Links der Woche, rechts der Welt 06/19

Die Macht der Erzählungen

Erzählungen sind angesagt, ob nun als Serie oder als postmoderner Universalbegriff. Theodor Schaarschmidt nimmt den Fall Relotius zum Anlass, die Verführbarkeit durch Geschichten ebenso wie die nur vermeintlich kritische Rezeption psychologisch zu beleuchten. (28.01.19)

 

Steht ein Pilz im Wald

Weiter mit Halluzinogenen: In der einschlägigen Spektrum-Reihe stellt Joachim Retzbach das Psilocybin vor, das in Form von Magic mushrooms womöglich seit Jahrtausenden in südamerikanischen Heilungsritualen eine Hauptrolle spielt und im 20. Jahrhundert den weltweiten Durchbruch feierte. (02.02.19)

 

Der Altlinke und die Neurechte

In der FAZ beschäftigt sich der Rechtsextremismusforscher Volker Weiß mit einem ungewöhnlichen Paar: Der 80-jährige Germanist Helmut Lethen gilt als 68er, der sich mit Benn, Jünger und Schmitt auseinandersetzt. Seine Frau Caroline Sommerfeld ist Autorin der Neuen Rechten. Ihre Kinder sind darob jüngst von der Waldorfschule verbannt worden. Was geht da vor? (03.02.19)

 

Die Professorin mischt sich ein

Der öffentliche Diskurs kommt inzwischen ohne Intellektuelle aus, beklagt Björn Hayer in der ZEIT und gibt denjenigen Geisteswissenschaftlern eine Mitschuld, die sich unpolitisch mit ihrer Kammer im Elfenbeinturm abgefunden haben. Glücklicherweise regt sich gerade in den Philologien Widerstand. (03.02.19)

 

Konstruktivismus in Kontingenz

Richard Rorty und Hans-Georg Gadamer wurden einander trotz aller persönlichen und denkerischen Unterschiede im Alter ähnlicher, wie Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ beschreibt und natürlich der Frage nachgeht, ohne die kein Portrait mehr auskommt: Was haben sie uns heute noch zu sagen? (05.02.19)

 

Das Schweigen der Fachleute

„Alles halb so schlimm mit den Abgasen“, haben wir neulich den Medien entnehmen dürfen. Für Ulrich Schnabel von der ZEIT ist die Stickoxid-Debatte ein Lehrbeispiel für Kommunikationsversagen der Wissenschaft, die beim Thema Luftschadstoffe unversehens in die Defensive geraten ist. (06.02.19)

 

Muss man sich leisten können

Über Selbstoptimierung rümpft man gerne die Nase, weshalb Jörg Scheller sie in der NZZ als die moderne Tugend schlechthin gegen Stillstand und Arroganz verteidigt. Das Bestmögliche aus sich zu machen, ist ein Geschenk an die Mitwelt, und ob seiner Offenheit findet der Mensch viele mögliche Optima. (06.02.19)

 

Von Optimierern und Adaptierern

Amor Fati ist angesagt, bemerkt Lars Weisbrod in der ZEIT und blickt auf buddhistische und stoische Methoden, mit Begehren, Leid und Enttäuschung umzugehen. Im Abendland ist man nämlich fatal aufs Optimum und Immerweiter bis hin zur Unsterblichkeit gepolt. (06.02.19)

 

Marcuse als Familienmensch

Hannes Soltau und Moritz Honert haben sich für den Tagesspiegel mit Peter und Harold Marcuse, dem Sohn bzw. Enkel des großen Herberts getroffen. Im Gespräch geht es u.a. um seine Asche und seine verschollene Urne sowie die aktuellen Zustände in Deutschland, angesichts derer Marcuses Grabspruch den einzig guten Rat gibt. (07.02.19)

 

Ewige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Fortschritt gilt als Wert an sich und Oliver Zimmer warnt in der NZZ davor, sich davon einschüchtern zu lassen. Denn was als Fortschritt gilt, ist Gegenstand des politischen Streits um die Gegenwart, der nicht immer fair geführt wird, wie Zimmer an einigen Beispielen zeigt. (09.02.19)

(Photo: PublicDomainPictures, pixabay.com, CC0)

