Links der Woche, rechts der Welt 22/18

Zwangsbeglückung in der Autonomie?

Bei den etwa hundert indigenen Stämmen ohne Kontakt zur modernen Außenwelt ist der zivilisationsmüde Eskapismus überflüssig. Georg Rüschemeyer gibt in der FAZ eine Übersicht über diese Eremitengesellschaften und die Frage, wie man mit ihnen und den Bedrohungen ihres isolierten Lebens umgehen soll. (14.05.18)

 

Antisemitismus als Reimport

Ist der Islam wesentlich antisemitisch? Peter Wien beschreibt in der SZ, dass es mit einschlägigen Koranstellen nicht so einfach ist, wie Islamisten und Islamophobe es gern hätten. Der Antisemitismus in islamisch geprägten Ländern hat vor allem mit der komplizierten europäischen Kolonialgeschichte zu tun. (26.05.18)

 

Und was macht man dann damit?“

Letztes Jahr wurde die vermeintliche „Krise der Germanistik“ diskutiert, nur Studierende kamen dabei nicht zu Wort, wie Veronika Hock im Blogseminar der FAZ bemerkt und die Lücke schließt, indem sie drei Germanistikstudentinnen befragt, wie sie mit ihren dunklen Berufsaussichten und dem Vorwurf der Weltferne umgehen. (28.05.18)

 

Werbung wirbt sich zu Tode

Wolfgang J. Koschnick erforscht und kritisiert die Wirkung von Werbung, die selbst den vermeintlichen Experten ein Rätsel ist, wie er bei Telepolis schreibt. Die wachsende Werbeindustrie lebt vom Bluff, das Konsumverhalten beeinflussen zu können, und erzeugt mit ihrer Reklameflut nur Überdruss und Ablehnung. (30.05.18)

 

Dem Klima-Ingenieur ist nichts zu schwör

„Klimawandel? Gibts da nicht was von Ratiopharm?“ So doof fragt Max Rauner in der ZEIT nicht, wo er sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Geoengineerings beschäftigt, also technischer Maßnahmen gegen die technisch verursachte Destabilisierung des Weltklimas. Glücklicherweise sind Technikfolgenabschätzung und ethische Probleme (noch) genauso relevant wie Machbarkeitsfragen. (30.05.18)

 

Das Anthropozän in der Ästhetik

Auch Betrachtungen über das Naturschöne und Erhabene kommen längst nicht mehr ohne die Spuren aus, die der Mensch seiner Umwelt aufprägt. Gustav Seibt rekapituliert in der SZ-Reihe über das Anthropozän die ästhetische Entfremdung der Kultur von der ihr ausgelieferten Natur. (31.05.18)

 

Vorwärts in die Vergangenheit

In der NZZ steckt René Scheu (als Vorwort zu Mark Lillas Buch über politische Nostalgie) Nationalisten, Islamisten und Anti-Wachstum-Aktivisten in die Schublade „reaktionär“, weil sie alle durch Systemkritik, Fortschrittsskepsis und Sehnsucht nach einem idealisierten Früher geeint und die Revolutionäre von heute seien. (02.06.18)

(Photo: Taken, pixabay.com, CC0)

Bücher

Die taz bespricht den Sammelband mit dem krausianischen Titel „Unter­gangster des Abend­landes“, dessen Beiträge den „intellektuellen“ Rechtsextremismus im Gefolge der „Konservativen Revolution“ untersuchen. +++ Die NZZ zeigt sich sehr angetan von Bernhard Maiers lebhaft geschriebener „Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute“. +++ Mindestens so wichtig wie Religion ist der Computer, über dessen weitaus jüngere Geschichte David Gugerli einen Essay geschrieben hat, den die FAZ vorstellt. +++ Mitnichten werden neue Zeitschriftenformate nur noch von TV-Persönlichkeiten und rechts-braun verschmierten Schlechtmenschen auf den Weg gebracht. Schon etwas länger gibt es das englischsprachige Jacobin Magazine und nun ganz neu auch Ada – auf Deutsch, in Kooperation mit Jacobin und erstmal nur online. Die taz ist schwer begeistert und der Freitag unterhält sich mit den Ada-Macherinnen über ihre Absichten.

 

Radio

Wie steht die Theologie zur Aussicht, dass Religion immer weniger wichtig ist? Darüber diskutieren Martin Breul und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Im DLF geht es morgen früh bei Essay und Diskurs um 1968 und mittags bei Sein und Streit um Künstliche Intelligenz mit Gefühlen. Der Sein & Zeit-Podcast ist inzwischen bei § 72 („Die existenzial-ontologische Exposition des Problems der Geschichte“) angekommen.

 

Bullenjagd

Haben Sie auch davon gehört, dass 60 Linksradikale in Hitzacker das Privathaus eines Polizisten an Pfingsten gestürmt haben? Boris Rosenkranz rekapituliert bei Übermedien die kritiklose Überdrehung der Polizeidarstellung des Vorfalls. Ausführlicher nimmt Timo Rieg bei Telepolis auseinander, wie die Nachrichtenmaschinerie hohldrehte anstatt auch nur ansatzweise journalistisch zu arbeiten.

Die Juristin Judith Schneider beschreibt im Freitag anschaulich, wie die Gesetzesverschärfungen beim „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ das Demonstrationsrecht einschränken und die Strafverfolgung von Rechtsbrüchen im Amt zusätzlich erschweren.

 

Das Weitere und Engere

Marx hatte beim Kommunismus keine Utopie im Sinn, sondern allein Kritik des Bestehenden, stellt Gerd Koenen in der ZEIT klar. +++ Die FAZ berichtet eher gelangweilt von einer Tagung im Berliner Haus der Kulturen der Welt, wo sich die Kritische Theorie hinsichtlich ihrer selbst und der Emanzipation befragte im Jahr 50 nach 1968 – und auch die SZ war nicht gerade begeistert. +++ Die FAZ hat deutliche Zweifel an den OECD-Studien, wonach der Bildungserfolg in kaum einem anderen Land so sehr von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland. Auf der anderen Seite portraitiert die FAZ studierende Arbeiterkinder und die Probleme dieser „Bildungsaufsteiger“ an der Universität. +++ ZEIT Campus sammelt einige zum Teil radikale Vorschläge, wie das System Uni so verändert kann, dass der wissenschaftliche Nachwuchs seinem Elend entkommt. +++ Jürgen Ziemer ist im Freitag genervt davon, wie jede Diskussion von Ungleichheit als „Neiddebatte“ abgetan wird, und unternimmt eine psychosoziale Ehrenrettung des Neides. +++ Am Beispiel der „Willkommenskultur“ zeigt Niels Boeing in der ZEIT, warum es sinnvoller ist, anderen aus Empathie statt Sympathie zu helfen. +++ Wie man an der Sprache die Suizidgefahr erkennt hat eine Studie erforscht, die bei Spektrum vorgestellt wird. +++ Im Interview mit dem Standard erklärt der Historiker David Kaiser, wie die Hippie-Bewegung die heutige Quantenphysik-Forschung inspirierte. +++ Zum Schluss ein paar gute Nachrichten: Daniel Lingenhöhl stellt bei Spektrum zehn schöne Beispiele vor, die zeigen, dass Naturschutz funktioniert, wenn der Mensch nur will.

 

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