Links der Woche, rechts der Welt 47/18

Wie spricht und denkt man heute als Philosoph?

Holm-Uwe Burgemann und Dominik Erhard haben für Prä|position ein ausuferndes Interview mit dem Heidegger-Herausgeber Peter Trawny geführt. Es geht u.a. um Heimat und Entfremdung, die daraus resultierende schwierige Attraktivität dieses Denkens für neue Rechte und wie man als Philosoph damit umgehen soll.

 

Wir wollen mehr Dromokratie wagen

Adrian Lobe sucht in der SZ u.a. mit Paul Virilio und der Pariser Bürgermeisterin nach einer neuen Perspektive auf den Abgasskandal: Die übermotorisierten Giftschleudern sind eine Blackbox, ein rollendes Wohnzimmer oder Computer auf Rädern – und ihre je eigene ontologische Festlegung bestimmt den politischen Umgang mit dem Auto. (17.11.18)

 

Nach dem Summer of Love kommt der Winter

Die sogenannten 68er haben Deutschland verändert und kommen nun in die Jahre. Wolf Reiser fragt sich bei Telepolis launig, ob sie auch die deutsche Begräbniskultur radikal auf den Kopf stellen werden und schaut sich bei Trauerspezialisten und auf Friedhöfen in Bayern um. (17.11.18)

[Vom Leben, Lieben und Sterben eines 68ers handelt übrigens auch Martin Gohlkes Roman „Im Bauch der Titanic“.]

 

Die eine Frau in der Quantenwelt

Für Telepolis portraitiert Lars Jaeger die auch unter Fachleuten „vergessene Pionierin der Quantenphysik“ Grete Hermann (1901–1984), die als Erste und mit Immanuel Kant im Gepäck den Fehlern auf die Schliche kam, die den großen Fachmännern in der Debatte um die Quantenwirklichkeit unterlaufen waren, und die später am Godesberger Programm mitschrieb. (18.11.18)

 

Das Universum ist ein Quantenautomat

Der niederländische Physiker Gerardus ‘t Hooft erklärt im Spektrum-Interview, was wir über die subatomare Welt und die Naturkonstanten wissen, wie wenig das ist im Vergleich zu dem, was wir darüber nicht wissen, warum mancher bei der Suche nach der Weltformel ungeduldig wird sowie was die Quantenmechanik für Freiheit und Wirklichkeit bedeutet. (19.11.18)

 

Der Mensch bleibt ein Sorgenkind

In der SZ denkt Markus C. Schulte von Drach über die Polarisierung der Gesellschaft und scheinbar zunehmenden Extremismus nach. Verstehen heißt nicht rechtfertigen und so verfolgt er Fremdenfeindlichkeit bis in die archaischen Reflexe, die den Menschen zwischen Neugier und Angst vor Kontrollverlust pendeln lassen. (19.11.18)

 

Die Aufklärung ist nicht utilitaristisch

Steven Pinkers These, dass trotz aller schlechten Nachrichten alles der Aufklärung sei dank besser würde, behagt nicht jedem. Karim Bschir gibt in der NZZ zu bedenken, dass Pinkers Statistiken nur quantitative Verbesserungen abbilden und sein rein konsequenzialistischer Aufklärungsbegriff keine normative Kraft hat. (20.11.18)

 

Das Pornographische ist das Politische

Die Rhetorik und Ästhetik der Alt-Right-Bewegung in den USA (wie die anderer Autoritarismen) ist eigentümlich durchsetzt mit pornographischen Verunglimpfungen, wie Klaus Walter in der taz bemerkt und einige Beispiele anführt für die barbarische, aber effektive Mische aus Rassismus, Homophobie und Sexismus. (21.11.18)

(Photo: TheDigitalArtist, Pete Linforth, pixabay.com, CC0)

Bücher

Anne Dufourmantelle plädiert in ihrem poetisch-leichten „Lob des Risikos“ für Ataraxie, Ungehorsam und Leidenschaft – der Freitag bespricht das Buch der Philosophin, die 2017 zwei Kinder vorm Ertrinken rettete und dabei ums Leben kam. +++ Die SZ rezensiert Alexander Demandts Marc-Aurel-Biographie, die Helmut Schmidt gewidmet und nicht von der „Vervonstorchung des Gemüts“ ihres Verfassers betroffen ist. +++ Nichtrechthabenwollen ist eine Kunst, für die Martin Seel in seinem neuen Buch mit anregenden Gedankenspielen wirbt, was der ZEIT gut gefällt. +++ Der Standard macht sich nach der Lektüre der Denktagebücher 2011-13 etwas Sorgen um Peter Sloterdijk und lobt Walter Schüblers Biographie des Stegreifphilosophen Anton Kuh.

 

Bild und Ton

Die FR ist beeindruckt von der Doku „Klimafluch und Klimaflucht“ (nur noch bis Montag in der arte-Mediathek), in der Thomas Aders die Destabilisierung des Klimas als selbst verschuldete Katastrophe und die Fluchtursache der nächsten Zukunft zeigt.

