Links der Woche, rechts der Welt 22/20

Es kann jeden treffen

Was sind das für Leute, die auf Hygienedemos von den finstren Plänen schwadronieren, die hinter den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stecken? Livia Gerster portraitiert in der FAZ einen erfolgreichen Unternehmer und Familienvater im besten Alter, der „plötzlich erwacht“ ist. (23.05.20)

 

Leistungsgesellschaft tötet

In Sachen Entsolidarisierung und victim blaming ist Japan ganz vorne mit dabei, wie Yuta Yagishita in einem Text erklärt, den die taz von Le Monde diplomatique übernommen hat. Nirgendwo auf der Welt war der neoliberale Eigenverantwortungsdiskurs so erfolgreich darin, Hilfsbedürftigkeit zur größten persönlichen Schande zu erklären. (24.05.20)

 

Fürsorge und Solidarität

Auf (und durch) die Corona-Krise könnte eine Zukunft folgen, in der „nicht Kämpfen, sondern Kümmern eine Heldentat“ darstellt, wie Miriam Stein in der ZEIT schreibt. Nach wie vor ist Sorgearbeit vor allem schlecht bis gar nicht entlohnte Frauensache – dabei gibt es längst philosophisch-mütterliche Perspektiven für eine Welt, in der sich alle um einander kümmern. (28.05.20)

 

Jäh erkaltetes Fernweh

Die weltweite Vernetzung hat durch die Corona-Krise einen jähen Dämpfer erhalten, der Albrecht Koschorke in der NZZ zur Betrachtung der Versprechen einlädt, die uns das Verbinden von allem mit jedem machte. (28.05.20)

 

Der Quell aller Macken

Unterschiedliche psychische Störungen wie Depressionen und Angst, Autismus und ADHS scheinen die gleiche Ursache zu haben, wie Michael Marshall bei Spektrum schreibt. Das macht die Kategorisierung, Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen fragwürdig und fordert einen neuen, multidimensionalen Ansatz. (30.05.20)

 

Knigge fürs Sterbenlernen

Hans Widmer ist über 80 und denkt in der NZZ über den Tod nach. Dazu wird er zunächst mal grundsätzlich biologistisch und dann informatisch, denn neben dem Körper verschwindet ja auch die Person, der bis dahin nichts anderes bleibt als sich zu bemühen. Dazu gibt Widmer uns acht Benimmregeln an die Hand. (30.05.20)

(Photo: Tama66, Peter H, pixabay.com, CC0)

Bücher

Das Sein bestimmt das Bewusstsein und die verfügbare Energie eine Gesellschaft, wie Ian Morris in seinem jüngsten Big-History-Opus schreibt, das der FAZ offenbar gefällt. +++ Die FR empfiehlt Robert Jungks „Heller als tausend Sonnen“ anlässlich einer Neuauflage zur Relektüre, um eine lebhafte Vorstellung vom Atomzeitalter zu bekommen. +++ Der Freitag bespricht den von Hannes Bajohr herausgegebenen Sammelband über die Rückkehr des Menschen als Thema der Geisteswissenschaften im Anthropozän. +++ Einen Verriss von Otfried Höffes EU-kritischem Demokratie-Pamphlet lesen wir in der FAZ. +++ In aller Kürze weist die SZ auf den von Tanjev Schultz herausgegebenen Sammelband über „Meinungsfreiheit im Zeitalter des Populismus“ hin. +++ Viel Heidegger in der FAZ, wo Hans-Peter Kunischs auch spekulatives Buch über Paul Celans Spaziergang und die von Thomas Rohkrämer verfasste politische Biographie rezensiert werden. +++ Glanz & Elend empfiehlt uns Umberto Ecos Redensammlung „Der ewige Faschismus“ als „notwendige intellektuelle Impfung“. +++ Anlässlich des Abschlusses der Max-Weber-Gesamtausgabe rät der Tagesspiegel, das Werk dieses Analytikers der kapitalistischen Gesellschaft wieder mehr zu würdigen.

