Links der Woche, rechts der Welt 14/18

Wir, die Sterblichen

Lenz Jacobsen und Birthe Mühlhoff unterhalten sich in der ZEIT-Reihe „Der Tod ist groß“ mit Thomas Macho über das zeitige Sterben, das Regeln letzter Dinge und Heideggers Missverständnis vom einsamen Sein-zum-Tode. Das Bedürfnis, gemeinsam dem Tod ins Auge zu sehen, ist jedenfalls da. (31.03.18)

 

Verantwortung statt Regression

Lars Jaeger wundert sich bei Spektrum, warum unsere Zukunftsvorstellungen ab dem 20. Jahrhundert immer dystopischer wurden, je weiter wir technologisch fortgeschritten sind. Die ungenannte prometheische Scham ist ein Grund und sollte doch genug sein, um den Fortschritt verträglich zu gestalten. (31.03.18)

 

Mit Religion ist weiter zu rechnen

Für die FR unterhält sich Joachim Frank anlässlich des Osterfestes mit dem Sozialwissenschaftler Hans Joas darüber, warum Modernisierung nicht automatisch zu Säkularisierung führt, auch Atheisten ein Bedürfnis nach dem Heiligen haben und Religionen sich der Religionsfreiheit verpflichten sollten. (01.04.18)

 

Emotionale Mensch-Maschine-Konvergenz

„Firmen und Forscher arbeiten mit Macht daran, einerseits Computer mit Emotionen zu entwickeln, andererseits menschliche Gefühle zu computerisieren“, schreibt Roland Benedikter bei Telepolis und geht den mitunter deutlich antihumanistischen Motiven und dem seltsamen Gefühlsbegriff nach, die hinter der Forschung stecken. (02.04.18)

 

Unknackbarer Bedeutungsentzug

Dem rätselhaften „Voynich-Manuskript“ wurde nun mit künstlicher Intelligenz und computerlinguistischen Methoden zu Leibe gerückt. Felix Philipp Ingold berichtet für die NZZ, warum diese Entschlüsselungsversuche nur neue Rätsel über Absicht und Bedeutung des mittelalterlichen Manuskripts aufgeworfen hat. (03.04.18)

 

Die Welt ist nicht natürlich

Das Standardmodell der Teilchenphysik steckt in einer Krise, die Robert Gast bei Spektrum schildert. Denn es erklärt nur die meisten physikalischen Phänomene und auch noch so große Teilchenbeschleuniger helfen nicht weiter. So gerät das grundlegende ästhetische „Prinzip der Natürlichkeit“ in den Verdacht, einer „Theorie von allem“ im Weg zu stehen. (04.04.18)

 

Der politische Zweck heiligt philosophische Mittel

Marc Neumann portraitiert für die NZZ die konservativen Denker und Leo-Strauss-Anhänger in ihrer Auseinandersetzung mit Trump. Während man ihn an der Ostküste als Totengräber der republikanischen Sache versteht, feiern ihn Konservative an der Westküste in martialischen Worten als Heilsbringer. (04.04.18)

 

Freiheit oder Soziologie

Jens Nordalm wehrt sich in der ZEIT gegen die Übergriffigkeit von Soziologen, die sowohl das Individuum wie die gute alte Unterscheidung von Staat und Gesellschaft ignorieren. Nur wenn man die ernstnimmt, lässt sich die einzelne besorgte Bürgerin als konsumierendes Kohortenmitglied und als gemeinwohlorientiertes Vernunftwesen verstehen. (04.04.18)

