Links der Woche, rechts der Welt 02/19

Neuroästhetische Definitionen

Der Neurobiologe Semir Zeki hat untersucht, was im Gehirn vor sich geht, wenn wir Schönes wahrnehmen. Für das ZEIT Magazin unterhält sich Stefan Klein mit ihm u.a. über Richard Wagner, die Fähigkeit zur Vorliebe und darüber, was Schönheit und Kunst eigentlich sind. (02.01.19)

 

That’s not my department“

…soll Wernher von Braun auf die Frage geantwortet haben, wo seine Raketen einschlagen. Nina Himmer portraitiert in der FAZ zwei Informatik-Professoren, die sich damit nicht zufrieden geben wollten und die Ethik in ihr Fach holten, wo man reges Interesse an der moralphilosophischen Befragung der eigenen Forschung und Entwicklung zeigt. (04.01.19)

 

Der pragmatische Mathe-Pluralismus

Um die Streitkultur ist es nicht gut bestellt. Silvia Jonas schlägt in der SZ vor, sich dabei an der Mathematik zu orientieren, die nicht so widerspruchsfrei ist, wie man lange annahm. Heute koexistieren unzählige mathematische Realitäten friedlich und ihre Fachleute können sich gelassen über Beweise zanken. (06.01.19)

 

War Marx ein Islamkritiker?

Reinhard Jellen setzt bei Telepolis sein Gespräch von letzter Woche mit Hartmut Krauss über die Lehren des Marxismus für heute fort. Im zweiten Teil geht es um Religion und die Rückkehr bzw. Hartnäckigkeit des Irrationalismus und was Marx zur Migrationsfrage gesagt hätte. (08.01.19)

 

Raus aus dem Sisyphos-Kapitalismus

Noch ein Telepolis-Interview: Frank Augustin und Wolfram Bernhardt unterhalten sich mit David Graeber anlässlich seines neuen Buchs „Bullshit Jobs“ u.a. über die ungerechte Verteilung von Lohn und Sinn in der Berufswelt und warum die Kurden in Nordsyrien ein Modell für eine bessere Gesellschaft gefunden haben könnten. (08.01.19)

 

Der Held im Schmollwinkel

Gerald Wagner war im Alten Museum zu Berlin und denkt in der FAZ darüber nach, was der auf einer Vase festgehaltene Streit zwischen Achilles (beleidigt) und Odysseus (pragmatisch) über das weitere Vorgehen vor Troja uns heute zu sagen hat. (09.01.19)

 

Die Professorin bloggt ein Manifest

Caspar Hirschi schaut in der FAZ, wie Wissenschaftler in den USA und in Frankreich auch als Intellektuelle auftreten. In den USA macht er zwei Typen aus: Professorenjournalisten und Expertenprediger, die beide nicht mehr viel mit Intellektuellen à la Zola und Sartre zu tun haben, während sie in Frankreich eher als Professorenaktivisten auftreten. (09.01.19)

 

Kulturgüter zocken

Serien sind gut und schön, aber die erfolgreichste Erzählform der Gegenwart sind Computerspiele, wie Nicolas Freund in der SZ schreibt und sich wundert, dass niemand ihre Autoren kennt. Es könnte daran liegen, dass hier Autor und Werk nicht im Sinne Foucaults zu begreifen sind, was auch Folgen für die Zustände in der Szene hat. (10.01.19)

 

Und jedem Ende wohnt ein Schrecken inne

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, und trotzdem machen viele weiter. Rainer Erlinger sucht in der SZ nach der Kunst des Aufhörens als Konfrontation mit der Endlichkeit und der eigenen Ersetzbarkeit – und findet Anhaltspunkte u.a. in der griechischen Mythologie und bei Hannah Arendt. (11.01.19)

 

Der Prophet der Neidgesellschaft

Im Silicon Valley gibt es ja so manche intellektuelle Eigentümlichkeit zu bestaunen. Hans Ulrich Gumbrecht berichtet in der NZZ von der dortigen Wiederentdeckung René Girards und seiner äquidistanten und in sozialen Netzwerken monetarisierbaren Ansichten zu Neid, Gleichheit, Vergleichen und Angleichen. (12.01.19)

 

Stoische Distanz zu 2019

Zu den beliebten Neujahrsvorsätzen gehört, sich nicht mehr so viel stressen zu lassen. Stephan Schleim hat dazu bei Telepolis einige Anregungen aus östlicher und westlicher Philosophie zusammengetragen, die nicht bloß die Symptome kurieren und Arbeitsfähigkeit erhalten, sondern zum guten Leben führen sollen. (12.01.19)

