Links der Woche, rechts der Welt 08/19

Als die Katastrophe noch beherrschbar war

Seit 40 Jahren hätte man vom Klimawandel wissen und etwas gegen ihn unternehmen können, wie Claus Leggewie in der ZEIT erinnert. Für das Verpassen der damaligen Chance eines glimpflichen Übergangs in eine nachhaltige Wirtschaftsweise sind die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie und handfeste Propaganda verantwortlich. (13.02.19)

 

Aus Geschichte Geld machen

Der Historiker Gregor Schöllgen erforscht im Auftrag von Unternehmen und Politikern deren Geschichte und fordert alle Geisteswissenschaften auf, sich als „Dienstleister“ nützlich machen. Olaf Przybilla, Uwe Ritzer und Willi Winkler widersprechen ihm in der SZ, auch wenn sie wissen, was Schöllgens Kritiker blüht. (15.02.19)

 

Grenzfälle denkmöglicher Rechtssubjekte

Im feministischen und postkolonialen Diskurs geht es um Identität und Rechte. Die Verbindung der beiden Topoi bedroht den politischen und wissenschaftlichen Rechtsbegriff, so die Kritik, die Christian Geyer in der FAZ zusammenfasst und seinerseits kritisch beleuchtet. (17.02.19)

 

Mut zum Nichtlesen und Schweigen

Der Literaturbetrieb scheint seine Skandale nur fürs Feuilleton zu inszenieren. Dafür, entsprechend kalkulierte Neuerscheinungen einfach mal zu ignorieren, Nerven zu schonen und kostbare Lebens- und Lesezeit besser zu verwenden, plädiert Johannes Franzen in der ZEIT und gibt auch gleich einige Tipps, wie ein lektüreunwürdiges Krawallbuch zu erkennen ist. (17.02.19)

 

Eure Not interessiert die Philosophie nicht

2007 ist Richard Rorty als Verteidiger der magischen Verbindung von Demokratie und Kapitalismus verstorben und die NZZ bringt eines seiner letzten Interviews mit Robert P. Harrison über Metaphysik und Realität, über das Unbehagen in der Welt und das liberale Wesen, an dem ebenjene zu genesen habe. (17.02.19)

 

Mit Kugeln und Bibel gegen die linke Weltverschwörung

Brasilien hat seit Jahresbeginn also einen Präsi, der nicht mehr rechtspopulistisch, sondern offen faschistisch ist. Philipp Lichterbeck schreibt im Tagesspiegel über den Kulturkampf des Jair Bolsonaro gegen die Künstlerszene seines Landes und welchen verhängnisvollen Beitrag ein Youtube-„Philosoph“ dazu leistet. (19.02.19)

 

Mistgabeln sind immer eine Alternative

Der Freitag bringt einen Essay von Alessandro Baricco, der mit viel Fett- und Großdruck erklärt, warum der Hass auf die Eliten (= „alle mit mehr als 500 Büchern zuhause“) sich derzeit die Bahn bricht und der soziale Pakt, der ihnen ihre Privilegien gönnte, vollkommen zu Recht gekündigt wurde. (20.02.19)

 

Lieber sterben als darüber reden

Bei Spektrum beschäftigt sich Yasmina Banaszczuk mit dem Suizid-Paradox: Frauen versuchen häufiger, sich umzubringen, Männer sind dabei häufiger „erfolgreich“. Die bei Männern ausgeprägtere Sterbeabsicht habe demnach viel mit der Geschlechterrolle des harten Kerls zu tun, der alles mit sich allein ausmacht. (20.02.19)

(Photo: Michael Gaida, pixabay.com, CC0)

Bücher

In Berlin wird an der Kritische Ausgabe von Werk und Nachlass Walter Benjamins gearbeitet, aus und in der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ mit gut 1.000 Seiten Text und Kommentar erschienen ist, wie der Tagesspiegel meldet. +++ Auch der Freitag zeigt sich wenig überzeugt von Francis Fukuyamas Buch darüber, wie linke Identitätspolitik den Rechtspopulismus groß und die Demokratie gefährdet gemacht habe. +++ Wieso sind nicht alle Juden sofort nach Hitlers Machtergreifung emigriert? Julius H. Schoeps beschäftigt sich in „Düstere Vorahnungen“ mit der jüdischen Haltung in den ersten drei Jahren der NS-Herrschaft, die taz stellt das Buch vor. +++ Mit dem Glanz und Elend des Expertentums befasst sich Caspar Hirschis Buch „Skandalexperten, Expertenskandale“, das von der NZZ vorgestellt wird. +++ Apropos Glanz und Elend: Ebenda bespricht Jürgen Nielsen-Sikora Achim Haugs „Reisen in die Welt des Wahns“, das kuriose Fallbeispiele mit einer Geschichte der Psychiatrie verbindet.

