Links der Woche, rechts der Welt 32/18

Kant als Hedonist?

Wolfgang Hellmich hat sich für die NZZ noch einmal Kants unterschätztes Spätwerk vorgenommen und findet in der berühmten Eherechtslehre von der wechselseitigen Überlassung der Geschlechtsorgane recht moderne Gedanken zum Geschlechterverhältnis und zur Lust. (03.08.18)

 

Ein lyrischer Text übers Unvermeidliche

Ayad Akhtar nimmt im Standard das Katastrophenvokabular beim Wort, das in Debatten über die Migrationspolitik gebraucht wird, und geht in seinem sehr schönen Text von Migration als physikalischer Unvermeidlichkeit aus, auf die man sich einstellen sollte. (05.08.18)

 

It’s not a bug, it’s a feature

Das Vergessen ist ein wichtiger Bestandteil der Dynamik, die unser Bewusstsein ausmacht, wie Martin Korte bei Spektrum beschreibt. Dazu betrachtet er die Etymologie und Biochemie des Vergessens sowie dessen Bedeutung bei Phänomenen wie Konzentration, Schlaf und Traumata. (07.08.18) [Dazu könnte LW29 zum Titelthema „Vergessen“ passen: Sämtliche Texte des ausverkauften Hefts sind online verfügbar.]

 

Überlegenheit der sozialen Marktwirtschaft“

Die „Totalitarismustheorie“ kotzt Linke an, weil diese in jener als rot lackierte Nazis gelten. Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder zeigen in der FAZ auf brennende Kleinwagen beim G20-Gipfel in Hamburg und erklären dann ausführlich, warum der Linksextremismus mit seinem Hass die Demokratie bedroht. (07.08.18)

 

Wut, Wohlstand, Weiterso

Pascal Bruckner freut sich in der NZZ über Kritik an und Anfeindungen gegen den Kapitalismus, der dadurch (wie jedes gute Monster) nur noch stärker werde. Bruckner zählt genüsslich alle hilflosen Nörgler auf – von Žižek bis zum Papst (!) –, die den Kapitalisten stets unfreiwillig Reformtipps zum Wohle aller geben. (08.08.18)

 

Verunmöglichung eines Gesellschaftsvertrags

Der Populismus als Symptom der Postdemokratie ist Roberto Esposito zu kurz gedacht. In der NZZ blickt er auf die viel länger andauernde Biopolitisierung der Gesellschaften, mit der eine Desubjektivierung einherging, die das demokratische Vokabular zur Fassade machte, während der Liberalismus sich gut damit arrangierte. Europa hat nun die Chance, die Welt zu retten. (11.08.18)

(Photo: Jonny_Joka, Julian Hacker, pixabay.com, CC0)

Bücher

Wie bereitet man sich auf eine Invasion in 400 Jahren unter ständiger Überwachung des außerirdischen Gegners vor? Die taz bespricht Band 2 der „Trisolaris“-Trilogie des chinesischen Science-Fiction-Schriftstellers Cixin Liu. +++ Die SZ rät, Manuela Lenzens Buch „Künstliche Intelligenz“ schnell zu lesen, da diese nüchterne Bestandsaufnahme, „was sie kann und was uns erwartet“ (Untertitel), bald wieder vom Stand der Technik überholt sein dürfte. +++ Der Tagesspiegel ist vom mäandernden Stil von Donna J. Haraways Plädoyer zur Verschwisterung mit der Welt unter dem Titel „Unruhig bleiben“ etwas überfordert. +++ Die NZZ rezensiert Alexander Sedlmaiers Studie „Konsum und Gewalt“ über die neuen sozialen Bewegungen, ihre reflektierte Konsumfeindlichkeit und brachiale Kommunikationsstrategie. +++ Außerdem weist die NZZ auf die Kritik der EU-Kritik von Georg Kreis hin, der darin erklärt, wie Europa zum Hoffnungsträger und Sündenbock wurde. +++ Die FR stellt den von Otfried Höffe und Andreas Kablitz herausgegebenen Tagungsband „Religion im säkularen Europa“ vor, dessen Beiträge u.a. mit der These vom Absterben der Religion(en) aufräumen. ++++ Die „Deutsche Ideologie“ von Marx und Engels gibt es gar nicht: Die taz würdigt die Detektivarbeit von Ulrich Pagel, Gerald Hubmann und Christine Weckwerth, die in der MEGA die Manu­skripte und Drucke der „Deutschen Ideologie“ neu herausgegeben haben. +++ Außerdem freut sich die taz, dass Walter Lippmanns Buch „Die öffentliche Meinung“ über das Verhältnis von Demokratie und Massenmedien nach knapp 100 Jahren endlich auf Deutsch erhältlich ist. +++ In der WELT erklärt der Soziologie Heinz Bude, dank welcher Bücher er den Bildungsaufstieg aus einer Handwerkerfamilie schaffte.

 

Das Weitere und Engere

Matthias Warkus fragt sich in seiner philosophischen Kolumne bei Spektrum, ob es alles gibt, was wir anfassen oder benennen können, oder noch mehr oder weniger. +++ Ob die Maschinen ähnliche Skrupel haben werden? Telepolis berichtet über eine Studie, wonach es Menschen schwerfällt, einen Roboter abzuschalten, wenn der sie bittet, es nicht zu tun. +++ Für das FAZ-Blogseminar unterhält sich Philipp Frohn mit Till Zeyn über sein Engagement als Studierendenvertreter und das geringe Interesse an studentischer Interessenvertretung. +++ Zur Geisteswissenschaft gehört das Schreiben und Johanna Beamish gibt in ihrem Blog „Geisteswissenschaften als Beruf“ vier gute Tipps, wie das leichter fällt. +++ Telepolis rekapituliert jüngste Einschätzungen zur Verrohung des deutschen Bürgertums. +++ In der SZ-Serie „Stimmen aus Syrien“ erzählt der 22-jährige Fotojournalist Anas al-Shamy von seiner Flucht aus Ost-Ghouta nach Aleppo und wie man dort den Sommer zu genießen versucht. +++ Wenn paranoider Irrsinn nicht mehr reicht: Trump-Anhänger scharen sich hinter der QAnon-Bewegung, einer Art Superverschwörungstheorie, die – wie die SZ berichtet – auf den Roman eines situationistischen Autorenkollektivs zurückgehen soll. +++ Endzeitkapitalismus: Wie mit Paranoia und Verschwörungstheorien ein lukratives Geschäft gemacht wird, beschreibt Nicolas Freund ebenfalls in der SZ. +++ Wer den Fußsteg von LW62 angeguckt hat, weiß, dass wir in einer erdgeschichtlich außergewöhnlichen Kaltzeit leben. Lars Fischer kommentiert bei Spektrum die Möglichkeit eines Zurückkippens der Erde in ihren tropischen Regelzustand. +++ Wer sich über die plötzliche Beliebtheit antifaschistischen Liedguts bei der Jugend wundert: Die Techno-Version von „Bella Ciao“ ist der Sommerhit 2018. Ines Schwerdtner erklärt im Ada Magazin, was es damit auf sich hat.

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