(Photo: arthaximmo, Mirko Kaminski, pixabay.com, CC0)

Bücher

Jürgen Nielsen-Sikora lobt bei Glanz & Elend den gelungenen Auftakt der kritischen Gesamtausgabe der Werke von Hannah Arendt. +++ Jason Stanley hat zur „rechten Zeit“ einen kurzen Band über faschistisches Denken in den USA vorgelegt und die ZEIT fasst seine Thesen zusammen. +++ Corey Robin hat seine Studie über den „reaktionären Geist“ aufgewärmt, beschreibt den Konservatismus von Burke bis Trump und scheitert an seinen Ansprüchen, wie die SZ darlegt. +++ Lea Susemichel und Jens Kastner wehren sich in ihrem Buch gegen den Vorwurf, linke Identitätspolitik habe Rechtspopulisten in ihre Ämter gebracht, indem sie eine Geschichte der Identitätspolitik vorlegen, die der taz gut gefällt. +++ Die FR weist kurz auf den dritten Teil von Bettina Stangneths Trilogie über das Böse, die Lüge und das Hässliche hin. +++ Die NZZ bespricht Judith Schalanskys traurig schönes „Verzeichnis einiger Verluste“ über die Anwesenheit des Abwesenden. +++ Einen unaufgeregten Realismus bzw. Humanismus für das digitale Zeitalter versuchen Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld zu formulieren und der Tagesspiegel hat einige Fragen dazu.

 

Radio

Vor 100 Jahren wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von Rechtsextremisten ermordet. Im DLF kommt heute Abend ab 23:05 Uhr die Lange Nacht über die Anführer des Spartakus-Aufstandes. Morgen früh geht es bei Essay und Diskurs im DLF um Mauern und Grenzen und beim Philosophischen Radio des WDR 5 unterhalten sich Thomas Bauer und Jürgen Wiebicke über die Zumutungen der gleichzeitigen Ein- und Vielfalt.

 

Das Weitere und Engere

Aus den Wissenschaften: Vor einem Jahr hat ein Wissenschaftler-Trio eine Reihe von Quatschartikeln u.a. über die Vergewaltigungskultur unter Hunden im Park in Fachmagazinen untergebracht. Der Standard meldet nun, dass gegen einen der Beteiligten ein Verfahren wegen Verstoßes gegen die wissenschaftliche Ethik eingeleitet wurde. +++ Laut FAZ fordert der Deutsche Philologenverband strengere Bewertungen an Schulen, um der hoffnungslosen Selbstüberschätzung ihrer Absolventen entgegenzuwirken. +++ Außerdem blickt die FAZ auf die Tricks, mit denen Margaret Mead und Hans Blumenberg versuchten, das sturzöde Konzept der wissenschaftlichen Tagung für alle Beteiligten interessanter zu gestalten. +++ Die NZZ berichtet aus Stahlgetwittern, wo Fachleute gerade polemisch über den IQ an und für sich zanken.

Die Unordnung der Dinge: Die FR unterhält sich mit Daniel Loick über Rassismus, Kultur und Menschenbild in und bei der Polizei (nicht nur in Hessen). +++ Die taz wiederum unterhält sich mit Hans Ulrich Gumbrecht über Trumps Impulsivität und mögliche Alternativen. +++ Vor 100 Jahren wurde die KPD gegründet, Liebknecht und Luxemburg ermordet, und die ZEIT erinnert an die Schwierigkeiten des Gedenkens in Ost und West. +++ Die SZ macht sich launige Gedanken, ob wir mehr fürs Artensterben sensibilisiert wären, würden wir noch mehr bedrohten Tieren Spitznamen geben.

Trotz Philosophie: Der Freitag erklärt, warum die Renaissance der Stoa als Ethik für unruhige Zeiten ein Etikettenschwindel ist, der wohldosiert zu genießen sei, und was Adornos Diktum vom falschen Leben mit Privateigentum und Romeo und Julia zu tun hat. +++ Das Unbehagen an der Nachrichtenkultur wächst aus Gründen und Alexander Mäder blickt in seiner Spektrum-Kolumne auf die Möglichkeiten des Journalismus, Vertrauen und Leserinnen zurückzugewinnen. +++ Die Frankfurter Bude, in der Adorno bis zu seiner Emigration wohnte, bekommt 2019 eine Gedenktafel, wie die FR meldet. +++ Immer noch keine Nachricht von der Druckerei, wann der neue Lichtwolf endlich kommt.

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