 

Radio

Statt Phil.Cologne gibt es Anfang juni eben zehn Stunden Philosophie mit den üblichen Verdächtigen unter dem Titel „Denken, das ansteckt“ (haha) im Radio. Beim WDR 5 gibt es eine Übersicht. Ebendort gibt es auch das Philosophische Radio, wo diese Woche Barbara Bleisch und Jürgen Wiebicke das Für und Wider des Kinderkriegens erörtern. Barbara Sichtermann bringt bei Essay und Dikurs morgen und nächsten Sonntag eine kleine Geschichte des Feminismus und bei Sein und Streit geht es u.a. um Komopolitismus und Pfingsten.

 

Die Unordnung der Dinge

Von veganen Extrawürsten beim Gastmahl über Reichsbürger und GEZ kommt die FR zum zeitgenössischen Phänomen der Autoritäts- und Staatsfeindlichkeit. +++ Oskar Negt will sich im FR-Interview gar nicht so sehr wegen der Hygienedemos beunruhigen, sondern lieber auf eine stille, aber nachhaltige Lernerfahrung der Mehrheit spekulieren. +++ Abermals die FR vermeldet den offenen Brief, in dem Intellektuelle wie Jürgen Habermas davor warnen, das Leben älterer Menschen in der Infektionsschutzdebatte für nachrangig zu erklären.

 

Berichte aus der Akademie

Mit falschen Zitaten ließe sich ein Buch füllen: Die SZ unterhält sich mit Gerald Krieghofer über seine verdienstvolle Tätigkeit, „Kuckuckszitate“ ausfindig zu machen. Krieghofers Blog gehört in die Lesezeichenliste aller, die sich beim Schlautun nicht blamieren wollen. +++ Eduard Kaeser fragt sich in der NZZ, wie sinnvoll es ist, Künstliche Intelligenz mit gesundem Menschenverstand auszustatten. +++ Wer „Reservoir Dogs“ gesehen hat, weiß, welch knifflige Angelegenheit das Trinkgeld ist. Die FAZ resümiert einschlägige Sozialforschung, die das Trinkgeld als supererogatorische Opfergabe erweist.

 

Der Postkolonialismus ist an allem schuld?

In der anhaltenden Debatte um Achille Mbembe erinnert die taz auch pro domo an die antizionistischen Forderungen des von Mbembe unterstützten BDS, während die WELT auf Aimé Césaires Begründung des Postkolonialismus als Quell des Missverständnisses verweist und die ZEIT vermutet die Streitursache in postkolonialen Schuldgefühlen nordwestlicher Akademiker. Der marxistische Soziologe Vivek Chibber erklärt im Freitag-Interview seine grundsätzlicheren epistemologischen Bedenken gegenüber dem Postkolonialismus.

 

Trotz Philosophie

Jean-Luc Nancy hat sein langes Philosophenleben lang über den Körper und seine Berührung nachgedacht; im taz-Interview spricht er über Nacktheit, Privateigentum und Kontaktsperren. +++ Cynthia Fleury wiederum ist Philosophin im ältesten Pariser Spital, denkt u.a. über Pflege und Politik nach und spricht im NZZ-Interview über die Corona-Krise. +++ Von der haben Philosophen wie Žižek, Agamben und Sloterdijk aufmerksamkeitsökonomisch profitiert, wie der Standard notiert. +++ Ausführlich widmet sich die taz der Ausstellung zu Ehren des berühmtesten Wuppertalers, Friedrich Engels. +++ Die WELT berichtet bildreich von der Berliner Hannah-Arendt-Ausstellung, in der sich auch der Standard umgesehen hat. +++ In der Standard-Reihe über Walter Benjamin geht es diesmal um den Vortrag „Der Autor als Produzent“, in dem er 1934 lehrte, wie man schreibend den Kapitalismus umstürzt. +++ Da kann der gedruckte Lichtwolf ja bei Gentium bleiben: Die Schriftart „Sans Forgetica“ sollte Texte einprägsamer machen, tut sie aber nicht, wie Spektrum meldet.

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