Links der Woche, rechts der Welt 37/20

Forschung und Lehre trotz Corona

Derweil wird in Lehrerzimmern weiter am Hybrid- und Digitalunterricht gefeilt. Und anstatt über miese Ausstattung zu nörgeln, schaut die SZ, was es da schon an coolen und pandemie-erprobten Konzepten gibt. Auch die Hochschulen mussten ihren Lehrbetrieb in den letzten sechs Monaten neu erfinden. ZEIT Campus ist nachgerade begeistert, wie gut die deutschen Unis das hingekriegt haben, hat aber auch den Preis im Auge, den mancher zu zahlen hatte, sowie Risiken des Wintersemesters.

Die Uni-Verwaltungen dagegen ringen seit 15 Jahren miteinander um den Exzellenzstatus und eine Studie, über die die FAZ berichtet, hat einen (wenig überraschenden) unerwünschten Effekt des Förderprogramms entdeckt, das Quantität und Qualität nicht auseinanderhalten kann. Teil des Dramas ist die Not des Publizierens. Open Access galt hier mal als Hoffnungsträger: Die Autoren, nicht die Leserinnen bezahlen die Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift. Doch Jörg Phil Friedrich – „Philosoph und Unternehmer“ – zeigt sich in der FAZ ernüchtert: Vor allem in den Geisteswissenschaften können sich manche Forscherin und manches Institut die Publikation nicht mehr leisten; die Verlagsarbeit ist außerdem ja durchaus ihr Geld wert. Ebenfalls in der FAZ wird das Brettspiel „Peer Review“ vorgestellt, das den akademischen Nachwuchs an die Selbstkontrollmechanismen des Fachbetriebs heranführen soll.

An vielen Unis gibt es ein Orientierungsstudium für Abiturientinnen, die am liebsten Kunstgeschichte, Medizin und Astrophysik gleichzeitig machen wollen. Die FAZ hat sich angesehen, was in den Schnupperkursen gemacht wird, wenn nicht gerade Corona-Krise ist.

 

Unruhen in und nach Corona-Zeiten

Auf die Epidemie folgt die Rebellion, meint eine Studie italienischer Historiker und Politologen, über die Telepolis berichtet. Bisherige Seuche verschärften soziale Ungleichheit und bereits vorhandene gesellschaftliche Verwerfungen. Dafür spricht auch der von Michael Volkmer und Karin Werner herausgegebene interdisziplinäre Sammelband „Die Corona-Gesellschaft“, der bei Spektrum vorgestellt wird. Marie-Luisa Frick und Jürgen Wiebicke unterhalten sich im Philosophischen Radio des WDR 5 über Covid-19 als Kulturkatastrophe.

Danielle Allen versuchte in ihren Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2017, mit und gegen John Rawls das Verhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit neu auszuloten. Die Vorträge sind nun als Buch besprochen und werden im Tagesspiegel (mit leichtem Gähnen) vorgestellt.

Belarus ist schon einige Schritte weiter: In der „letzten Diktatur Europas“ gibt es seit den mutmaßlich gefälschten Wahlen vor einem Monat Proteste. Olga Shparaga ist eine der Vordenkerinnen der dortigen Opposition und spricht im ZEIT-Interview über Statistik und Gewalt in ihrem Heimatland, das derzeit vor allem von Frauen transformiert wird. Auch der Freitag sieht in Belarus vor allem eine neue Frauenbewegung am Werk, wenn nicht gar ein kantisches „Geschichtszeichen“ aufleuchten. Die ZEIT portraitiert außerdem die optimistische Politökonomin Maja Göpel, die mit einem eigenen Institut die Zukunftsfragen von Ökonomie, Ökologie und Demokratie angehen soll. Hannah Arendt kann man ja leider nicht mehr fragen, aber lesen; zur Voirbereitung beschäftigt sich der Soziologie-Podcast bei Spektrum mit ihrem Werk „Vita activa“.

Und hierzulande? Giorgio Agamben hat sich mit seinem biopolitischen Argwohn gegen die Staatsmacht zum philosophischen Gefährten der Anti-Hygiene-Querfront gemacht, wie die FR kommentiert und auch gleich mal fragt, was (Friedrich?!) Hegel, Kant und Sartre den demonstrierenden Freiheitsfreunden sagen würden. Für Christian Baron (Freitag) erweisen die Bilder aus Berlin unsere Zeiten als ideologischer denn je, was er zum Anlass für die Frage nimmt, wer dazu beigetragen hat, dass sich Links und Rechts in Corona-Zeiten scheinbar schwer auseinanderhalten lassen.

