Links der Woche, rechts der Welt 19/18

Recht und Freiheit dem Wirtschaftsstandort

In der SZ-Serie über das Anthropozän fragt sich Andreas Zielcke, wie sich die zur Abwendung katastrophaler Nebenfolgen notwendige Selbstbeschränkung zu den demokratischen Idealen allgemeiner Freiheit und offener Zukunft verhält. Auch das Recht passt nicht zu der planetaren Herausforderung, die das Anthropozän darstellt. (05.05.18)

 

Sterblichsein ist angesagt

Nichts ist vor den Hipstern sicher, nicht einmal die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Mit deren Vertrendung und Ästhetisierung beschäftigt sich Silke Weber in der ZEIT und schaut sich in Berliner Zirkeln um, wo die coolen Postmodernen und selbstoptimierten Neoliberalen den Kontrollverlust bewältigen, den das Unvermeidliche darstellt. (07.05.18)

 

Zur Kritik der kosmopolitischen Vernunft

Kai Marchal zeigt sich in der ZEIT fest überzeugt, die Philosophie werde unvermeidlich als letzte Disziplin ihren Eurozentrismus aufgeben. Das bringt Abstiegsängste mit sich, wie Marchal sie in den USA beobachtet, wo man Philosophietraditionen aus Ostasien, Afrika und Indien beharrlich ignoriert, während die Debatte darum vor allem eine über den Begriff „Philosophie“ ist. (07.05.18)

 

Die Systemtheorie bleibt vorerst gültig

Vor zwanzig Jahren schrieb Niklas Luhmann „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ und Gerald Wagner fragt in der FAZ, ob der heutige immer noch ein funktional differenzierter Zeitgeist ist. Alles weist darauf hin, dass Differenzierung und Selbstreferenz munterer denn je unsere nach wie vor bloß moderne Gesellschaft prägen, deren Nachfolger sich darin aber auch schon abzeichnet. (07.05.18)

 

Was tun mit Facebook?

Lukas Hermsmeier berichtet für die ZEIT von einer Konferenz in New York, wo man sich aus stramm links-emanzipatorischer Perspektive mit der Digitalisierung auseinandersetzte, freilich ohne den Verstrickungen der sozialen Medien zu entkommen, in denen ja vielleicht auch Potential für den Marxismus des 21. Jahrhunderts liegt. (08.05.18)

 

Die Zauberei des Codes

Der Code ist die allgegenwärtige Konkurrenz zur behäbigen, mehrdeutigen Sprache. Philipp Meier bemerkt in der NZZ, dass sich längst nicht nur alle Dinge in Daten kodieren lassen, sondern dank 3D-Druckern auch der Code wieder manifestiert werden kann – ähnlich wie aus der DNA von Tinder-Matches ein neuer Konsument wird. (09.05.18)

 

Kapitalismus, Konfuzianismus, Leninismus, Digitalismus

Während wir hierzulande noch Dystopien vom kommerziellen Überwachungsstaat und durchobjektivierten Konsumsubjekt ersinnen, macht China ernst: Mark Siemons beschreibt für die FAZ Chinas Sozialkreditsystem, das ab 2020 jeden Bürger rund um die Uhr nach seinem Betragen bewertet, belohnt und bestraft. (11.05.18)

 

Bücher

Nebenan bei Glanz & Elend ist Jürgen Nielsen-Sikora wenig überzeugt von Slavoj Žižeks wirrer Argumentation für den „Mut der Hoffnungslosigkeit“. +++ Für die ZEIT hätte Connie Palmens Buch „Die Sünde der Frau“ länger sein können – anhand von vier Biographien wird darin seziert, wie ungerecht weibliche Sozialrebellen behandelt werden. +++ Die WELT rezensiert die dazu passende Beilektüre vor, Mary Beards historische Studie darüber, wie Frauen marginalisiert und zum Schweigen gebracht wurden (und werden). +++ Der Tagesspiegel liest eine Menge Heidegger in Bruno Latours „Das terrestrische Manifest“ hinein. +++ Live war die FAZ dabei, als Latour in Berlin eben dieses sein „terrestrisches Manifest“ wider Klimawandel und Populismus vorstellte.

