Links der Woche, rechts der Welt 27/19

Wissenschaft ohne Geist

Max Stange stört sich im FAZ-Blogseminar u.a. mit Walter Benjamin an der Rhetorik der universitären Karriereberatung, deren technokratischer Zweckjargon eine Dissertation zum Managementfall „Großprojekt“ umdeutet, was sich negativ auf das Verständnis von Wissenschaft überhaupt auswirkt. (28.06.19)

 

Kontrafaktische Axiome ohne Empirie

Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt eine Inkompetenz, die so groß ist, dass der Betroffene sich ihrer gar nicht bewusst werden kann. Mit diesem Phänomen und seinen gesellschaftlichspolitischen Folgen beschäftigt sich Rainer Schreiber bei Telepolis und gibt als trauriges Beispiel die gegen alle Kritik und Widerlegung immunisierte Überzeugung vom „homo oeconomicus“. (29.06.19)

 

Wir wollen mehr Deeskalation wagen

Sozialen Medien wird ein großer Anteil an der Verrohung des Diskurses zugeschrieben. Dem widerspricht Katharina Lotter in der NZZ und betont, dass Konflikt zu jedem Miteinander dazugehört und wir lernen müssen, die Eskalationsspirale festzuhalten und im Netz die Zurückhaltung zu üben, die wir auch in der Echtwelt wahren. (29.06.19)

 

Der Tag, an dem sich die Welt für immer ändert

Ein interessanter Aspekt der Zukunftsforschung ist die Frage, was passieren würde, wenn die Menschheit auf Hinterlassenschaften einer außerirdischen Zivilisation stößt. Die Exosoziologen Michael Schetsche und Andreas Anton beschäftigen sich bei Telepolis mit den Schockwellen, die eine solche Entdeckung in alle Lebensbereiche entsenden würde. (30.06.19)

 

Nur was digitalisiert ist, existiert.

„Digital Humanities“ werden nach wie vor als der neue heiße Scheiß der Geisteswissenschaften gefeiert. Rüdiger Görner fragt in der FAZ, was gewonnen und verloren ist, wenn die Suchmaschine beim Interpretieren mitmacht, und wird grundsätzlich mit einer kritischen Begriffsgeschichte der „digitalen“ „Medien“. (30.06.19)

 

Rede, die ein- oder ausschließt

Die Polarisierung kommt Demokratiefeinden gelegen, denn sie wollen ja gar nicht mit ihren Gegnern reden. Aber da die liberale Demokratie vom Diskurs lebt, untersucht Roland Benedikter bei Telepolis zunächst die Krise des demokratischen Gesprächs und wie sich u.a. mit Habermas und Lyotard die freie Rede wiedergewinnen ließe. (30.06.19)

 

Von der Arbeiter- zur Konsumentenbewegung

Hat sich die Linke zu Tode gesiegt oder einfach den Wandel der Arbeitswelt verpennt? Maurizio Ferraris schreibt in der NZZ, dass es etwas von beidem ist und linke Parteien den Stellenwert des Konsums und der Datenschöpfung begreifen müssen, wenn sie wieder wählbare Programme entwickeln wollen. (03.07.19)

 

Grundsätze für denkende Waffen

Yvonne Hofstetter, Wolfgang Koch und Friedrich Graf von Westphalen kennen sich sowohl mit Informatik als auch mit Völkerrecht und Ethik aus. Bei Spektrum fragen sie gemeinsam, ob sich der militärische Einsatz autonomer Maschinen verhindern lässt, wenn schon die Ächtung des Krieges so schwierig ist… (05.07.19)

 

Kontrollräume und Kontrollträume

Der Internetkritisierer Adrian Lobe schreibt in der NZZ über die ontologische Macht von Diensten wie Google Maps, deren digitale Abbilder der Erdoberfläche handfeste politische Konsequenzen haben. Vilém Flusser erahnte diese virtuelle Macht über den Raum bereits in den 1990ern. (06.07.19)

 

Bild und Ton

Die taz empfiehlt Nikolaus Geyrhalters erschütternde Doku „Erde“ über den Raubbau an der Natur und die menschliche Hybris:

Ob die Geschichte abläuft oder gestaltbar ist, darüber unterhalten sich Kurt Bayertz und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5, wo es letzte Woche um die Stoa heute ging. Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über den Künstler und Dandy George Grosz. Bei Essay und Diskurs im DLF wird morgen früh die hörenswerte Reihe über modernen Antisemitismus fortgesetzt und mittags geht es bei Sein und Streit u.a. um antike Denkerinnen und politische Heldinnen.

 

Seenotrettung

Carola Rackete, Kapitänin der Sea Watch 3 hat gegen den Willen der italienische Behörden Flüchtlinge in den Hafen von Lampedusa gebracht und steht darum bald vor Gericht. Während einerseits Spendenkampagnen angelaufen sind, erinnert der Tagesspiegel an die Antigone von Sophokles, die gleichfalls universelles über staatliches Recht setzte, und Patrick Spät erklärt im Freitag u.a. mit Kant und Camus, warum der moralische Niedergang der Welt gestoppt werden muss.

(Photo: jeffko, pixabay.com, CC0)

Die Unordnung der Dinge

Die SZ berichtet von einer Tagung des Münchner NS-Dokumentationszentrums über das bemerkenswerte Ausbleiben von Racheakten seitens jüdischer Überlebender an den Deutschen nach 1945. +++ Andreas Kemper belegt im Freitag die antidemokratischen Tendenzen in der AfD und ihren Beitrag zum rechtsterroristischen Mord an Walter Lübcke. +++ Das gegenseitige Misstrauen zwischen Politik, Journalismus und Öffentlichkeit ist ein Thema im Standard, der Anerkennung nach Honneth und Ricœur als Gegenmittel empfiehlt. +++ Der Tagesspiegel bringt einen New-York-Times-Artikel über die politisch-psychologische Macht von Sprache und Rhetorik.

 

Berichte aus der Akademie

An der Uni Erlangen lässt sich wohl gut studieren, auch wenn ihre Gebäude baufällig sind. Die SZ berichtet über den dortigen Sanierungsstau. +++ In Berlin gibt es Orientierungsstudiengänge, bei denen man zwei Semester lang mal überall reinschauen kann, wie der Tagesspiegel berichtet. +++ ZEIT Campus frägt drei Studis nach ihren Fächern, die Philosophie ist auch dabei. +++ Florian Rötzer berichtet bei Telepolis über die ebenso umfangreiche wie ergebnislose Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenz. +++ Warum ist Norden eigentlich auf Landkarten oben? Diese gute Frage wird bei Spektrum versuchsweise beantwortet und gibt einen Eindruck davon, wie faszinierend Ideenarchäologie sein kann.

 

Trotz Philosophie

Vergangene Woche mokierte sich Patrick Bahners in der FAZ über Svenja Flaßpöhlers Habermas-Verständnis; Jörg Phil Friedrich versucht in Hohe Luft zu vermitteln, indem er mal bei Habermas nachschlägt. +++ Helmut Höge macht dem Viehlosovieh schwere Konkurrenz: In seiner taz-Reihe „Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung“ ist dieses Mal der Maulwurf dran hinsichtlich seiner Relevanz in Biologie, Philosophie und Literatur. +++ Auch die FAZ gratuliert Alain Finkielkraut zum 70. Geburtstag. +++ Die FAZ berichtet atemlos von dem philosophischen Schauspiel, das Giorgio Agambens Berliner Vortragswoche darstellt, und Arno Widmann unterhält sich für die FR mit Giorgio Agamben u.a. über die gegenwärtige Endzeit und das Schwimmen.

 

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