Links der Woche, rechts der Welt 31/18

Deleuze, Benoist, 1968

Vorletzte Woche war in der NZZ zu lesen, wie Derridas differance-Begriff ins neurechte Vokabular übergegangen war. Jule Govrin und Andreas Gehrlach hatten da bei „Geschichte der Gegenwart“ in einem spannenden ideengeschichtlichen Abriss längst dargestellt, wie ungleich die Ungleichheit von Poststrukturalisten und Neoreaktionären verstanden wird. (13.06.18)

 

Apokalyptischer Faschismus

Findet in Deutschland gerade die moralische Verwahrlosung statt, die die Grundlage für einen neuen Faschismus schafft? Tobias Haberkorn geht der Frage in der ZEIT nach und findet in Bücherauslagen und Debatten ein merkwürdiges Nebeneinander von Apathie und berserkerhafter Kritik in einer kulturpessimistischen Untergangsstimmung. (31.07.18)

 

Humor statt Fun

Paul Jandl denkt u.a. mit seinem Namensvetter Ernst Jandl, aber auch Experten wie Freud, Nietzsche, Gernhardt und Adorno in der NZZ über Humor und Witz nach. Dabei liefert er neben praktisch-lustigen Beispielen für Humortheorie auch eine kurze Geschichte des kritischen Lachens. (31.07.18)

 

Allein mit dem schwarzen Hund

Der Geowissenschaftler Dave Reay litt unter Angstzuständen und Depressionen. Bei Spektrum schildert er als Überlebender die besonderen Schwierigkeiten, die psychisch erkrankte Akademiker haben, und will mit seiner Geschichte Mut machen, sich früher als er Hilfe zu suchen. (31.07.18)

 

Nach dem Kapitalismus kommt der Commonismus

Für Telepolis unterhält sich Tomasz Konicz mit Simon Sutterlütti und Stefan Meretz anlässlich des Erscheinens ihres Buchs „Kapitalismus aufheben“ u.a. über den Mut und die Not, Utopie und Transformation wieder denkbar zu machen, und wie man den Kapitalismus zum IT-Postkapitalismus aufhebt. (31.07.18)

 

Die Maschine stellt die alten Fragen

In der ZEIT gibt es ein Interview, das Dirk Peitz mit der Technikphilosophin Catrin Misselhorn über Künstliche Intelligenz führt: Was heißt schon Intelligenz, wie menschenähnlich muss sie sein, muss man Angst haben, muss die Maschine Angst haben und was hat Anna Karenina damit zu tun? (31.07.18)

 

Autonomie gegen Bequemlichkeit

Sascha Lobo warnt in der FAZ vor den Gefahren, die sich aus dem dräuenden Verbund von Künstlicher Intelligenz, Big Data und zynischer Gewöhnung ans Überwachtwerden ergeben. Kaum jemand weiß noch, was in der Maschinenwelt vor sich geht, die wir aus Überforderung und Bequemlichkeit in sämtliche Entscheidungsräume in der physischen Domäne einsickern lassen. (01.08.18)

 

Propaganda, Reklame, Fake News

Walter Lippmann kam vor einem Jahrhundert zu dem Schluss, die Menschen kämen mit der modernen Demokratie nicht zurecht und bedürften der medialen Meinungslenkung. Telepolis bringt einen bestrickend aktuell wirkenden Auszug aus seinem Buch „Die öffentliche Meinung“ und aus dem Vorwort der Neuausgabe. (01.08.18)

 

Die neue Unordnung

Peter Riesbeck unterhält sich für die NZZ mit Dieter Thomä über die Rolle von Störenfrieden und Außenseitern in der Politik. Am Beispiel Horst Seehofers zeigt sich, dass sich das Verhältnis des Unruhestifters zur Ordnung geändert hat, siehe auch Trump, AfD usw. (02.08.18)

 

Bildungswut an der Massenuniversität

Die 68er-Bewegung hat Deutschland verändert, nicht jedoch die Universitäten. Thomas Thiel beschreibt in der FAZ, wie die Akteure über Reform oder Revolution diskutierten, während im Hintergrund längst Hochschulreformen „auf den Weg gebracht“ wurden, die nur eine fassadenhafte Demokratisierung brachten. (04.08.18)

 