Bücher

Robert Macfarlane sammelt Naturbegriffe, die aus den Wörterbüchern verschwinden, weil die mit ihnen bezeichneten Phänomene und Tiere verschwinden. Die WELT stellt seine Bücher der verlorenen Wörter vor. +++ Pauline de Bok hat ein Buch über ihre Jagdleidenschaft, das Töten und ihr naturnahes Leben geschrieben und wird darob von der ZEIT in ihrem zugigen Kuhstall und auf dem Ansitz portraitiert. +++ Der Freitag stellt das Buch „The Reactionary Mind“ von Corey Robin und seine These vor, wonach die Renaissance und Radikalisierung des heutigen Konservatismus ein Zeichen seiner Schwäche ist. +++ Ganz und gar nicht begeistert zeigt man sich beim Freitag vom Roman „Serverland“, in dem Josefine Rieks über eine Zukunft ohne Internet schreibt. +++ Der Historiker Jürgen Kocka bespricht im Tagesspiegel aktuelle Karl-Marx-Biographien. +++ Die FAZ erinnert an den Aufsatz, mit dem Karin Hausen der Historikerzunft in den 1970ern die Augen dafür öffnete, dass die Geschlechterrollen keine überzeitlichen Konstanten, sondern äußerst historisch sind. +++ Außerdem stellt die FAZ Jens Beckerts soziologischen Aufsatz darüber vor, welche Bedeutung Erwartungen (und Enttäuschungen) für das Funktionieren von Gesellschaften haben.

Radio

Die Macht löst Faszination von Begierde bis Verachtung aus, worüber sich Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5 mit dem Wirtschaftsjournalisten Rainer Hank unterhält. Heute Abend gibt es im Deutschlandfunk die Lange Nacht über Erich Mühsam ab 23:05 Uhr. Bei Essay und Diskurs geht es morgen früh ab 9:30 Uhr um die Wiedergewinnung der Zukunft, mittags bei Sein und Streit ebenfalls im DLF ist passenderweise u.a. Science Fiction das Thema.

Antisemitismus

Der antisemitisch motivierte Mord an einer 85-jährigen Holocaust-Überlebenden hat Frankreich an sein wachsendes Problem Judenhass erinnert. Annabelle Hirsch schildert für die FAZ, wie schwer man sich bei unseren Nachbarn mit dem neuen Antisemitismus tut, in dem rechtsextremer und islamistischer Hass aufgehoben sind. Letzteren hat der Politologe David Ranan untersucht, der in der SZ portraitiert wird, bemerkenswerte Unterschiede zwischen „autochthonem“ und „importierten“ Judenhass feststellt und die deutsche Debatte darüber sehr schräg findet. Die FAZ berichtet weiter über die scharfe Kritik, die Intellektuelle wie Elisabeth Lévy und Alain Finkielkraut an der öffentlichen Auseinandersetzung mit Islamismus und Antisemitismus in Frankreich üben.

Das Weitere und Engere

Teil 2 von Bernhard Wiens‘ Karl-Marx-Lexikon ist bei Telepolis erschienen, diesmal mit den prominenten Stichworten „Wert“ und „Entfremdung“. +++ Anlässlich der Beerdigung Stephen Hawkings erinnert Sibylle Anderl in der FAZ an das schwierige Verhältnis des Physikers zur Philosophie in Sachen Realität und Falsifizierbarkeit. +++ Florian Freistetter würdigt bei Spektrum die Turingmaschine und ihre Entscheidungs- und Halteprobleme. +++ Hochbegabt sind neuerdings alle. Für diejenigen, die es nicht sind und trotzdem ein Stipendium brauchen, hat Eva Heidenfelder für das „Blogseminar“ der FAZ fünf Förderprogramme zusammengestellt, bei denen nicht die ewige „Exzellenz“ im Vordergrund steht. +++ Am Dienstag, 10. April lesen Michael Helming, Marc Hieronimus und Timotheus Schneidegger ab 20 Uhr in der Kneipe Zur Alten Post (Am Markt 3, 26506 Norden) aus den Lichtwölfen Nr. 59, 60 und 61 vor. Der Eintritt ist frei und es gibt auch Musik.

Es gibt nur eine Sorte Bier. (Photo: Georg Frost)