Links der Woche, rechts der Welt 29/20

Transparenz gegen Online-Schlägertrupps

Die Internet-Utopie von grenzenloser Meinungs- und Informationsfreiheit ist in eine Dystopie aus Kommerz, Hetze und Desinformation umgeschlagen. Peter Pomerantsev denkt in der ZEIT darüber nach, wie sich der digitale öffentliche Raum vor Trollfabriken und Stammesdenken retten ließe. (11.07.20)

 

Philosophie = sterben lernen

Hans Blumenberg sammelte letzte Worte, weil sie als Schlusspunkt von Leben und Werk diesen ihr Gewicht verleihen. Heinrich Niehues-Pröbsting würdigt den 100-jährigen in der NZZ mit Gedanken über Blumenbergs Sterben und seine (unsicheren) letzten Worte. (13.07.20)

 

Sabotieren, stören, stressen“

Für die ZEIT portraitiert Christian Bartlau den Wiener Denksportler Fahim Amir, der vor zwei Jahren mit dem Buch „Schwein und Zeit“ das Tier zum revolutionären Subjekt erklärte und wirklich alle Parteien und Szenen der Alpenrepublik mit polit-philosophischen Happenings auf Trab hält. (13.07.20)

 

Von der Cholera bis zu AIDS

Die Corona-Pandemie ist wahrlich nicht die erste, weshalb Thomas Zimmer in der ZEIT (bzw. im Merkur) einen medizinhistorischen Blick auf den früheren Umgang mit Infektionskrankheiten wirft. Das ergibt einen spannenden Ritt durch den gesundheitspolitischen und biotechnischen Kampf gegen einen unsichtbaren Feind mit all seinen Rückschlägen. (14.07.20)

 

Bücher

Ein Hegel-Büchlein für linke Logiker legt Dietmar Dath vor und die taz stellt es kurz und knapp vor. +++ Der Germanist Albrecht Schöne wird 95 und legt seine Gelehrten-Autobiographie vor, die der FR vor Augen führt, was im 20. Jahrhundert zu denken, lesen und überstehen war. +++ Wäre eine binationale Föderation Israel die Lösung des Nahost-Konflikts? Der Tagesspiegel zeigt sich nach der Lektüre von Omri Boehms Buch fasziniert, doch skeptisch über diese kantische Utopie. +++ Auch der Standard hat sich durch die Neuerscheinungen zu Blumenbergs 100. Geburtstag gekämpft und stellt sie fasziniert und ausgepowert vor – ebenso wie die SZ, die den Bücherreigen zum Anlass für ein Rekapitulation von Blumenbergs Leben und Werk nimmt. Die taz dagegen konzentriert sich auf die Blumenberg-Biographie von Rüdiger Zill und darin insbesondere auf Blumenbergs Trauma des Nationalsozialismus.

(Photo: PatricioHurtado, pixabay.com, CC0)

Berichte aus der Akademie

Im Deutschen Literaturarchiv Marbach gibt es auch Lichtwölfe. Umso erschreckender daher, was die FAZ über dortige Personalquerelen schreibt, die längst auch das Kuratorium und die Fördergeber nervös machen. +++ Immer eine Alternative: Die SZ stellt Hürden und Chancen der Fächer Orientalistik bzw. Islamwissenschaften vor. +++ Ein selbstkritischer Fachartikel, den die FAZ exzerpiert, hat untersucht, inwiefern die Soziologie selbst Partei ist bei der Untersuchung der gesellschaftlichen Spaltung in Kommunitaristen und Kosmopoliten. +++ Psychologen haben untersucht, wie exakte Zahlen mit Nachkommastellen im Vergleich zu runden Zahlen wirken – mit einem seltsamen Ergebnis, wie in der SZ steht.

 

Die Unordnung der Dinge

Zoran Terzic hat das Standardwerk über den Idioten von der Antike bis Trump geschrieben und gibt im Telepolis-Interview Auskunft über seinen nicht nur stupiden Forschungsgegenstand. +++ Der Hamburger Kunstverein beschäftigt sich in einer Ausstellung ironisch mit dem angeblichen Humorverbot, das im Zuge von #meToo über die Geschlechter verhängt worden ist, und die taz hatte Spaß dabei. +++ Die erste Ausgabe von Michel Onfrays Querfront-Magazin ist erschienen und das Souveränitätsgedusel ist selbst der NZZ zu langweilig. +++ In Ländern, die von populistischen Autokraten regiert werden, wütet das Corona-Virus besonders heftig und die FR denkt über den Zusammenhang von Narzissmus und Mortalität nach, während die FAZ einigermaßen resigniert fragt, welche wissenschaftliche Behörde Donald Trump als nächste schließt, weil ihm die von dort kommenden Fakten nicht passen. +++ Der Klimaschutz (oder Öko-Faschismus) hat auch die Filmbranche erreicht, wie die SZ anlässlich einer zweispältigen Initiative für „grüneres Drehen“ meldet. +++ Wie man sich trotz einer Polarisierung, wie sie die USA zerteilt, produktiv miteinander austauschen kann, ist Thema einer familientherapeutischen Studie, die die Autoren bei Spektrum vorstellen.

 

Trotz Philosophie

Kann man ethische Probleme quantifizieren und dann von einer Künstliche Intelligenz entscheiden lassen? Telepolis berichtet über ein entsprechendes Projekt der Bertelsmann Stiftung. +++ Mit der Schwierigkeit, logische Fehlschlüsse im Alltag zu erkennen und zu vermeiden, beschäftigt sich Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne. +++ Klara Charlotte Zeitz erzählt in der ZEIT, wie sie u.a. von Karl Jaspers und Hannah Arendt gelernt hat, mit der Sterblichkeit umzugehen. +++ Auch Jacques Derrida hätte in diesen Tagen einen runden Geburtstag (90) und wird darum von Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ als inzwischen halbvergessener Denker portraitiert. +++ Die SZ berichtet über die Berliner Probleme mit dem U-Bahnhof Mohrenstraße und seiner Umbenennung nach Anton Wilhelm Amo. +++ Die taz unterhält sich mit Bernd Ladwig über Tierrechte im Zeitalter der Fleischfabriken. +++ Die WELT präsentiert uns „fünf philosophische Rätsel in bekömmlichen Häppchen“ und hier ist das sechste: Warum hat die WELT noch immer mehr Leser als der Lichtwolf?

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