Die zerrissene Demokratie

Die NZZ bringt einen langen Text des Sozialpsychologen Jonathan Haidt über die Geteilten Staaten von Amerika. Haidt untersucht u.a. rechte Medien und linke Identitätspolitik als Ursachen der Polarisierung und deren politische Folgen für die USA. (04.08.18)

(Photo: Ylvers, pixabay.com, CC0)

Bücher

Der Band zu John Stuart Mill beschließt die Brevier-Reihe „Meisterdenker der Freiheitsphilosophie“ und die NZZ freut sich, in ihm einen EU-Skeptiker erkennen zu können. +++ Außerdem weist die NZZ auf Richard David Prechts „Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Grundeinkommen, weniger Maschinen- und Optimierungswahn) hin. +++ Die FAZ ist angeregt, aber nicht überzeugt von der historischen Netzwerktheorie und dem sie stützenden metaphernreichen Geschichtspanorama, das Niall Ferguson in „Türme und Plätze“ ausbreitet. +++ Tobias Ginsburg hat sich mit der wallraffschen Methode der teilnehmenden Beobachtung unter Reichsbürger, Neonazis und Querfrontler begeben – der Freitag bespricht seinen „Reisebericht“ und weist auf den dazu passenden Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin hin. +++ William T. Vollmann versucht in einem voluminösen Werk denen, die mit der von uns verursachten Klimakatastrophe leben müssen, unseren fossil-nuklear-verschwenderischen Lebensstil zu erklären und die WELT zeigt sich schwer beeindruckt von „Carbon Ideologies“. +++ Die SZ freut sich über die Neuedition der „Neunhundert Thesen“ des ersten philosophischen Komparatisten und Bücherfressers Giovanni Pico della Mirandola.

 

Radio

Letzte Woche ging es im Philosophischen Radio des WDR 5 um das Böse (Studiogast: Arnd Pollmann), diese Woche unterhalten sich Mouhanad Khorchide und Jürgen Wiebicke über den Islam und die Aufklärung. Morgen früh ist Künstliche Intelligenz das Thema bei Essay und Diskurs im DLF, bei Sein und Streit geht es mittags u.a. um #meToo, #meTwo, Solidarität und den Wolf. Falls Ihnen die dortige Reihe „Das philosophische Bestiarium“ bekannt vorkommt: Der Lichtwolf macht das schon seit Jahren unter dem Titel „Viehlosovieh“.

 

Das Weitere und Engere

„Dein Smartphone ist schon hier“: Die SZ ist fasziniert von der Doku über einen Elektroschrottplatz in Ghana, die Florian Weigensamer, Christian Krönes unter dem Titel „Welcome to Sodom“ ins Kino bringen:

Auch der Freitag empfiehlt diesen Blick durchs Schlüsselloch unserer Externalisierungsgesellschaft. +++ Unterstützen Sie Ihren lokalen Mathematiker: Spektrum stellt den Begründer der formalen Logik, Giuseppe Peano, sowie den 30-jährigen Peter Scholze vor, der die diesjährige Fields-Medaille verliehen bekommen hat. Bei den ScienceBlogs wird erklärt, wofür. +++ Patrick Illinger schüttelt in der SZ den Kopf darüber, wie der Wissenschaftsbetrieb die Gefahren kleinredet, die von „Fake Science“ und Raubverlagen ausgeht. +++ Die FR hat einige Ratschläge für Leute, die als Erste ihrer Familie an die Uni gehen. +++ Man hat es geahnt: Die SZ stellt Studien vor, wonach die gegenwärtige Dürre mit langen Hitzewellen der normale Sommer der nahen Zukunft sein wird und die NZZ blickt auf die zum Teil überraschenden, hauptsächlich schockierenden Folgen der Trockenheit in Europa. +++ Erhard Schütz denkt im Freiatg über den deutschen Wald nach: Der ist „so wenig natürlich wie unsere Gesellschaft kultiviert“. +++ Matthias Heine wundert sich in der WELT, warum der „Burgfrieden“ als conditio sine qua non der Demokratie immer noch zum politischen Alltagsvokabular gehört, obwohl der Begriff aus dem Ersten Weltkrieg stammt. +++ Gregor Weichbrodt hat die AfD auf den Mond gephotoshoppt.

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