Links der Woche, rechts der Welt 47/21

Na, schönen Dank auch!

In diesen Tagen wird die Zahl der Pandemieopfer in Deutschland die 100.000 übersteigen. Die SZ nimmt dies zum Anlass und sich die New York Times zum Vorbild, um den Toten ein Gesicht zu geben, aber man braucht ein SZ-Onlineabo. Niall Ferguson findet im FR-Interview, nicht die Opferzahlen sind das eigentlich besorgniserregende, sondern die ökonomische und geopolitische Instabilität, die Corona nach sich zieht.

Armin Nassehi ist nicht der Einzige, der wegen des abermals ungebremsten Anstiegs der Infektionszahlen die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, aber er gehört zu den wenigen, die ihren Frust in der ZEIT ventilieren dürfen – und sich dabei an Nietzsches ewiger Wiederkehr des Gleichen und etwas Völkerpsychologie orientiert. Näher kennenlernen kann man Nassehi bei Telepolis, wo er in einem ausführlichen Interview darlegt, wie er wurde, wer er ist, und warum die Wissenschaft niemals den Job der Politik erledigen kann.

Dazu passend ordnet die FAZ aktuelle Umfrageergebnisse zum Vertrauen in Wissenschaft und Politik ein. Einen kurzen Vortrag von Jürgen Nielsen-Sikora über „Wahrheit in Zeiten der Lüge“ lesen wir bei Glanz & Elend.

Auch Götz Eisenberg wundert sich (u.a. mit Horkheimer und Eco) über fanatische „Querdenker“-Querulanz, die den Zweifel vom Mittel der Aufklärung zu einem der Herdenverblödung verkommen lässt. Die FR unterhält sich übers gleiche Thema (Vernunft und Freiheit) mit Heinz Bude, während die FAZ in einem Statistik-Crashkurs nochmals daran erinnert, dass die hohe Zahl von hospitalisierten Geimpften kein Wunder ist. Ob Statistik und kognitive Verzerrung auch an der „Hannah Arendt Akademie der Denker“ gelehrt werden, ist unwahrscheinlich: Die taz beleuchtet das fragwürdige Personal dieser neuen Volkshochschule für „Querdenker“.

 

Denken an den Rändern

Michael Jäger hat genug von dem selbstbewussten Ton, mit dem die Willensfreiheit negiert wird, und putzt im Freitag die alten Argumente gegen den Determinismus noch einmal auf. Stefan Buijsmans kleine Geschichte der künstlichen Intelligenz wird bei Spektrum rezensiert.

Das Universalgenie Oswald Wiener hat, wenn er nicht gerade Jazz spielte, den Cyberspace erfunden, als die meisten IT-Gurus noch gar nicht auf der Welt waren. Wiener ist nun mit 86 verstorben und u.a. die FR und Dietmar Dath in der FAZ versuchen, seine vielfältigen Aktivitäten in ihren Nachrufen unterzubringen.

Als empirischer Philosoph (!) hat Markus Kneer in Experimenten untersucht, wann eine Behauptung als zulässig gilt, wie Spektrum meldet. Keine reine Philosophin mehr ist auch Donna Haraway, deren Spitzenposition in einem Ranking bedeutender Künstlerpersönlichkeiten in der FAZ kommentiert wird.

 

Menschenleben

Onora O’Neill erklärt in der ZEIT, warum Menschenrechte wenig zur Gerechtigkeit beitragen, wenn nicht auch Menschenpflichten formuliert werden. Die FAZ rekapituliert einen Aufsatz des Mainzer Soziologen Stefan Hirschauer über die Art, wie Menschen andere Menschen in Gruppen unterteilen und auf Abstand halten.

(Photo: StockSnap, pixabay.com, CC0)

Die taz stellt Simone de Beauvoirs nachgelassenen Roman über eine rebellische Mädchenfreundschaft vor. Frauenleben von den Jägern und Sammlern bis in die Gegenwart schildert Katarzyna Radziwill in einem illustrierten Jugendbuch, das die SZ auch Jungen empfiehlt.

 

Ausgestellt und schick

Im Wiener Leopold-Museum zeigt eine Ausstellung Photographien Ludwig Wittgensteins, die der Standard der Philosophie des Mannes sehr angemessen findet, und auch die ZEIT empfiehlt einen Besuch. Im Berliner DHM dagegen widmen sich zwei parallele Ausstellungen den beiden Zeitgenossen Karl Marx und Richard Wagner; laut Tagesspiegel ein „interessantes Experiment zur Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts“.

Die Gegenwartsästhetik dagegen ist, so schreiben Moritz Baßler und Heinz Drügh im gleichnamigen Buch, biedermeierlich-moralisierendes Spektakel, und so anregend der Freitag ihre Analysen findet, so sehr zeigt er sich mitunter vom Duktus der „Theoriedandys“ irritiert.


 

Leichte Bücher, schwere Bücher

Pascal Bruckner polemisierte schon in den 80ern gegen die linke Obsession mit den Unterdrückten der Welt und schreibt nun abermals gegen den Selbsthass des Westens an bzw. macht, wie die ZEIT schreibt, vor allem Reklame für Frankreich.

Helmut Walser Smiths hat ein Buch mit dem leichten, aber schweren Titel „Deutschland“ geschrieben, das sich laut SZ genauso liest: Leicht erzählt wird eine schwere Volks- und Nationalgeschichte seit der frühen Neuzeit. Harald Welzers „Nachruf auf mich selbst“ ist dagegen nicht so egozentrisch, wie der Titel verspricht: Ein Herzinfarkt hat den Risikosoziologen mit der Endlichkeit konfrontiert, die er systemisch ernstzunehmen rät, und die FR rezensiert.

Michael Helmings Portrait fünf vergessener Autoren Osteuropas (Svatopluk Turek, Hermann Ungar, Richard Weiner, Hans Olschewski und Oscar Walter Cisek) wird bei Glanz & Elend vorgestellt.


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