Auch wird gerne mal von der New World Order geraunt, dabei haben wir die schon seit 30 Jahren: US-Präsident George H. W. Bush rief sie aus und der Freitag erklärt, wie sie die US-Politik seither prägte und den Abstieg der Hypermacht begleitete.

Brend Tragen hat bei Telepolis aus marxistischer Sicht ergründet, was für den Kapitalismus spricht, und darauf zahlreiche kritische Rückmeldungen erhalten. Mit diesen mehr oder weniger triftigen Einwänden setzt er sich nun eines nach dem anderen auseinander, damit wir es nicht tun müssen.

 

David Graeber (†)

Vergangene Woche ist der Anarchist und Occupy-Vordenker David Graeber mit 59 Jahren verstorben. In der ZEIT ruft Robert Misik dem „originellsten Kapitalismuskritiker, den die heutige Linke hatte“ nach, und auch im kurdischen Rojava trauert man um Graeber als einen Freund der dortigen Revolution und Utopie, wie Salih Muslim, Ex-Vorsitzender der PYD, im Freitag schreibt.

(Photo: skeeze, pixabay.com, CC0)

Moralitäten und Qualitäten

Die Berliner Mohrenstraße soll in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt werden, was Werner Bloch in der ZEIT zum Anlass nimmt, uns den ersten schwarzen Philosophen Deutschlands vorzustellen, der sich mit Descartes anlegte und für die Rechte aller Menschen argumentierte.

Nach US-Vorbild kursiert auch im deutschsprachigen Raum ein offener Brief für Meinungsfreiheit, der aber eine von manch renommiertem Unterzeichner übersehene rechte Schlagseite hat, auf die die SZ hinweist. Der Historiker und Schriftsteller Per Leo hat nicht unterzeichnet und der Freitag bringt seine Absage ans kulturpessimistische Pathos des Aufrufs. In der SZ denkt Bernd Graff mit Nietzsche und Foucault über Sprache und Macht nach: Nach letzterer greifen mittels jener bekanntlich gerade die Gender und Postcolonial Studies…

Darf Philosophie denn wenigstens mit Prosa und Lyrik arbeiten? Diese Frage entzweit die Fachwelt, wie Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne schreibt. Michael Jäger erinnert sich im Freitag derweil seiner einstigen Hegel-Lektüre, die harten Trost für alle bietet, die einen Verlust verwinden müssen.

Elisabeth von Thadden unterhält sich in der ZEIT mit Rahel Jaeggi über Solidarität in der Corona-Krise, die sich aber nicht bis nach Moria erstreckt. Genug der Kritik: Julian Nida-Rümelin legt eine „Theorie der praktischen Vernunft“ (so ähnlich) vor, in der er seinen moralischen Realismus des Alltags gegen andere Ethikformen vertritt, und die SZ stellt das Opus magnum vor.

Bernhard Irrgang legt mit „Roboterbewusstsein, automatisiertes Entscheiden und Transhumanismus“ eine Summa seiner technikphilosophischen Überlegungen vor und Spektrum bedauert vor allem das schlechte Lektorat und den hohen Anspruch des Buchs. Apropos Zähmung: Der taz-Tierexperte Helmut Höge beschäftigt sich diesmal mit den vom Aussterben bedrohten Grévy-Zebras, die man mal ohne Not zu zähmen versucht hat.

Die Katastrophenbilder aus Kalifornien sind nicht bearbeitet oder gefiltert; dass dies ausdrücklich betont wird, bringt Berit Glanz in der ZEIT zu einer kleinen Abhandlung über das Bild des Unfassbaren im Zeitalter seiner technischen Pimpbarkeit.

Georg Seeßlen rechnet ebenfalls in der ZEIT mit der deutschen Filmförderung ab, die vor allem zum Niederhalten von Originalität dient. Nicht besser ist es in anderen schwerst geförderten Kultursektoren: Die Frankfurter Buchmesse findet nicht statt oder doch, nur ohne Menschen, wie u.a. die taz meldet, und die Phil.Cologne wird kommende Woche eisenhart mit dem tollen Thema „Virus und Gesellschaft“ durchgezogen, steht u.a. in der WELT.

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