 

Radio

Darüber, wie man wird, wer man ist, unterhalten sich Ann-Kathrin Banser und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Nebelschwaden, waber waber: Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über das Moor und morgen befasst sich Michael Reitz in Essay und Diskurs mit dem rechtsphilosophischen Denken Carl Schmitts, das in NS-Rassegesetzen ebenso wie im Grundgesetz Einfluss hatte. Mittags geht es bei Sein und Streit besonders um Karl Jaspers.

 

Aus den Wissenschaften

Falls Sie bei der Steuererklärung tricksen wollen, sollten Sie das benfordsche Gesetz über die Normalverteilung von Ziffern in großen Zahlenmengen kennen. Florian Freistetter erklärt bei Spektrum, was es damit auf sich hat. +++ Diese Woche fand in Köln die Bildungsmesse didacta statt, auf der Massive Open Online Courses (MOOCs), also internetbasierte Bildungsangebote groß dran waren und über die die FAZ berichtet. +++ ZEIT Campus unterhält sich mit Armin Grunwald über Verantwortung und die ethischen Grenzen der Forschung bei Gentechnik, Atombombe, KI und Verbrennungsmotor. +++ Die FAZ kommentiert die politisch-korrekte Beeinflussung von Wissenschaft u.a. anhand einer Siegener Vorlesungsreihe, zu der neurechte Geisteswissenschaftler eingeladen waren.

 

Schöne Neue Welt

Das Internet ist überall und durchdringt jeden Lebensbereich, komisch jedoch, wie wenig wir darüber wissen und debattieren, so wundert sich der Informatiker Christoph Meinel bei Spektrum. +++ Wenn Sie regelmäßig im Buchladen einkaufen, haben Sie vielleicht noch nie von KNV gehört, aber indirekt kräftig mit dem Barsortimenter zu tun gehabt. Darüber, was dessen Insolvenz für die Verlagslandschaft bedeutet, unterhält sich die WELT mit dem Verleger Klaus Schöffling. +++ Hinter der Forschungsorganisation Open AI stecken allerhand illustre Gestalten des Silicon Valley, die mit großem Brimborium auf dem Weg zu einer allgemeinen Künstlichen Intelligenz weitergekommen sein wollen, wie in der FAZ zu lesen ist. +++ Die taz unterhält sich mit Ulrich Schade über sein selbstlernendes Programm, das Fake News anhand der Orthographie identifizieren soll. +++ Die Bundeswehr könnte sich ruhig mal in die Debatte um die Rückkehr des Wolfs einbringen, denn zum einen hat sie ihren ollen Geländewagen nach dem Beutegreifer benannt, zum anderen fühlt sich Isegrim auf Truppenübungsplätzen wohler als im Naturschutzgebiet, wie die ZEIT meldet.

 

PEGIDA in Gelb?

Manch einer hat hinter den Gelbwesten schon den militanten Arm des ADAC vermutet. Nun, da die Proteste in Frankreich auch antisemitische Beschimpfungen enthalten und den irgendwie hineingeratenen Alain Finkielkraut bedrohen, haben unsere Nachbarn die Nase voll davon, wie die FR meldet und die weiteren antisemitischen Zwischen- und Ausfälle der letzten Tage aufzählt. Die FAZ sammelt die Reaktionen aus der französischen Politik und die WELT hat (von Politico) eine praktische Übersicht der acht verschiedenen Typen von Gelbwesten übernommen. Der Standard unterhält sich mit Denis Peschanski über die Anfälligkeit von Bewegungen wie den Gelbwesten für Verschwörungsdenken, während Guillaume Paoli im Freitag die verschiedenen Quellen aufzählt, aus denen sich der Antisemitismus in Frankreich speist.

 

Trotz Philosophie

Aus eigener Anschauung berichtet Christoph Jehle bei Telepolis, warum fernöstlichen Gesellschaften Glaubwürdigkeit wichtiger ist als das rationale Argumentieren mit wahr und falsch, wie man es in Europa seit Platons Tagen pflegt. +++ Das Grab von Karl Marx in London ist zum wiederholten Mal geschändet worden, wie die FR meldet. +++ Eigentlich sollte Günther Anders Karl Löwiths „Von Hegel bis Nietzsche“ verreißen, aber die Rezension ist erst jetzt im Nachlass wieder aufgetaucht, wie die SZ meldet. +++ Zu seinem 175. Geburtstag würdigt der Standard den Physiker und Schopenhauerbeschimpfer Ludwig Boltzmann, der in so mancher Hinsicht auf wissenschaftlichen Schwellen stand. +++ Ulrich Johannes Schneider wiederum erinnert in der SZ kurz an den Vortrag „Was ist ein Autor?“, den Michel Foucault vor 50 Jahren hielt. +++ Die FR portraitiert den kommissarischen Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Ferdinand Sutterlüty, der sich vor allem mit Gewalt, Kriminalität und Radikalismus befasst und auf eine Nachfolgerin hofft. +++ Der Frühling macht uns zu Philosophen, jubelt die NZZ und freut sich auf eine neue Liebschaft. Viel Glück.

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