Links der Woche, rechts der Welt 44/18

Psychopathen als Doktorvater

Professorinnen sind auch Führungskräfte und dafür – wie ja auch für die Lehre – nicht immer geeignet: Drohungen, Schikanen und Belästigung kommen auch in der Wissenschaft vor, wie Marc Scheloske bei Spektrum unter ausgiebiger Namensnennung schreibt und dann grundsätzlich auf die Rahmenbedingungen blickt, die Machtmissbrauch begünstigen. (30.10.18)

 

Prognosen über unsere digitale Zukunft

Technologiekritik wird vornehmlich von Fachfremden und Laien betrieben, regt sich Felix Simon in der NZZ auf und macht das an einigen Dystopien unter den Schlagworten „Blockchain, KI, Big Data“ fest, die wenig Neues, dafür viel Überzogenes bieten – und in den Händen von Politikerinnen und Managern ernste Folgen haben können. (30.10.18)

 

This is not Ressentiment

Geisteswissenschaften sind auf ihre Muttersprache angewiesen, schreibt Magnus Klaue in der FAZ und beklagt darob den Siegeszug des Englischen als akademische Einheitssprache. Einige gar nicht kulturkonservative Skepsis bringt er dem damit verbundenen Anspruch an Weltoffenheit und Internationalität entgegen. (31.10.18)

 

Be happy or die trying

Arno Kleinebeckel liefert bei Telepolis – u.a. mit Seeßlen, Han und Marcuse – einen sehr „schönen“ Lagebericht aus dem glücklichen Sklavenleben unterm spätkapitalistischen Diktat bedingungsloser Produktivität, aus dem auch Drogen, Aerobic und Selbstmord nicht heraushelfen. (01.11.18)

 

Der Philosoph als Wunderheiler und Quacksalber

Die FR bringt einen Vorabdruck aus Otto A. Böhmers Buch „Lichte Momente“, in dem er sich u.a. mit dem „Phänomen“ Peter Sloterdijk und der Verachtung beschäftigt, die ihm von Philosophiebeamten entgegengebracht wird. Dazu blickt er u.a. auf den Überraschungserfolg von Slotis Erstling „Die Kritik der zynischen Vernunft“ anno 1983 und die Sphären-Trilogie. (02.11.18)

 

Alles Gute kommt von oben

Susanne Kippenberger hat für den Tagesspiegel Eindrücke und Motive des „Cloudspottings“ gesammelt, weil In-die-Wolken-gucken nicht hip genug klingt, um zum nächsten Wellness-Trend zu werden. „Cloud Spotter“ erzählen, wie sie Entschleunigung, Rätsel, Kunst, Niederschlag und Metaphysik am Himmel finden. (02.11.18)

Florenz (Photo: Free-Photos, pixabay.com, CC0)

Bücher

Die Ökonomen Mihir A. Desai, Gary Saul Morson und Morton Schapiro empfehlen ihrer Disziplin Bescheidenheit, Interdisziplinarität, Narrativität und eine Rückkehr zum Ethiker Adam Smith, wie die NZZ in ihrer Rezension festhält. +++ Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Finanzkrise seit 2008 die Welt verändert hat. Die taz findet darin wenig Neues, aber anschaulich beschriebene Zusammenhänge, und auch der Freitag bespricht das Buch „Crashed“. +++ Der Freitag wägt außerdem Chantal Mouffes Aufruf an die Linke ab, die Demokratie mit der politischen Strategie des Populismus wiederherzustellen, und stellt Slavoj Žižeks Buch darüber vor, was wir von Lenin lernen können. +++ Ein Buch mit dem Titel „Warum Liebe endet“ müsste trotz des Untertitels „Eine Soziologie negativer Beziehungen“ gut laufen; Eva Illouz hat es geschrieben und der Tagesspiegel rezensiert diese „Ethnographie der Heterosexualität“ im Konsumkapitalismus. +++ Die NZZ staunt über die Chuzpe, die 2.000 Jahre dauernde Antike als Kindheit Europas in ein Überblickswerk zu stopfen. +++ Einen Band mit nur teilweise monströsen Briefen von Elias Canetti u.a. an Adorno, Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher stellt die ZEIT vor. +++ Glanz & Elend, das Onlinemagazin für Literatur und Zeitkritik, feiert seinen 25. Geburtstag (!) mit einem Quiz zum Literaturbetrieb, bei dem es einen Haufen Bücher zu gewinnen gibt.