Bücher

Die ersten beiden Bände der Hannah-Arendt-Gesamtausgabe sind auf Papier erschienen (und bald wohl auch online); der Tagesspiegel erklärt, was bereits zu lesen ist: Essays aus den 1940ern und Fragmente aus den 1950ern. +++ Der Historiker Yuval Noah Harari gilt als gefragter Erklärbär und erteilt als solcher „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“; die Spektrum-Rezension blickt vor allem auf Hararis Weisheiten zu KI und Narration. +++ Dieter Langewiesche beschreibt in seinem neuen Buch, wie Europas Kriege die moderne Geschichte und Zivilisation prägten, der Tagesspiegel rezensiert das Opus magnum. +++ Reinhard Mehring hat bereits eine Biographie Carl Schmitts verfasst, nun schreibt er über die Rezeption des schillernd-umstrittenen NS- und BRD-Juristen, dem seine Zunft schnell verziehen hat, wie die SZ in ihrer Rezension bemerkt. +++ Anlässlich seines neuen Buchs „Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ unterhält sich die FAZ mit Francis Fukuyama über konservative Alternativen zum Rechtspopulismus. Die SZ zeigt sich in ihrer Besprechung unzufrieden damit, wie Fukuyama seine Thesen auf Hegel zurückführen zu können glaubt. +++ Alles ist im Fluss und Identitätspolitik versucht, den sozialen Laden zusammenzuhalten: Die NZZ bespricht Tristan Garcias Essay „Wir“.

 

Radio

Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Thomas Bernhard, Skandalnudel und Publikumsbeschimpfer No. 1; morgen geht es bei Essay und Diskurs um linke Identitätspolitik und mittags sind Moral und Aufrüstung einige der Themen bei Sein und Streit u.a. mit Andreas Urs und Bettina Stangneth. Über Politik- und Politikerverachtung unterhalten sich Peter Graf Kielmansegg und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5.

 

Das Weitere und Engere

Karl-Markus Gauß beschwert sich in der SZ über die weichgespülte Sprache in harten Zeiten, weil sie den Blick auf die agonale Realität verhüllt. +++ Die NZZ berichtet kurz über das Unbehagen, das in der japanischen Katzenverehrung aufgehoben ist. +++ Der Standard hat ein neues Ressort aufgemacht: Unter „Zukunft“ finden sich diverse kurze Essays zu Themen, die binnen weniger Jahre akut werden könnten. +++ In einem launigen Interview mit dem Freitag erklärt der Jurist Thomas Fischer, was es mit dem Bestrafen auf sich hat, dem er auch ein Buch gewidmet hat. +++ Spektrum wiederum unterhält sich mit dem Psychologen Ulrich Stangier darüber, wie man mit Ungewissheit und Ängsten am besten umgeht.

 

Aus den Wissenschaften

Universitäten brauchen immer mehr nicht-wissenschaftlichen Stabsstellen, um sich fit für den Wettbewerb zu machen. Die FAZ berichtet über eine organisationssoziologische Studie, die die mageren Früchte des bürokratischen Wucherns untersucht. +++ Die FR unterhält sich mit Tim Engartner über die zunehmende Privatisierung der Bildung in Deutschland und Schleichwerbung im Klassenzimmer als deren Folge. +++ Die Lehrerschaft kennt das Problem lesefauler Schüler. Klaus Ruß beschreibt in der FAZ Versuche und Irrtümer des Lesetrainings und des Kontakts zur literarischen Welt. +++ Auch für Oliver Weber im FAZ-Blogseminar wird zu wenig gelesen, und zwar in der Politikwissenschaft, die sich u.a. in Folge der Bologna-Reformen von ihren theoretischen Klassikern abgewandt hat. +++ In Wien untersuchen laut Standard Forscherinnen, ob auch Tiere ein moralisches Empfinden haben können, wie es lange als eigentümlich für den Menschen galt.

 

Trotz Philosophie

Helmut Höge beschäftigt sich auf der Wahrheitsseite der taz mit der hüpfenden Teufelsbohne, über die der Surrealismus zerbrach und den Strukturalismus gebahr. +++ Die WELT stellt William Newcombs Gedankenexperiment vor, wonach verschiedene Rationalitäten bei Entscheidungen eine Rolle spielen. +++ Der 27-jährige Raphael Samuel ist Antinatalist (vgl. LW63) und hat als solcher, wie die taz meldet, seine Eltern verklagt, weil sie ihn ohne sein Einverständnis zur Welt gebracht haben.

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