Links der Woche, rechts der Welt 48/18

Der Weg zur Promotion

Na, Bock auf ein „Dr.“ am Klingelschild? Katja Bosse hat für ZEIT Campus ein ABC der Promotion zusammengestellt, das von A wie „Anfangen“ über K wie „Krise“ bis Z wie „Zukunft“ alles in gebotener Kürze behandelt – auch die Frage, woher das Geld für ein mehrjähriges Dissertationsvorhaben kommen soll. (24.11.18)

 

Ist das Leben zumutbar?

Kinder in die Welt zu setzen ist von der natürlichsten Sache der Welt zur kompliziertesten geworden, wie Barbara Bleisch und Eva Weber-Guskar in der NZZ bemerken. Die Gründe sind keine Selbstverständlichkeit mehr, die Motive sind fragwürdig geworden und angesichts des Klimawandels bliebe nur noch Hoffnung auf und für kommende Generationen. (25.03.18)

[Unter anderem um den Antinatalismus geht es übrigens auch im aktuellen Lichtwolf zum Thema „Genozid für Fortgeschrittene“.]

 

200 Jahre Wille und Vorstellung

Vor zweihundert Jahren ist „Die Welt als Wille und Vorstellung“ erschienen und Schopenhauer-Biograph Rüdiger Safranski würdigt den Denker in der NZZ als einen, dessen Erkenntnisse aktuell und trivial erscheinen mögen, weil sie einer letzten Metaphysik abgerungen sind. Man beachte die komische Bemerkung zur Sarrazin-Debatte… (25.11.18)

 

Im Regenwald nichts Neues

Die Scheiße hat den Ventilator getroffen und Brasilien sich mit Jair Bolsonaro einen faschistoiden Präsi gewählt. Oliver Precht schreibt in der ZEIT über die Abgründe Brasiliens, die dem europäischen Beobachter oft fremd sind, und warum wir uns dafür interessieren sollten, was sich da jenseits des Atlantik zusammenbraut. (26.11.18)

 

Das Spiel als Akteur-Netzwerk

Die beliebte Computerspielreihe Grand Theft Auto bildet Aspekte der US-amerikanischen Kultur und Gesellschaft ab und ist – wofür Sören Schoppmeier u.a. mit Bruno Latour im Hypotheses-Blog Spiel-Kultur-Wissenschaften argumentiert – ein prägender Teil von ihr. (26.11.18)

 

So war es nicht, doch so ist es besser

Viele psychische Störung sind mit quälenden Erinnerungen („Intrusionen“) verbunden. Christiane Gelitz schreibt bei Spektrum über einen neuen psychotherapeutischen Ansatz, bei dem die belastende Erinnerung kraft der Phantasie umgeschrieben wird. (30.11.18)

 

Irgendwas mit Genen

Nachdem diese Woche ein chinesischer Forscher bekannt gab, von einer Frau genmanipulierte Zwillinge austragen zu lassen, ist die Genbastelei noch mehr in Verruf als ohnehin schon. Andrian Kreye blickt in der SZ darauf, wie die Disziplin längst mehr Geschäft als Wissenschaft geworden ist. (30.11.18)

 