 

Radio

In Münster ist Kirchentag und im Philosophischen Radio des WDR 5 sprechen Werner Zager und Jürgen Wiebicke über Atheismus. Wahrscheinlich nicht nur für eine Hälfte der Menschheit interessant: Die heutige Lange Nacht im DLF über Mütter-Töchter-Beziehungen ab 23:05 Uhr. Morgen Mittag geht es bei Sein und Streit u.a. um den Nationalstaat im Allgemeinen und das philosophische Chile im Besonderen.

(Photo: alphalight1, Chuck Underwood, pixabay.com, CC0)

 

Digital Humanities

In der FAZ gibt es gerade eine sechsteilige Serie, die sich mit den Geisteswissenschaften in der Digitalisierung (modern: „Digital Humanities“) beschäftigt. Im ersten Teil beschreibt Wolfgang Krischke, wie die Sprachforschung zur Computerlinguistik wurde und was sie davon hat. In Teil 2 schaut Christiane Wiesenfeldt, was die Musikwissenschaft von der Digitalisierung der Massen von Notenmaterial hat, die Komponisten bis heute aufgeschrieben haben. Im dritten Teil stellt Gerald Wagner fest, dass die Soziologie, die immer schon mit Zählen, Messen, Wiege forschte, sich ganz einfach in die Digitalisierung fügen sollte – was aber ungeahnte Fragen aufwirft.

 

Nachtrag zu Marx

Wenn die Feuilleton-Feierlichkeiten zum 200. Geburstag Karl Marxens vorbei sind, ist erstmal 50 Jahre nicht mehr von dem Mann die Rede? Falsch!

Gerd Koenen beschreibt in der FR die internationale Werk- und Wirkungsgeschichte der beiden bekanntesten Marx-Schriften und welche unentbehrliche Rolle Engels dabei spielte. Die taz unterhält sich sowohl mit Luise Meier, die in ihrem Buch „MRX-Maschine“ spielerisch Marxismus und Feminismus verschränkt, als auch mit Otto Schily, dessen Urgroßonkel Viktor bei der Revolution von 1848 dabei und ein Brieffreund von Marx war.

Dessen Gedanken seien immer noch aktuell, hieß es zum Geburtstag allernorts, und Sonja Álvarez und Roland Lindenblatt schauen für den Tagesspiegel nach hippen jungen Unternehmern, die mit der Ware Arbeitskraft postmarxistisch umgehen wollen. Telepolis bringt passend dazu einen Auszug aus dem Buch, in dem Diego Fusaro beschreibt, wie der Neoliberalismus auch den Marxismus aufgesogen hat.

Slavoj Žižek rät Marxens Erben in der ZEIT, die allgegenwärtigen Zeichen für die stattfindende Ablösung des Kapitalismus nicht zu übersehen. Tania Martini dokumentiert in der taz die erstaunliche Karriere des Begriffs „Entfremdung“, die mit Marx selbst fremdelte und der trotzdem bis heute in beinahe aller Munde ist. Für Glanz & Elend hat Dieter Kaltwasser die Neuerscheinungen zu Marx‘ 200. Geburtstag gesichtet, darunter Werke von Žižek, Trawny und Dath – und Bernhard Wiens beschließt sein kleines Marx-Lexikon bei Telepolis mit dem achten Teil über Obschtschina, Kolonialismus und Tanz.

 

Das Weitere und Engere

Um die soziale Mobilität in Deutschland ist es noch schlechter bestellt als gedacht: Die FAZ stellt eine Studie vor, wonach Bildungsgrad und Aufstiegschancen gar über vier Generationen vererbt werden. +++ Entsprechend dürfte auch mancher mehr oder weniger Schwierigkeiten mit dem habituellen Grüßen auf dem Campus haben, die Aljoscha Harmsen im Blogseminar des FAZ beschreibt. +++ Felix Philipp Ingold portraitiert in der NZZ die „neuen Public Intellectuals“ Sloterdijk, Agamben und Co. als die ambulanten Kyniker von heute. +++ Matthias Warkus nimmt bei Spektrum den Tag der Befreiung zum Anlass, um über positive und negative Freiheit nach Isaiah Berlin nachzudenken.

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