Links der Woche, rechts der Welt 43/21

Irgendwo findet wohl wieder eine Buchmesse statt, jedenfalls platzt das Feu vor Rezensionen und bei Sein & Streit im DLF geht’s morgen u.a. um Philosophie-Verlage, deren allerallerbester dort ebenso wenig vertreten sein wird wie in Frankfurt, Leipzig oder sonstwo.

 

Moderne Zeiten

Nicht so sein zu dürfen, wie frau will, macht wütend und irgendwann erschöpft: Die taz stellt drei feministische Neuerscheinungen vor, die dafür werben, die Gesellschaft den Frauen anzupassen. Die NZZ schreibt über einen unveröffentlichten Roman aus Simone de Beauvoirs Nachlass, der um eine Mädchenfreundschaft kreist und nun auf Deutsch vorliegt, aber Leserinnen ihrer Memoiren teilweise bekannt vorkommen dürfte.

Byung-Chul Han untersucht in seinem neuen Büchlein u.a. mit Michel Foucault die Infokratie und die Mechanik der digitalen Medien, Spektrum rezensiert. Dem Imperium der Bilder auf Instagram hat Liv Strömquist einen Sachcomic gewidmet, der die Geschichte der soziopolitischen Zwangsästhetik ergründet: Der Standard portraitiert die Autorin, mit der Slavoj Žižek ein Problem hat.

Das Netz ist voller Narrative, die aber schon immer zum kognitiven Grundgerüst des erzählenden Affen gehörten, wie Samira El Ouassil und Friedemann Karig in Form eines – laut hin und hergerissener SZ – „sprachphilosophischen, kommunikationswissenschaftlichen Gewaltmarschs“ darlegen. Über den Unsinn des Lebens unterhalten sich Wilhelm Vossenkuhl und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

 

Lebewesen und Intelligenzen

Die FAZ erinnert an das botanische Erbe des Alexander von Humboldt, das in fast jedem Garten und auf fast jedem Fensterbrett blüht. Über neueste Forschungen zur jahrtausendealten Beziehung zwischen Mensch und Pferd berichtet die SZ.

Der alten Frage, was das Bewusstsein eigentlich ist, gibt Wolfgang Prinz einige psychologische Anregungen in seinem Buch, das Spektrum empfiehlt. Das Wunderkind Stefan Buijsman forscht über Künstliche Intelligenz und schreibt populärwissenschaftliche Bestseller; einen solchen über Grenzen und Gefahren neuronaler Netze und Algorithmen rezensiert die SZ. Diese hat auch was über klassische Weisheit gelesen: Von deren Entspanntheit und Abgeklärtheit ist der heutige Fachbetrieb weit entfernt, weshalb Michael Hampe einen Band herausgegeben hat, der antike und asiatische Lebenskunst würdigt.

 

Kaputtmachen

Rembert Hüser hat eine Essaysammlung vorgelegt, die sich ausweislich der SZ-Besprechung vor allem die Usancen und Großkopferten des akademischen Betriebs vorknüpft. Nicht eben nachsichtig war auch Wolfgang Pohrt, der „Provokateur des links-grünen Justemilieu“: Ihm hat das Hamburger Institut für Sozialforschung eine Veranstaltung gewidmet, von der die FAZ berichtet.

„Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas ist vor über 40 Jahren erschienen und die NZZ denkt darüber nach, wie aktuell und unerhört der damalige Warnruf vor der menschlichen Hybris bis heute ist. Niall Ferguson legt eine opulente Geschichte der bisherigen und künftigen Katastrophen (und Ängste) vor, in der die FR mit spürbarer Angstlust geblättert hat.

(Photo: Pexels, pixabay.com, CC0)

Über Lebenskatastrophen als Herausforderung aller Kalenderspruchweisheit hat Maria Tumarkin einen Essayband verfasst, den die SZ als tiefsinnig ohne Pathos und Melodram lobt. Am Ende ist man tot – und dann? Louise Brown ist Journalistin und Trauerrednerin; ihre Erfahrungen in Buchform gefasst stellt der Freitag vor.

 

Ewige Wiederkehr der Geschichte

Micha Brumlik arbeitet in „Postkolonialer Antisemitismus“ die vorpandemische Debatte um Achille Mbembe und den BDS auf, wobei er einen neuen McCarthyismus wittert – die FR findet den Ton mitunter hölzern, aber in Anbetracht des semantischen Minenfelds angebracht.

Die FR unterhält sich mit Wolfgang Streeck über den neuen Kalten Krieg zwischen den USA und China und wie Europa dort hineinpasst.

Günther Anders’ eindringliche Philosophie der Emigration von 1962 ist neu aufgelegt worden und die SZ stellt das verblüffend aktuelle Buch vor. Aktuell sind auch die Mahnungen von Karl Jaspers und Immanuel Kant, in einer vielstimmigen Öffentlichkeit müsse stets auch die andere Seite angehört werden, woran die NZZ ohne erkennbaren Anlass, aber wohl wegen „Cancel Culture“ erinnert.

 

Links, liberal, elitär

Die Aufklärung war nicht einfach ein antifeudales Projekt des städtischen Bürgertums, wie Heinrich Bosses Buch darlegt, das im Freitag besprochen wird.

Ist der Multikulturalismus nur die andere Seite der Medaille Neoliberalismus, wie Rechtspopulisten meinen? Die FAZ rekapituliert, welche Zweifel der Soziologe Christian Joppke an der These vom „doppelten Liberalismus“ hat. Dass der Neoliberalismus keine Vereinzelungsideologie ist, sondern auch Begriff und Konzept der Gemeinschaft kommodifiziert, ist die These von Silke van Dyk und Tine Haubner: Ihr Buch wird in der taz rezensiert.

In der FAZ geht es um eine Studie, die untersucht hat, ob und wie US-Universitäten seit 1968 die Soldateska des politisch-korrekten Kulturkriegs heranzüchten. Yascha Mounk rät deutschen Unis bei ZEIT Campus aus verwandten Gründen, sich die US-Pendants nicht zu sehr zum Vorbild zu nehmen: Deren Campus-Unis sind nämlich elitäre Blasen, die auf mitunter absurde Weise von ihrer soziokulturellen Umwelt abgeschottet sind.


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