Links der Woche, rechts der Welt 06/20

Futuo matrem tuam, o fellator!

Ulf von Rauchhaupt beschäftigt sich in der FAZ mit den Schmierereien an den Mauern antiker Städte, deren Vokabular heutigem Gangster-Rap in nichts nachsteht, aber eben in der vermeintlichen Bildungssprache Latein und gelegentlich auch ganz schnöde Wahlwerbung ist. (22.01.20)

 

Konsum ist erste Bürgerpflicht

Der Konsumismus ist so alt wie das Bürgertum, schreibt Frank Trentmann in der NZZ und blickt auf die Kauf- und Besitzräusche der frühen Neuzeit, in der vor allem Großbritannien und die Niederlande im Rest der Welt normalisierten, was seit der Antike verpönt war: Materialismus, Gier, Schuldenmachen. (06.02.20)

 

Der überfällige Tabubruch

Die Wahl eines Kleinstparteikaders zum thüringischen Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD war ein Spektakel der Postdemokratie, das die heimliche Aufkündigung des demokratischen Konsenses offenlegt, deren weitere Symptome Georg Seeßlen in der ZEIT aufzählt. (06.02.20)

 

Der ansteckende Unfug

Die Verschwörungstheorien über das neue Corona-Virus können sich auf einen reichen Fundus von historischen Beispielen der biologischen Kriegsführung stützen. Christian Thomas blickt in der FR auf Pest, Pestwahn und Pesteinsatz sowie die sie begleitenden „Infodemien“ seit der Antike zurück. (07.02.20)

(Photo: Momentmal, pixabay.com, CC0)

Bücher

Irmi Seidl und Angelika Zahrnt haben einen Sammelband über die Arbeitswelt in der Postwachstumsgesellschaft herausgegeben und die Rezension im Freitag macht Lust auf Utopie. +++ Susanne Foitzik und Olaf Fritsche haben ein opulentes Sachbuch über Ameisen vorgelegt, das von Spektrum empfohlen wird und Viehlosovieh-Freundinnen nach LW66 die Fakten und Bilder nachliefert. +++ Die ZEIT stellt Jonathan Franzens Essay vor, in dem er empfiehlt, sich mit neuer Hoffnung auf die Klimakatastrophe einzustellen, und die SZ betont in ihrer Besprechung, warum Franzens Büchlein die Widersprüche der Klimaschutzbewegung offenlegt. +++ Die Schweiz tut sich schwer mit ihrem reaktionären Historiker Jacob Burckhardt, so auch die NZZ, die erleichtert über Jürgen Osterhammels Analyse ist, wonach man Burckhardts „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ gefahrlos und gewinnbringend lesen kann. +++ Telepolis empfiehlt zur Einschätzung der AfD-Parteistiftung, die als Think Tank „für“ Deutschland bzw. ein Europa der Kreuzritter „nachdenkt“, die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Widerspruch.

 

Bild und Ton

Roman Polanski hat mit „J’accuse“ die Dreyfus-Affäre verfilmt und der Standard empfiehlt den Streifen über antisemitische Bürokratie. Das ZDF blickt mit einer dreiteiligen Reihe in die Zukunft (aus der Vergangenheit) und der Tagesspiegel empfiehlt den Auftakt über Beziehungen zwischen Robotern und Menschen, die bereits stattfinden. Ganz anders der Heideggerübersetzer und Regisseur Terrence Malick: Der hat einen Film über Franz Jägerstätter gedreht, der aus Gewissensgründen dem NS-Regime widerstand, und der FAZ ist da zu viel Ästhetik und zu wenig Historie im Spiel.

Frau Lenk und Herr Meier unterhalten sich weiter über das Internet. In bisher zwei Teilen geht es um Pepe the Frog, 4chan und die Alt Right im Netz. Im DLF kommt heute ab 23:05 Uhr die Lange Nacht der Rebellion und Revolte, steht aber noch nicht online. Morgen geht es bei Essay und Diskurs um den deutsch-deutschen Kulturtranfer nach der Wiedervereinigung und Helden sowie Horkheimer sind einige der Themen bei Sein und Streit. Alexander Kluy und Jürgen Wiebicke sprechen beim Philosophischen Radio des WDR 5 über Alfred Adler und die Individualpsychologie.

 

Berichte aus der Akademie

Eine Metastudie attestiert den Klimamodellen, die in den 1970ern und 80ern mit relativ kleiner Rechenleistung die Erderwärmung vorhergesagt haben, eine angesichts der Komplexität der Sache erstaunliche Treffsicherheit, wie Spektrum meldet. +++ Die SZ kommentiert derweil neueste Trends beim Greenwashing, so kann man jetzt bei Shell angeblich „klimaneutral tanken“. +++ Erfolg ist Glückssache und spektakuläre Durchbrüche erschweren eine lange Karriere, wie eine Studie über Unternehmen und Bands zeigt, die bei Telepolis vorgestellt wird. +++ Auch Spektrum erinnert zum 150. Geburtstag an Alfred Adler, den Begründer der Individual- und Metapsychologie und Erfinder des Minderwertigkeitskomplexes. +++ Der Soziologie Florian Buchmayr hat Verschwörungstheoretiker mit den empirischen Mitteln seines Fachs untersucht und die FAZ stellt seine Studie vor. +++ Das menschliche Gehirn unterscheidet sich wohl dank einer kleinen Mutation sehr grundsätzlich von dem unseren nächsten Verwandten im Tierreich, wie die FAZ nach der Lektüre entsprechender Forschungsergebnisse meldet. +++ ZEIT Campus beklagt das Fehlen eines überfälligen interdisziplinären Studiengangs Informatik und Philosophie. +++ Das Liebieghaus Frankfurt erregte 2008 Aufsehen mit der Ausstellung über die „Bunten Götter“, die nun eine Fortsetzung findet und abermals zeigt, dass antike Statuen mitnichten marmorweiß waren, wie die FAZ berichtet. +++ Die FR berichtet über die Kooperation von sibirischen Schamanen und westafrikanischen Voodoo-Priestern.

 

Trotz Philosophie

Jenseits der Glockenkurve: Über Normalität zwischen statistischer Mehrheit und sozialer Maßgabe denkt die ZEIT nach. +++ Die FAZ berichtet, warum der SPIEGEL 1964 Joseph Wulfs Rezension von Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ nicht abdruckte. +++ George Steiner ist mit 90 Jahren gestorben. Die NZZ würdigt ihn als Universalgelehrten, der sich an der Gleichzeitigkeit von Hochkultur und Brutalität abarbeitete, der Nachruf in der FR legt den Schwerpunkt auf die einschüchternde erzählerische Kraft, mit der Steiner seine Gedanken formulierte. +++ „Longan“ ist ein unübersetzbares Wort, das Gregor Dotzauer im Tagesspiegel zu sprachphilosophischen Gedanken anregt. +++ Wie wäre es eigentlich mit einem schönen Heft trotz Philosophie, zum Beispiel über Riten und Gebräuche?

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