Links der Woche, rechts der Welt 20/18

Das Recht, das angeblich gebrochen wird

Daniel Thym hat sich die Rechtspopulisten zum Feind gemacht, weil er darlegte, deren Geraune über „illegale Masseneinwanderung“ und den Zusammenbruch des Rechtsstaats sei nur der Versuch, demokratische Politik insgesamt zu delegitimieren. Im Verfassungsblog legt der Jurist Punkt für Punkt dar, warum der „Rechtsbruch“-Mythos ein kontrafaktisches Konstrukt ist. (02.05.18)

 

Was ist die größere Gefahr?

Es gibt populärere Sujets als die Öffnung aller Grenzen, für die Stefan Reinecke in der taz dennoch argumentiert und dabei Menschenrechte, Marx und Rawls auf seiner Seite weiß. Die kommunitaristischen Gegenargumente, ein Staat habe sein Staatsvolk zu schützen und zu definieren, kreiert ein Dilemma für Demokratien. (13.05.18)

 

1968 im Lichte der Gnosis

Nicht alle Akteure von 1968 sind so prominent wie Rudi Dutschke. Martin Treml erinnert im Freitag an den Theologen Jacob Taubes, der sich mit seiner zweiten Frau Margherita von Brentano auf die Seite der protestierenden Studenten stellte, entlastende Gutachten für Angeklagte schrieb und Marcuse nach Berlin holte. (15.05.18)

 

Muss das sein?

Zu Pfingsten macht sich Wilhelm Schmid in der ZEIT Gedanken darüber, ob und wie man als säkularer Philosoph religiös sein kann und was das überhaupt heißt: Religion als Rückbindung an etwas Wesentliches, als das Schmid die Energie ausmacht, die zur Wahrheit führt…? (16.05.18)

 

Donald Trump als „Donald Trump“?

Nach wie vor gibt Donald Trumps Wahlerfolg Rätsel auf. Berit Glanz stellt in der FAZ die Theorien von Stephen Greenblatt vor, die um das oszillierende Verhältnis von Ästhetik und Politik, Authentizität und Show kreisen und zwar schon 30 Jahre alt sind, aber heute, da ein Reality-TV-Star im Weißen Haus sitzt, aktueller denn je scheinen. (16.05.18)

 

Amerika über alles

Schon vor einem Weilchen ging es in der NZZ um Trumps Vordenker, die ihren Leo Strauss gelesen haben. Nun beschäftigt sich auch Thomas Assheuer in der ZEIT mit diesen Isolationisten, Verschwörungstheoretikern und Verächtern von Recht und Moral, die nicht nur in den USA den Ton angeben. (16.05.18)

 

(Photo: DaKub, pixabay.com, CC0)

 

Die Einsamkeit differenziert Heimattreuer

In Zeiten rechtspopulistischen Furors ist es schwer, bloß konservativ zu bleiben. Armin Lehmann untersucht im Tagesspiegel, wie etwa Rupert Scholz und Ulrich Greiner den schwierigen Spagat versuchen zwischen Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik und der Abgrenzung zum rassistisch-autoritären Wutbürgertum. (16.05.18)

 

Effektreiche Sprachspiele in Bewegtbildern

Wer verstehen will, ist nicht mehr ganz in der Welt, schreibt Werner Köhne bei Getidan mit Blick auf Hans Blumenbergs „Lachen der Thrakerin“ und populärwissenschaftliche Fernsehformate, die den Zuschauer „abholen“ und zum „Verstehen“ „mitnehmen“. Was heißt dieses „Verstehen“ in einer immer stärker medial vermittelten Wirklichkeit? (16.05.18)

 

Die alten Fixsterne der Republik

Die WELT bringt einen Text von Thomas Schmid, in dem er zum 70. Geburtstag von Winfried Kretschmann über das Verhältnis zwischen Politik und Öffentlichkeit nachdenkt. Diese treibt jene immer mehr vor sich her. Aber kulturpessimistische Sehnsüchte nach der guten alten Polis verbietet er sich, um dann doch mit Lippmann, Carl Schmitt und Dewey von einer technokratischen Aristokratie zu träumen. (17.05.18)

 

Von Hegel zu Putin

Ulrich M. Schmid portraitiert in der NZZ den antibolschewistischen Philosophen Iwan Iljin (1883–1954), der sich vor allem mit einem theologisierten Hegel Gedanken über eine spezifisch russische Staatsverfassung machte und auf dessen militarisierte Religiosität Putin heute Bezug nimmt. (18.05.18)

 

Global denken, global handeln

Bruno Latour macht sich mit seinem neuen Buch auf ins FAZ-Interview mit Harald Staun. Es geht darin u.a. um Realitätsverweigerung im Angesicht des Klimawandels und ihren politischen Ausdruck sowie um die Notwendigkeit, nicht mehr rechts oder links, ökologisch oder ökonomisch, sondern „terrestrisch“ zu denken. (19.05.18)

 