Von Hans Blumenberg gibt es wenige Photos, erst recht keine Filmaufnahmen, weswegen die FR ganz zufrieden damit ist, wie Christoph Rüter in seiner Blumenberg-Doku „dem unsichtbaren Philosophen“ nachspürt, indem er Zeitzeugen und Wirkungsorte abklappert.

Schwer begeistert zeigt sich die ZEIT von Philip Grönings Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, dessen Protagonisten nach einer Überdosis Bier, Augustinus und Heidegger in die Wildnis ausbrechen und den Faschismus finden:

Über den Gehorsam als vermeintliche Tugend diskutieren Mathias Wirth und Jürgen Wiebicke beim Philosophischen Radio des WDR 5. Bei Essay und Diskurs im DLF geht die Reihe zur Sprachkritik weiter: Nachdem Anatol Stefanowitsch letzte Woche die Notwendigkeit politisch korrekter Sprache erläutert hat, plädiert Svenja Flaßpöhler für Zurückhaltung in der Orthographie und Éntschlossenheit beim Begriff der Weiblichkeit. Fortsetzungen auch bei Sein und Streit, wo Peter Sloterdijk über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit doziert.

 

Schleiermacher 250

In diesen Tagen feiern Friedrich Schleiermachers biologische und geistige Nachfahren seinen 250. Geburtstag. Der Tagesspiegel erinnert an die wichtige Rolle, die Schleiermacher bei der Gründung der Berliner Humboldt-Uni gespielt hat. In der FR würdigt Anne Käfer Schleiermacher als evangelischen Antifundamentalisten, der sich produktiv mit Kant und den Schlegel-Brüdern auseinandersetzte. Friedrich Wilhelm Graf portraitiert Schleiermacher in der FAZ als Erziehungstheoretiker, dessen pädagogischer Ethos zum Geburtshelfer des modernen bürgerlichen Individuums wurde.

 

Das Weitere und Engere

Aus den Wissenschaften: Florian Freistetter stellt bei Spektrum ein Modell vor, das gekoppelte Differenzialgleichungen anschaulich macht, indem das Liebesdrama um Romeo und Julia in Formelform gebracht wird. +++ Die FAZ erinnert daran, wie vor 50 Jahren rund um den Soziologen Helmut Schelsky im provinziellen Rheda-Wiedenbrück der geistige Grundstein der Uni Bielefeld gelegt wurde. +++ Die Psychoanalyse fristet an den Universitäten ein Schattendasein. Die FAZ hört sich um, ob die geplante Reform der Psychotherapeutenausbildung etwas daran ändern könnte. +++ Das Blogseminar der FAZ gibt einige Tipps, wie sich die Resilienz im Studium steigern lässt.

Unschöne neue Welt: Das Unbehagen in der Onlinekultur wächst unter Jugendlichen, wie jüngst eine Studie feststellte. Auch Wilhelm Schmid meint in der NZZ einen Gegentrend zur technischen Entgrenzung – hin zum Anfassbaren als dem „Echten“ – zu beobachten – ohne die ökonomisch kolonialisierte Regression zu benennen, die dahintersteckt. Seltsam auch, wie verständnisvoll die NZZ über Prepper nachdenkt, die sich auf den Zusammenbruch der Zivilisation vorbereiten.

Kunst und Werk: Computerspiele sind auf dem Weg, eine eigene Kunstform zu werden, und die noch bis Februar laufende Ausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum, von der die FAZ berichtet, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. +++ Das Jüdische Museum in Wien zeigt eine Ausstellung zur Kabbala und ihrem Einfluss auf die Populärkultur und der Standard empfiehlt einen Besuch.

Trotz Philosophie: Die ZEIT meldet, man habe vermutlich den Leichnam und das Grab von Michel de Montaigne gefunden. +++ Mit wenigen Zeilen setzte Platon den Atlantis-Mythos in die Welt, dessen bis heute währende Blüte die SZ rekapituliert. (Der Text wurde hier schon vor fünf Wochen verlinkt, ist aber anscheinend erneut bei der SZ „aufgetaucht“.) +++ Der Freitag unterhält sich mit Christian Neuhäuser u.a. über Reichtum als moralisches Problem. +++ Telepolis bringt einen Auszug aus Gesprächsband von Noam Chomsky und Emran Feroz, worin es u.a. um die militarisierte US-Außenpolitik geht. ++++ Die FAZ rätselt, ob Bertolt Brecht einen Satz seines Galileis über die Ewigkeit geometrischer Wahrheiten von Hobbes oder Descartes hat. +++ Geilo, letzte Woche war ja wieder Welttag der Philosophie und die WELT ließ es sich nicht nehmen, mit einer überladenen Trash-Version der vermeintlichen Kernaussage der cartesischen Meditationen darauf hinzuweisen. +++ Alles und jedes hat heute „seine“ „Philosophie“, weshalb Matthias Warkus in seiner Spektrum-Kolumne mal klarstellt, was der Unterschied zu Philosophie ist.

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