Links der Woche, rechts der Welt 33/18

Das erste und das letzte Mal

Es gibt viele erste Male und sie lehren einiges darüber, was es mit Erinnerung und Bewusstsein auf sich hat, wie Alain Claude Sulzer in der NZZ anhand vieler Beispiele aus seiner eigenen Biographie schreibt. Sie bringen die Ahnung mit sich, dass es bald immer mehr Dinge gibt, die man zum letzten Mal tun wird. (15.08.18)

 

Rassismus als Erbsünde

Gutmenschen werden oft von Schuld- und Schamgefühlen getrieben, wie Maria-Sibylla Lotter in der ZEIT unterstellt. Die Massenproduktion von schlechtem Gewissen ist eine Absage an die Aufklärung, den offenen Diskurs, die Idee der Menschheit und die Frage von Schuld und Verantwortung. (15.08.18)

 

Spekulatives Design mit CRISPR

Kathrin Zinkant portraitiert für die SZ die Designerin Emilia Tikka, die mit Mitteln der Gentechnik und Molekularbiologie Kunstwerke schaffen und so Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft „in den Dialog bringen“ soll. Die ersten Nervenzellen sind bereits gezüchtet, im Oktober kommt die Ausstellung. (15.08.18)

 

Humanpräparate im Elsass

Die „Reichsuniversität Straßburg“ gibt gutes Anschauungsmaterial für das Verhalten von Akademikern in der NS-Zeit. Kirsten Esch schreibt bei Telepolis über dieses „Bollwerk des Germanentums“ und seine besonders starke medizinische Fakultät, mit der Esch eine persönliche Beziehung verbindet. (15.08.18)

 

Linke Bildergeschichten

Nicht nur Alt-right-Neonazis können Memes in Umlauf bringen. Marie Detjen erklärt in der ZEIT, was Memes sind und wie sie der politisch-kulturellen Selbstvergewisserung von lose miteinander verbundenen Eherlinken im Netz dienen – anhand der Facebook-Seite Sassy Socialist Memes. (17.08.18)

 

Lebe lang und glücklich in Gesellschaft

Patricia Thivissen geht bei Spektrum der Frage auf den Grund, warum wir soziale Beziehungen brauchen, um glücklich zu sein, und warum Einsamkeit die Gesundheit gefährdet. Was philosophisch keine Überraschung ist, wurde nämlich auch längst empirisch belegt. (17.08.18)

 

Keine Aliens in der Lüneburger Heide

Dieter Janecek sitzt für die Grünen im Bundestag und schreibt bei Telepolis, dass die deutsche Regierung keinen Plan für den Fall eines Erstkontakts mit extraterrestrischen Lebensformen hat und es auch nicht darauf anlegt. Das ist allerdings nicht schlimm, denn der Fall der Fälle ist extrem unwahrscheinlich. (18.08.18)

 

Bücher

Die FAZ lobt Martin Schulze Wessels ungewöhnlich erzählte Geschichte des „Prager Frühlings“ für den Schwerpunkt auf die demokratischen Traditionen und die Kulturschaffenden hinter dem Aufbruch anno 1968. +++ Spektrum kümmert sich ja eher um Naturwissenschaften, doch Slavoj Žižeks neues Buch „Disparitäten“ ist dort einer seltsam kurzen Rezension würdig. +++ Richard David Precht sieht in seinem neuen Buch eine Massenarbeitslosigkeit durch die Digitalisierung der Arbeitswelt aufziehen, die FAZ allerdings findet die empirische Grundlage seiner Spekulation sehr dünn. +++ Die taz empfiehlt Axel Honneths europäische Ideengeschichte der Anerkennung auch dem philosophischen Laien, der sich für die Grundbedingung des Sozialen interessiert. +++ Außerdem bespricht die taz den Sammelband, in dem 17 Autorinnen über Sex und Macht aus weiblicher Perspektive schreiben. („Als Fortsetzung der #MeToo-Debatte mit literarischen Mitteln, sozusagen.“) +++ Der Rechtsextremismus-Experte David Begrich erklärt im Freitag, warum das angebliche Enthüllungsbuch der AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber keines ist (das keine Überraschungen über die AfD enthält) und sie auch nicht „ausgestiegen“ ist.

 

Radio

Haben wir die Freiheit, wirklich frei zu sein? Das fragen sich Thomas Meyer und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Wie politisch und witzig frau sein kann, ist heute Abend in der Langen Nacht über Irmgard Keun im DLF zu hören, wo sich Friedrich Christian Delius morgen früh in Essay und Diskurs mit dem Humor in Theorie und aktueller Praxis auseinandersetzt. Hörenswert auch der Radioessay vom letzten Sonntag, der wie in einem Wissenschaftskrimi darstellt, wie das ursprünglich emanzipatorische Konzept der „Midlife-Crisis“ zu patriarchaler Kackscheiße umgebogen wurde. Seinsanalytik ist nie fertig: Im Sein&Zeit-Podcast geht es um § 78, „Die Unvollständigkeit der vorstehenden zeitlichen Analyse des Daseins“.

(Photo: Felix Mittermeier, pixabay.com, CC0)

Heimat in Angst

Muss die Linke den Rechten den Heimatbegriff entreißen? Robert Misik denkt in der ZEIT über diese Frage nach, indem er klärt, was der Begriff mit dem Gefühl, der Erinnerung, der Zugehörigkeit und Flüchtigkeit zu tun hat. Peter Zudeick hat mit „Heimat. Volk. Vaterland.“ ein ganzes Buch zum Thema vorgelegt, das es sich mit der Begriffsrettung etwas zu einfach macht, wie die SZ findet. Altaf Merzah hat in den Bergen Jemens und Bayerns die Angst kennengelernt und hofft in der ZEIT auf ihre Überwindung. Das theorieblog ruft dazu auf, politisch-philosophische Blogposts zum Thema „Heimat?!“ zu verfassen und einzureichen.

 

Das Weitere und Engere

„Und was kann man damit machen?“ Matthias Warkus schreibt in seiner Kolumne über die Frage, die allen Philosophie-Studis gestellt wird, und über die gar nicht üblen Berufsaussichten. (Als ginge es darum!) +++ Zufrieden meldet die FAZ, dass dank Bologna immer mehr Studierende ihren Abschluss in der vorgegebenen Zeit machen. Einen Tag später wundert sich dieselbe FAZ, dass immer mehr Studierende aufgrund des Leistungsdrucks unter psychischen Erkrankungen leiden. +++ Die Deutsche Welle gehört nun auch zu den Medien, die online die Kommentarfunktion abgeschaltet haben. Michael Meyen erklärt in seinem Hypotheses-Blog, warum er das für eine Gefahr für die Demokratie hält. +++ Zeig mir deine Hundehütte und ich sag dir, wer du bist: Die WELT stellt neun Beispiele für Designer-Hundehütten und Edel-Kratzbäume vor, damit das Haustier an der persönlichen Distinktion teilhat.

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