Links der Woche, rechts der Welt 39/20

Ethikratlosigkeit

Der Ethikrat lehnt die Einführung eines Immunitätsausweises in der anhaltenden Corona-Krise ab und die SZ blickt auf die „überraschend uneinheitliche Position“ und die Argumente. Im Soziopod geht es diesmal um Hannah Arendts Buch „Über das Böse“.

Matthias Warkus beschäftigt sich in seiner Spektrum-Kolumne mit Kuchen, wie man ihn teilt und was das mit Gerechtigkeit zu tun hat. Mit dieser hat es der Kapitalismus bekanntlich nicht so sehr und dass das ungesund ist, ahnt man auch. Andreas von Westphalen stellt bei Telepolis nun ausführlich Studien über den Zusammenhang von Lebenserwartung und gesellschaftlicher Umverteilung vor.

Bei Open Culture (immer einen Link wert) sind nun sämtliche Ausgaben der Zeitschrift Radical Philosophy online, in der Persönlichkeiten wie Michel Foucault, Alain Badiou und Judith Butler ihre Gedanken ent- und weiterentwickelt haben. Und apropos umsonste Sachen: Auch Lichtwolf Nr. 40 zum Thema „Zahlen, Ziffern und Nummern“ steht seit dieser Woche kostenlos zur Verfügung, da ausverkauft.

 

Im Netz der Netze

Das Buzzword „Blockchain“ ist schon wieder out, aber wenn man irgendwo „KI“ draufschreibt, gibt es immer noch fettes Risikokapital: Die SZ beschäftigt sich mit dem Etikettenschwindel rund um den Begriff der Künstlichen Intelligenz, der in seriöser Forschung gar nicht mehr verwendet wird.

In ihrer Reihe über mutige Menschen portraitiert die FR Tim Berners-Lee, der 1990 das WWW erfand und damit zum Vater des heutigen Internets wurde. Das freilich hat sich seit den menschenfreundlichen Pioniertagen zum digitalen Abbild kapitalistischer Verhältnisse entwickelt: Der „Atlas der digitalen Welt“ versucht das Gewusel im Internet in Zahlen zu fassen, die die FAZ schaudern lassen über die alles erdrückende Macht einiger weniger Großkonzerne.

(Photo: enriquelopezgarre, pixabay.com, CC0)

Grüner wird’s nicht

Gestern konnten Fridays for Future erstmals seit Beginn der Corona-Krise wieder weltweit für mehr Klimaschutz demonstrieren. Die taz zieht eine respektable Erfolgsbilanz der Bewegung.

Robert Kaltenbrunner erklärt in der FR, wie die autofreundliche Stadtplanung seit den 1950ern praktisch alle Lebensbereiche kolonisiert hat. Auf den Straßen selbst wird es immer enger und brutaler, doch wie ließe sich urbane Alltagsmobilität anders, also besser gestalten?

Kommende Woche gibt es einen Zwischenbericht zur Suche nach einem Atommüllendlager. Der Co-Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck erinnert in der ZEIT darum an das Prinzip Verantwortung von Hans Jonas und das historische Ringen um die Kernenergie. Unter anderem um die besorgniserregende Entsorgung von Atommüll geht es auch im aktuellen Lichtwolf zum Thema, na klar: Entsorgung.

 

Von RAF bis Rassismus

Das Attentat auf Treuhandchef Detlev Rohwedder 1991 wird der RAF zugeschrieben, was eine neue Netflix-Doku über den Mord in Zweifel zieht. Das gelingt ihr laut taz nicht so gut, das Sittenportrait der Nachwendezeit dafür umso mehr.

Antisemitismus geht alle an, doch leider immer noch einige mehr als andere: Die taz berichtet lesenswert über die Wahrnehmung von Antisemitismus im Alltag von Jüdinnen und Juden.

Wie rassistisch waren die Aufklärer? Im Interview mit dem Freitag erklärt Iris Därmann, wie John Locke am Sklavenhandel mitverdiente, Karl Marx den Widerstand der Verschleppten missachtete und wir mit ihnen darum umgehen sollten. Sowas schert andere eher weniger: Donald Trump gibt als Ziel des US-Geschichtsunterrichts die Patriotismusförderung vor, was Claus Leggewie in der ZEIT wie ein weiterer Schritt gen Autokratie erscheint, aber nicht von einem fast schon munteren Sittenbild dieser abenteuerlich kretinösen Präsidentschaft abhält.

 

Die Toten denken

Robert Jarowoy saß als Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ sechs Jahre im Knast, schrieb Märchen, blickte hoffnungsvoll nach Kurdistan und hielt als anarchistischer Kommunalpolitiker Hamburg in Wallung. Die taz meldet seinen Tod mit 67 Jahren. Auch die Sängerin Juliette Gréco ist mit 93 verstorben und die FAZ erinnert daran, was sie mit dem Kleidungsstil der Existentialisten zu tun hatte. Die SZ erinnert feierlich an die mit 96 Jahren verstorbene italienische Journalistin, Politikerin und Kommunistin Rossana Rossanda, die Mitbegründerin der Zeitung Il Manifesto war und uns den schönen Spruch hinterließ: „Der Kommunismus mag sich geirrt haben, aber falsch war er nicht.“

Walter Benjamin verweigerte sich entgegen Siegfried Kracauers Rat der Schreibmaschine und blieb beim Füllfederhalter, wie die FR der jüngsten Benjamin-Biographie von Howard Eiland und Michael W. Jennings entnimmt. Die ist zur 80. Wiederkehr des Tages erschienen, an dem Walter Benjamin sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, und wird ebenfalls in der FR ausführlich vorgestellt. Im DLF kommt heute Abend dann die Lange Nacht über Walter Benjamin.


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