wurde erst durch Galilei und Descartes bzw. Newton und Leibniz ordentlich widerlegt, womit zugleich die moderne mathematische Physik ihren Anfang nahm. (04.03.19)

 

Kotze auf der Kuscheldecke

Regression ist in Krisenzeiten schwer angesagt und nervt gerade besonders mit dem Hygge-Trend, den sich Anna Gien in der ZEIT vornimmt. Mit Paul Lafargues einstiger Kritik am Höherschnellerweiter hat der Gemütlichkeitshedonismus mit seiner biedermeierlichen Furcht vorm Exzess jedenfalls nichts mehr zu tun. (06.03.19)

 

Die Biosphäre verhandelt nicht

Paul Nucleus regt bei Telepolis in Ministerialsprache eine Intervention der Biosphäre in das Treiben der „Killerspezies“ Mensch an: Sie hat die Wahl, sich bis 2060 stufenweise auf ein verträgliches Maß zu reduzieren oder komplett auszusterben. (07.03.19)

 

Der Pöbel wirds schon richten

Die NZZ spielt gern mit dem Feuer: Volker Reinhardt fragt, was eigentlich so schlimm an populistischer Vereinfachung und Elitenverachtung ist. Schließlich weiß man doch seit Machiavelli und Rousseau, dass „die da oben“ wirklich an allem schuld sind. (09.03.19)

(Photo: PublicDomainPictures, pixabay.com, CC0)

Bücher

Wie lebt es sich in einer „Heimat“, die gegen einen definiert ist? Die FAZ stellt den von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herausgegebenen Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ vor. +++ Von ähnlichen Erfahrungen berichtet der vielseitige David Mayonga, der von der SZ als in Bayern geborener Sohn einer deutschen Mutter und eines Vaters aus dem Kongo vorgestellt wird und den ganz alltäglichen Rassismus kennt und benennt. +++ Der senegalesische Wirtschaftsprofessor Felwine Sarr plädiert in „Afrotopia“ für ein eigenes „afrikanisches Zivilisationskonzept“ und kommt in den Augen der FAZ nicht ohne unkritische Stereotype aus. +++ Der Tagesspiegel empfiehlt in aller Kürze Lisa Herzogs politischen Aufruf, die Digitalisierung als Chance für einen neuen Arbeitsbegriff zu nutzen. +++ Künstliche Intelligenz passt super zum Kapitalismus: Timo Daum kennt sich aus mit Daten als dem „neuen Öl“ und hat ein Buch darüber geschrieben, warum Marxisten sich mehr mit Algorithmen statt Arbeitszeit beschäftigen sollten, das vom Freitag rezensiert wird. +++ Und auch im Bett werden wir es mit Maschinen zu tun kriegen: Der Tagesspiegel bespricht Sophie Wennerscheids Buch „Sex Machina“ über die Zukunft des Begehrens. +++ Kate Manne will die Logik der Misogynie analysieren, das Buch ist für die ZEIT aber ein unterkomplexer, oberflächlicher Fehlschlag geworden. +++ Etwas Besseres als den Tod: Die FR erinnert daran, dass die Gebrüder Grimm vor 200 Jahren die Geschichte von den „Bremer Stadtmusikanten“ in ihre Märchensammlung aufnahmen.

 

Radio

Das Grundgesetz wird 70 Jahre alt und den ihm verschriebenen Parteien geht es nicht besonders gut, weshalb der DLF heute die Lange Nacht über die Zukunft der Volksparteien bringt. Morgen früh geht es bei Essay und Diskurs weiter um den modernen Kunstbetrieb: Jörg Heiser beleuchtet die umstrittene Funktion der Kuratorin. Bei Sein und Streit sind Konservatismus, Humanismus und das Staunen einige der Themen und im Philosophischen Radio des WDR 5 sprechen Petra Bahr und Jürgen Wiebicke über den Status der Religion in der Gegenwart.

 

Die Unordnung der Dinge

Mit der Erstarken des Populismus in Europa verschieben sich auch die Grenzen zwischen Konservatismus und Rechtsradikalismus, wie die taz am Beispiel des französischen Kolumnisten Éric Zemmour aufzeigt. +++ Eher „skeptisch“ reagiert Telepolis auf eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Verschwörungsdenken und Delinquenz nahelegt. +++ Dafür gehen Rechtsextremismus und Frauenverachtung wunderbar zusammen: Judith Goetz bloggt beim Standard über die Forderungen, das Frauenwahlrecht wieder abzuschaffen. +++ Polarisierung kann mit einer ordentlichen Streitkultur positive Ergebnisse zeitigen, wie die FAZ kurz anhand einer Wikipedia-Studie meldet.

 

Aus den Wissenschaften

Der Tagesspiegel berichtet von einer Tagung an der FU Berlin zum Lesen um 1800, bei dem Frauen eine zentrale Rolle spielten. +++ In Deutschland hängt der Bildungserfolg vom Einkommen der Eltern ab – doch über Ursachen, Mechanismen und Gegenmaßnahmen herrscht Unklarheit, wie die FAZ anhand einer soziologischen Studie zum Thema schreibt. +++ Leon Igel studiert BWL und Germanistik und beschäftigt sich im FAZ-Blogseminar mit den kalauernden Vorurteilen, die gegen Studierende seiner beiden Fächer gehegt werden. +++ Vor 150 Jahren entdeckte der russische Chemiker Dmitri Mendelejew das Periodensystem der Elemente und die SZ beleuchtet die Wurzeln dieser Entdeckung in der antiken Naturphilosophie. +++ Klimakatastrophe und Artensterben hängen zusammen, aber bei den Gegenmaßnahmen könnten wir uns in unerkannte Zusammenhänge verheddern, wie Alexander Mäder in seiner Spektrum-Kolumne erklärt. +++ Klimawandel-Leugner nehmen den wissenschaftlichen Konsens als Indiz für eine ideologische Verschwörung gegen den Autofahrer; Mathias Frisch erklärt in der FAZ, warum das wissenschaftstheoretischer Quatsch ist.

 

Trotz Philosophie

Österreichs rechtskonservative Regierung hat den Ethik-Unterricht für sich entdeckt – ja, die haben es nötig, wie Günter Traxler im Standard kommentiert. +++ Schon etwas älter, aber nach wie vor faszinierend: Listverse hat zehn Philosophen und ihre seltsamen Spleens zusammengestellt. +++ Lichtwolf Nr. 65 zum Thema „Not“ ist im Druck und kann schon in anderthalb Wochen in ihrem Briefkasten sein, sofern Sie zum exklusiven Zirkel der Abonnenten gehören. In die aktuelle Ausgabe mit dem Titelthema „Riemen“ können Sie hier reinschauen.

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