Links der Woche, rechts der Welt 04/19

Hart wie Kruppstahl

Ein Erziehungsratgeber der NS-Zeit könnte bis heute nachwirken, wie Anne Kratzer bei Spektrum schreibt. Die Zucht zum harten Untertanen durch Vernachlässigung brachte eine bindungsunfähige Generation hervor, die ihrerseits wenig mit den Gefühlen ihrer Kinder anfangen kann. (17.01.19)

 

War Platon ein Feminist?

Platons idealer Staat war eine ziemliche Philosophendiktatur, in der aber zumindest die Gleichstellung von Mann und Frau als Bedingung des Gemeinwohls erkannt war. Harald Haarmann gibt in der FR eine kleine Rezeptionsgeschichte Platons zwischen Patriarchat und Gleichberechtigung. (20.01.19)

 

Das Universum kommt zu sich oder auf den Hund

Oswald Spengler hat schon vor 100 Jahren den spirituellen Selbstbedienungsladen erahnt, aus dem man sich heute eine Individualmythologie bastelt. Peter Strasser macht sich in der NZZ Sorgen, was daraus werden könnte, zumal so etwas wie die eigentlich notwendige „Schwesterlichkeit“ diesem Zeitgeist der technischen Machbarkeit völlig unverständlich ist. (21.01.19)

 

Grüner Klassenkampf von oben

Mit dem rechtspopulistischen „Pappkameraden des Ökopaternalismus“ beschäftigt sich Nils Markwardt in der ZEIT. Dazu begibt er sich in die Begriffs- und Ideengeschichte von Ökologie und Ökonomie, Natur und Klassenkampf, um sodann die Validität rechtskonservativer, liberaler und linker Kritik an einer ökologischen Politik zu prüfen. (22.01.19)

 

Der paranoiafreie Android

Alan Turing und Martin Heidegger hätten einander nichts zu sagen gehabt, weiß Jan Söffner in der NZZ, obwohl oder weil sich beide über das Denken Gedanken machten, nur eben grundverschiedene. Computer in Turings Folge können immer mehr immer besser, doch das In-der-Welt-sein (inkl. seiner Sinnkrisen) werden sie nie beherrschen. (22.01.19)

 

Wie sich Demokratien zu Diktaturen wandeln

Ungarn gilt als illiberale Demokratie und die dortige Orban-Regierung ist auch noch stolz darauf. Im Freitag beobachtet Srećko Horvat mit Grausen den reaktionären Trend, der sich im Westen in Gestalt des Ausnahmezustands als Regelfall zeigt und auf einem liberalen Missverständnis des antiken Demokratiekonzepts basiert. (23.01.19)

(Photo: ohurtsov, Oleksy @Ohurtsov, pixabay.com, CC0)

Bücher

Die NZZ freut sich, dass „Weltfremdheit des Menschen“ aus dem Nachlass von Günther Anders veröffentlicht wird und ihn als Pionier der philosophischen Anthropologie erweist. +++ Obama schuld an Trump? Die taz bespricht einen Band mit Essays von Thomas Frank über den Niedergang der USA seit der Finanzkrise, die Obama nicht genutzt hat. +++ Der Freitag ist wenig überzeugt von der These in Samuel Schirmbecks Buch, wonach die mangelnde Islamkritik der Linken die Leute in den Rechtspopulismus treibt. +++ „Was ist der Mensch?“ fragt Georg W. Bertrams neues Buch, das eigentlich nach dieser Frage fragt, und die Rezension in der ZEIT macht da auch nicht klüger. +++ Thomas Steinfeld wundert sich in der SZ, warum deutsche Unternehmer ständig Bücher über ihren Werdegang schreiben und diese Bücher auch noch gekauft werden.

 

Radio

Der DLF bringt heute die Lange Nacht über Houston Stewart Chamberlain, den Schwiegersohn Wagners und Ehrengermanen, der den deutschen Antisemitismus groß gemacht hat. Puh. Morgen früh fragt Sama Maani provokant bei Essay und Diskurs, was denn so schlimm daran wäre, wenn fremde bzw. indigene Kulturen verschwänden. Puuh! Zur Entspannung kann man sich bei Sein und Streit u.a. was über die Philosophie des Orgasmus anhören oder beim Philosophischen Radio des WDR 5 im Gespräch mit dem Architekten Friedrich von Borries was über die sinnstiftende Kraft des Designs erfahren.

 

Fortschritt ins Fremde

In einer dreiteiligen Essayreihe beschäftigt sich Karl Kollmann bei Telepolis mit dem Fortschritt und seinen Folgen. Den Krieg als Motor technischen Fortschritts behandelt er im ersten Teil, sodann beleuchtet er, wie sich die Wissenschaft als willige Helferin einspannen lässt und im dritten Teil geht es um die alltäglichen Folgen für die Menschen in den Städten, beim Essen, in der Verwaltung und Spiritualität.

 

Das Weitere und Engere

Der nach dem Positivismusstreit geschlossene Burgfriede in der deutschen Soziologie ist bedroht, wie die FAZ berichtet: Auslöser ist der Streit über die Methodenvielfalt des Fachs. +++ Zum 500. Todestag Leonardo da Vincis streiten sich Italien und Frankreich um das Erbe des Universalgenies, wie der Standard berichtet. +++ Ende des 18. Jahrhunderts stritt man sich in Protodeutschland über das Für und Wider der Judenemanzipation. Die FAZ portraitiert Friedrich Schlichtegroll, dessen Gedenkrede für Moses Mendelssohn die Utopie der Weltkultur beschwor. +++ „Die Vergangenheit ist noch längst nicht zu Ende“, mahnt die NZZ und erinnert an die Geburt des Islamismus vor 40 Jahren. +++ Deutschland und Frankreich haben mit dem Élysée-Vertrag ihr Bündnis erneuert. Die SZ unterhält sich mit Wilhelm Schmid über die Freundschaft zwischen Staaten. +++ Der Tagesspiegel schreibt über die seltsame Einigkeit von Rechtspopulisten und Impfgegnern. +++„Spricht das Brexit-Chaos gegen direkte Demokratie?“, fragt Roland Kipke bei Telepolis und zieht eine missglückte Entscheidung einer verunglückten Demokratie vor. +++ Alles fließt – meistens weg: Götz Eisenberg sieht im Gießener Anzeiger der Schließung seines Lieblings-Antiquariats entgegen, die ein Symptom des Verfalls urbaner Demokratie ist. +++ Daniel Kretzschmar hingegen ärgert sich in der taz über das „Beharren auf dem Papier als überlegenem Medium“, weil es die Gestaltung einer gerechten Zukunft erschwert. +++ Nun demonstrieren freitags auch in Deutschland Schüler für mehr Klimaschutz, denn: „Es bringt ja nichts, für eine Zukunft zu lernen, die es nicht gibt“, wie die FAZ zitiert. +++ Die SZ berichtet über eine Studie, die den kausalen Zusammenhang zwischen Klimawandel, Konflikten und Migration belegt. +++ Vielleicht hilft ja ein Ernährungsstil, der gut für die individuelle und die planetare Gesundheit ist: Der Freitag berichtet über die „planetary health diet“. +++ „Fünf philosophische Rätsel, die dein Gehirn auf Trab bringen“, schreit die WELT, während die URL eher Beneblung verspricht, und da macht man doch gerne mit. +++ Der aktuelle Lichtwolf zum Thema „Riemen“ ist nun auch als E-Book für Kindle und im epub-Format erhältlich.

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