Bücher

Die NZZ bespricht die Neuedition von Max Webers manifestartiger Schrift „Wissenschaft als Beruf“, die den Entzauberern weiter zu konsequenter Entzauberung rät. +++ Nicht ganz so überzeugt ist die NZZ von Maurizio Bettinis Buch wider die „die trügerischen Mythen der Identität“ und das Gerede von identitären „Wurzeln“. +++ Siri Hustvedt hat mit „Die Illusion der Gewissheit“ einen Essay über bzw. wider den Leib-Seele-Dualismus in unseren modernen Zeiten vorgelegt; die SZ stellt das Buch und die Autorin vor. +++ Die FAZ ist ziemlich angeödet von Michel Onfrays Niedergangskitsch über den „Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden“. +++ Weit mehr als Misogynie und Antisemitismus: Der Freitag rezensiert den Sammelband „Philosophie des Hip Hop“, der diese Subkultur als Darstellung des Zeitgeistes ernstnimmt. +++ Ebd. im Freitag wird auch Terry Eagletons Auseinandersetzung mit dem Materialismus, dem Leib-Seele-Dualismus sowie mit Körper und Welt besprochen. +++ Bei Getidan wird auf den ersten Sammelband hingewiesen, der sich theoretisch-rückschauend mit den Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg befasst.

 

Lichtspiele

Die FR ist ganz begeistert von Ulrich Köhlers Drama „In My Room“, das in Cannes Premiere hatte und einen mitteleuropäischen Robinson nach dem Verschwinden der übrigen Menschheit begleitet:

Außerdem sei hier mal auf die Playlist „Philosophische Gedankenexperimente“ von SRF Kultur auf Youtube hingewiesen sowie auf „Reading Between the Lines“ von TED-Ed, worin antike Mythen und literarische Klassiker in aller Kürze, auf Englisch und schick animiert dargestellt werden, damit man auf der nächsten Stehparty mitreden kann.

 

Radio

Hinter jedem großen Vermögen steht ein großes Verbrechen? Über Reichtum und Moral unterhalten sich Christian Neuhäuser und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Im DLF kommt heute ab 23:05 Uhr die Lange Nacht über fröhliche Pessimisten, die als Wiederholung besonders empfohlen sei! Morgen früh setzt Mathias Greffrath bei Essay und Diskurs seine marxistische Europareise fort, diesmal in Dänemark. Mittags geht es bei Sein und Streit ums Spektakel und Spazieren.

 

Digitale Geisteswissenschaften II

Die FAZ beschließt ihre letzte Woche begonnene Serie über Geisteswissenschaften in der Digitalisierung. In ihr sieht Magnus Klaue einen Segen für die Philologien, die die Sicherung, Erschließung und Edierung von Texten besser denn je hinbekommt – auch wenn es hermeneutische Fallstricke gibt. Auch Tilman Spreckelsen freut sich über die Vielzahl uralter Texte, die man heute mit wenigen Klicks als PDF bekommen, aber auch schwerer wertschätzen kann. Charlotte Schubert schließlich zeigt an einem konkreten Beispiel aus den Altertumswissenschaften, wie man die Stecknadel im digitalisierten Heuhaufen finden oder diesen gleich zum Forschungsgegenstand machen kann.

 

Das Weitere und Engere

David Terwiel und Jürgen Förster berichten fürs theorieblog von einer Tagung über die Frage, was politische Stabilität ist und wie sie hergestellt werden kann. +++ Die Biochemikerin Petra Schwille will künstliches Leben erzeugen, Lars Fischer unterhält sich für Spektrum mit ihr darüber, was Leben ist und ob Menschen das dürfen sollen. +++ Die FAZ rekapituliert, wie immer mehr Leute vor der Allmacht Künstlicher Intelligenz warnen und andere darauf drängen, dass man in der KI-Forschung nicht den Anschluss verlieren dürfe. +++ Matthias Drobinski plädiert in der SZ dafür, das Nachdenken über Ethik in der Digitalisierung oder Gentechnik nicht aufzugeben, obwohl dieses der Technologie immer nur hinterherläuft. +++ Die FR weist auf die vier Marx-Ausstellungen hin, mit denen Trier den berühmtesten Sohn der Stadt weiter zu feiern gedenkt. +++ Bei Schwein & Zeit geht es um Regulierungen und wie sie Großkonzernen nutzen sowie um die (Flüchtlings-)Politik in der Photographie. +++ Auch Ingrid Rossellini fragt sich in der philosophischen Kolumne der New York Times, ob das Lob der Grenze seine Berechtigung hat. +++ Achille Mbembe erhält den diesjährigen Ernst-Bloch-Preis, wie die WELT meldet. +++ Volker Beck und Igor Levit zeigen sich in der ZEIT unzufrieden mit den deutschen Reaktionen auf die vielen Formen des alltäglichen Antisemitismus. +++ Die aktuelle Empörung über das Erdogan-Selfie der Fußballer Mesut Özil und Ilkay Gündogan beruht darauf, das Gequatsche von den „Werten“ der Nationalmannschaft nicht als den Marketingtrick verstanden zu haben, der er ist, erklärt Johannes Kram im BILDblog. +++ Und wie sieht die Welt eigentlich aus der Perspektive einer Kanonenkugel aus? Das Futility Closet hat die Antwort gefunden.

 

Gefallen Ihnen die Links der Woche? Und haben Sie mal einen Euro oder zwei?

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