Links der Woche, rechts der Welt 06/21

Aufklärung heute

Medien gehorchen anderen Regeln als die Wissenschaft, weshalb Konsens in letzterer nicht immer als solcher vermittelt wird: Die FAZ stellt eine Studie über die mediale Präsentation des Forschungsbetriebs vor.

Steven Pinkers Geschichtsoptimismus behagt so manchem nicht, der sich an den Immerschlimmerismus gewöhnt hat. Fabian Hutmacher und Roland Mayrhofer überprüfen bei Telepolis, ob wirklich früher alles schlechter war, oder ob Pinkers Aufklärungsbegriff problematisch ist.

„Querdenker“ deluxe: Gumbrecht (der immer noch nicht verstanden hat, dass Masken & Abstand andere und nicht uns selbst schützen sollen) lobt in der NZZ Giorgio Agambens „hellsichtige“ Prognosen über „die Epidemie als Politik“, die nun auch auf Deutsch vorliegen. Derselbe Gumbrecht hat auch ein Buch geschrieben, in dem er uns laut FR Denis Diderot als Wegweiser durch die Kontingenz empfiehlt.

 

Zusammen halten

Der Psychotherapeut Michael Cugialy arbeitet in der Psychologischen Beratung der FU Berlin und erklärt im ZEIT-Interview, was die Studis derzeit besonders häufig zu ihm führt.

(Photo: SbFuM_DRS, pixabay.com, CC0)

Friederike Gräff denkt in der taz mit ihrem kauzigen „Ethikrat“ über Aufmerksamkeit als Bedingung jeder Freundschaft nach. Andreas von Westphalen setzt seinen Telepolis-Essay über allzumenschliches Stammesdenken fort mit Forschungsbelegen für die Binse, das beste Mittel gegen Vorurteile sei der persönliche Kontakt zu den ansonsten vorab Be- und Verurteilten.

 

Gemeinheiten

Das Rechtsgefühl ist ein Begriff, der Ende des 19. Jahrhunderts entstand und im Zentrum von Sandra Schnädelbachs Analyse der kaiserlichen Juristen steht, wie in der FAZ zu lesen ist. Auch die taz stellt Axel Schildts umfassendes Opus über Medien-Intellektuelle wie Adorno, Schmitt und Habermas in der jungen Bundesrepublik vor.

Wie demokratisch ist das Kapital, wie viel Klassenkampf ist in der Demokratie möglich? In den lobenswerten Streifzügen geht Peter Klein den Denkfiguren des abstrakten Kapitalisten und Eigentümers nach und wie sie heutige Herr-Knecht-Konstellationen prägen.

Man müsse, um in Indien den Aufstieg zu schaffen, entweder Krimineller oder Politiker werden, so zitiert der Freitag den Antihelden des Netflix-Films „Der weiße Tiger“. Die taz dagegen macht auf den Amazon-Mindfuck „Bliss“ aufmerksam, in dem neben Owen Wilson und Salma Hayek in den Hauptrollen auch Slavoj Žižek (und Bill Nye, the Science Guy!) auftritt:

 

Auf- und Abregung

Der Sexualforscher Kurt Starke gesteht im Freitag seine ästhetischen und grammatikalischen Probleme mit der geschlechtergerechten Sprache, die den Menschen auch da auf sein Gender festlegt, wo es nebensächlich ist.

Elsa Dorlin hat mit ihrem Buch über politische Selbstverteidigung (die oft auf Präventivangriffe hinausläuft) eine Philosophie der Gewalt vorgelegt, die die taz nachdenklich macht.

„Political Correctness“ ist ein ebenso rechter Kampfbegriff wie „Tugendterror“ – und der (vermeintliche) Tabubruch als (vermeintlicher) Widerstandsakt entspringt einem Kalkül der Scham und sozialen Spaltung. Dem hat Jürgen Riethmüller ein Buch gewidmet, aus dem Telepolis einen Auszug bringt. Antonia Baum erklärt in der ZEIT, wie Rainer Meyer alias Don Alphonso seine WELT-Kolumne nutzt, um politische Gegnerinnen zum Abschuss durch Rechtsextreme freizugeben.

 

Lesen und Schreiben

Dirk Knipphals würdigt in der taz die hohe Kunst der Rezension, die es derzeit nicht nur beim WDR schwerhat. Spektrum dagegen bespricht Tim Leberechts Plädoyer, sich als Gewinnertyp auch auf Niederlagen einzustellen, und Frank Westermans reportagehafte Einführung in die Paläoanthropologie so knapp, dass es fast für die 800-Zeichen-Rezensionen im Lichtwolf reicht. Auch bei Glanz & Elend wird unverdrossen weiter rezensiert, zum Beispiel die „Verteidigung des Menschen“, mit der Thomas Fuchs die humanistisch-phänomenologische Anthropologie ins Zeitalter von Transhumanismus und Digitalisierung bringen will.

Patrick Eiden-Offe hat keine Anleitung für Hegels „Wissenschaft der Logik“, sondern einen Erfahrungsbericht seiner Lektüre ohne Hilfsmittel geschrieben, die der SZ Lust macht, es auch mal selbst zu versuchen. Künstliche Intelligenz zu guter Letzt hat ein Ranking der einflussreichsten Philosophinnen erstellt und die WELT ist enttäuscht, dass deutsche Denker dabei so schlecht abschneiden.


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