Links der Woche, rechts der Welt 09/20

Früher war auch die Kritik besser

Hans Ulrich Gumbrecht erklärt in der NZZ, warum kritische Intellektuelle den Begriff der „Kritik“ entleert haben und den Rechtspopulisten so ähnlich sind: Schuld sind, klar, die Linkshegelianer und vor allem Marx, die das Urteilen zu einem Mittel politischer Polemik reduziert haben. Der einzige Ausweg ist intellektuell aufgemotzte politische Polemik. (26.02.20)

 

Wer ist schon für die Aufklärung?

Das Licht der Aufklärung kann auch verdunkeln: Fabian Thunemann erinnert in der NZZ an die Exzesse im Namen der Vernunft, die anzuklagen eine Sache nicht der reaktionären, sondern der liberalen Kräfte sei, denen viel Ironie zu wünschen ist. (29.02.20)

 

Bücher

Raus aus dem Trott und ran ans Kunstwerk: Die NZZ empfiehlt Dirk Westerkamps Plädoyer für „Ästhetisches Verweilen“. +++ Lisz Hirn hat ein Buch über Superhelden des Patriarchats geschrieben und der Standard ist ganz begeistert von der Landsmännin. +++ Susanne Wedlichs Buch über den Schleim ist nicht für jedermann, dennoch legt es der FAZ besonders denen ans Herz, die von der unentbehrlichen Substanz lieber nichts wissen wollen. +++ Die taz erinnert an Judith Butlers „Gender Trouble“, das vor 30 Jahren erschien und dem Feminismus die Idee vom kulturellen Geschlecht schenkte. +++ Bei Glanz & Elend gibt es einen ausführlichen Lektürebericht zu Adornos Vorträgen 1949–1968, die von Michael Schwarz herausgegeben worden sind, außerdem gibt es ebd. eine Rezension von Maike Weißpflugs Buch über Hannah Arendt und „Die Kunst, politisch zu denken“. +++ Auf Globalisten als Feindbild können sich Rechts- und Linkspopulisten einigen – zur Erhellung, wer sich eigentlich hinter dem Zerrbild verbirgt, empfiehlt die SZ Quinn Slobodians ideengeschichtlichen Studie. +++ Emmanuel Saez und Gabriel Zucman zeichnen in „Der Triumph der Ungerechtigkeit“ nach, wie die Reichen den Klassenkampf von oben in den USA gewonnen haben, und lassen die taz von einer früher völlig normalen Besteuerung träumen.

(Photo: Free-Photos, pixabay.com, CC0)

Die Unordnung der Dinge

Es wäre ein Wunder, unterliefen der Polizei in Stresssituationen keine Überreaktionen, doch selbst wenn diese dokumentiert sind, kann sie keine Fehler eingestehen – eine Studie, über die die FAZ berichtet, sucht nach den Gründen. +++ Hasnain Kazim denkt in der ZEIT mit Popper über die Toleranz gegenüber der Sprache nach, die dem Rechtsterrorismus den Boden bereitet. +++ Reaktionärer Scheiß oder geiles Rollenspiel? Die ZEIT informiert über Tradwives – Frauen, die sich im Internet als traditionelles Heimchen der 1950er präsentieren.

 

Berichte aus der Akademie

Die FAZ berichtet über einen australischen Ansatz für Quantenbits, der zur Basis eines alltagstauglichen Quantencomputers werden könnte, und portraitiert den Informatiker Bernhard Schölkopf, der der EU bei ihrer KI-Strategie weiterhelfen soll. +++ Katherine Johnson half, den Menschen auf den Mond zu bringen, wie die SZ in ihrem Nachruf auf die mit 101 Jahren verstorbene US-Mathematikerin schreibt. +++ Neurowissenschaftler haben untersucht, wie sich Gewohnheiten im Gehirn niederschlagen, berichtet Spektrum.

 

Trotz Philosophie

Vor 2.500 Jahren stürzte Thales beim Nachdenken in einen Brunnen und wurde von der Magd ausgelacht, woran die FR erinnert. +++ Der Freitag bringt einen Guardian-Artikel von Rebecca Tuhus-Dubrow über den Antinatalismus in Tradition und Gegenwart. +++ Matthias Warkus erklärt in seiner Spektrum-Kolumne nach dem Anschlag von Hanau, warum Rassismus immer unvernünftig ist, Psychose hin oder her. +++ Die ZEIT unterhält sich mit dem Managementberater Guido Schmidt darüber, wie antike Philosophie in den Chefetagen moderner Unternehmen weiterhilft. +++ Die Uneigentlichkeit wird das junge Jahrtausend prägen: Telepolis bringt einen Auszug aus Paul Sailer-Wlasits Essay über Metapher, Zeugenschaft und Wahrsprechen.

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