 

Bild und Ton

Die Verfilmung von Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ zeigt Wien anno 1937 mit dem unverwüstlichen Bruno Ganz als Sigmund Freud. Der NZZ kommt das alles wie Kulissenbau für den Geschichtsunterricht vor, ein Urteil, dem sich die WELT anschließt, und auch der Tagesspiegel hat höchstens unterhaltsame „Literaturbebilderung“ gesehen:

Darüber, was Thomas Hobbes uns heute noch zu sagen hat, unterhalten sich Heiner Klemme und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht des Blues und bei Essay und Diskurs spricht Ute Frevert morgen früh über den Einfluss von Emotionen auf Politik und Gesellschaft. Mittags gibt es bei Sein und Streit u.a. ein Interview mit Peter Trawny vom Martin-Heidegger-Institut. Der Sein-und-Zeit-Podcast ist beim vorletzten Paragraphen und Hegels Zeitbegriff angekommen und Herr Meier und Frau Lenk sprechen weiter über das Internet: In Folge 4 geht es um Incels und ihre „Logik“.

 

Das Weitere und Engere

Kunst und Werk: Der Kunstmarkt ist bekannt dafür, außer Rand und Band zu sein; die SZ berichtet, dass ein von einer künstlichen Intelligenz geschaffenes Gemälde für 432.500 Dollar – 4.320 Prozent über dem Schätzwert – versteigert wurde. +++ Der Frankfurter Kunstverein zeigt bis Januar 2019, wie unterschiedlich die Natur als Thema in Kunst, Philosophie und Technik dargestellt wurde, und die FR ist beeindruckt von dieser Reise in eine gar nicht so neue Welt. +++ Ebenfalls bis Januar zeigt die Alte Pinakothek München „Florenz und seine Maler“; die WELT hat sich die Ausstellung angesehen und staunt über die kapitalgetriebene Kraft der Renaissance.

Aus den Wissenschaften: Steven Pinker hat in Berlin für mehr Aufklärung plädiert und die FAZ ist etwas indigniert darüber, wie Pinker die politisch-kulturellen Strohmänner abräumte. +++ Die Demokratie leidet unter Vertrauensverlust, wie immer neue Studien dokumentieren. Eine Metastudie wiederum legt nahe, wie die FAZ meldet, dass die Methodik einen großen Anteil an diesen Ergebnissen hat.

Trotz Philosophie: Im Oktober hat sich das theorieblog in mehreren Essays mit dem Begriff der Heimat auseinandergesetzt. +++ Die WELT bringt einen Nachruf auf den Flaneur im beschleunigten Digitalkapitalismus und stellt Ned Blocks Gedankenexperiment vor, das die Reduktion des Bewusstseins auf physikalische Hirnprozesse widerlegen soll. +++ Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli stand wegen ihrer Rolex im Zentrum eines Shitstorms und Matthias Warkus kommt in seiner Spektrum-Kolumne zu dem Schluss, dass hier nicht bloßer Neid im Spiel war. +++ In einem Berliner Café gibt es Nietzsche-Zitate auf dem Kassenbon, was den Tagesspiegel ganz nachdenklich macht. +++ Helmut Höge denkt in der taz über die Mücke, von ihr übertragene Krankheiten und den aussichtslosen Kampf gegen beide nach. +++ Genozid für Fortgeschrittene – darum geht es im aktuellen Lichtwolf, der auch als E-Book erhältlich ist.

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