Bücher

Derzeit verschicken die Verlage ihre Programmvorschauen (darum wohl auch so viele Rezis) und Mely Kiyak beschreibt in der ZEIT das aus den Katalogen heraus brüllende Nichts an Gesellschaftskritik, Vision und Utopie. +++ In der WELT erklärt Denis Scheck, warum der „römische Hass-Dichter“ Catull als Battlerapper avant la lettre in seinen Kanon gehört. +++ Der Freitag rezensiert Band 1 von Wilhelm Heitmeyers neuer Langzeitstudie über „Autoritäre Versuchungen“ und „Signaturen der Bedrohung“ durch die rohe Bürgerlichkeit der Ellenbogenmitte. +++ Dem heutigen Sicherheits- und Kontrollwahn erscheint Risikobereitschaft wie Heldenmut oder Wahnsinn, diagnostiziert Anne Dufourmantelle in ihrem „Lob des Risikos“, das von der NZZ besprochen wird. +++ Die ZEIT entdeckt in Alexander von Schönburgs „Kunst des lässigen Anstands“ „eine Art modernen Tugendkatalog“ und christlich-moralischen Trainingsleitfaden. +++ Ausführlich bespricht der Freitag Bernd Stegemanns postmodern fundierten Appell an Linke und andere Nichtrechte, sich von ihrem Moralismus zu befreien, um wieder diskurs- und politikfähig zu werden. +++ Martin Mulsow hat zwischen 1680 und 1720 verfasste Schriften analysiert, die sich mit der Religion zwischen Vernunft und Aberglaube auseinandersetzten und der Aufklärung damit den Weg bereiteten, und die taz bespricht das zweibändige Werk. +++ Jede Menge Rezensionen in der SZ: Anton Kuh war ein witziges Großmaul der Wiener Kaffeehaus-Moderne und bissiger Karl-Kraus-Antagonist. Möge die von Walter Schübler verfasste und in der SZ besprochene Biographie seiner Wiederentdeckung dienen. +++ Der Soziologe und Podemos-Mitbegründer César Rendueles fragt sich in seinem neuen Buch, warum wir den „Kanaillen-Kapitalismus“ einfach so hinnehmen, und die SZ kann sich nicht zu einem Verriss entschließen. +++ Den menschliche Hang zu Kategorien und Stereotypen will Jörg Bernardy mit seinem an Jugendliche gerichteten Buch „Mann Frau Mensch – Was macht mich aus?“ unterlaufen und die SZ findet es unaufgeregt und anregend zugleich. +++ „Kultur ist nicht Zustimmung, sie ist Protest“, so lautet für die SZ die Moral des von Sarhan Dhouib herausgegebenen Sammelbands über die Sprache unter diktatorischer Zensur. +++ Außerdem stellt die SZ die zwischen 1932 und 1994 verfassten Briefe Elias Canettis vor, die ihn nicht immer sympathisch wirken lassen.

 

Bild und Ton

Die FAZ weiß nicht so recht, was sie von dem intellektuellen Roadmovie über bzw. zu Hans Blumenberg halten soll.

Unsere Leserschaft wird wohl nie das Vermögen anhäufen, zu dessen Bewältigung es eines Butlers bedarf, drum könnte die Lange Nacht über den Butler heute ab 23:05 Uhr im DLF umso interessanter sein. Ebendort schließt bei Essay und Diskurs die Reihe zur Sprachkritik mit einem Gespräch zwischen Daniel-Pascal Zorn und Frank Kaspar über die Debattenkultur in Germany. Bei Sein und Streit im DLF geht es morgen Mittag ausführlich um Hannah Arendt.

(Photo: StockSnap, pixabay.com, CC0)

Die letzten Tage des Patriarchats

20 bis 30 % aller Frauen über 15 erfahren mindestens ein Mal im Leben körperliche Gewalt. Zum Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen letzte Woche ging die Meldung herum, dass alle drei Tage eine Frau von ihrem Mann oder Ex umgebracht wird. Der Standard beantwortet die Frage, warum Frauen in einer toxischen Beziehung bleiben und nur spät oder gar nicht Hilfe suchen oder gar Anzeige erstatten, mit einer Schilderung der psychosozialen Gewalt, die Opfern den Mund zuhält. Zahlen (Statistiken und Telephonnummern) gibt es auch beim Bundesfamilienministerium. Claudia Baer dagegen schreibt via NZZ ihren Geschlechtsgenossinnen ins Stammbuch, Pauschalisierungen wie „toxische Maskulinität“ und #MenAreTrash seien geschlechtsspezifische Diskriminierung und frau könne sich ja gegen Belästigungen wehren.

 

Das Weitere und Engere

Aus den Wissenschaften: Die SZ berichtet über eine Untersuchung des frühkindlichen Spracherwerbs, derzufolge Babys Grammatikfehler schon erkennen, wenn sie den Inhalt noch gar nicht verstehen können. +++ Auch Tiere sprechen, weshalb Spektrum eine zweiteilige arte-Doku über die Eloquenz der Tiere und der Menschen empfiehlt. +++ Eine neue Akademikerschwemme rollt an und der Tagesspiegel untersucht – mit Fokus auf MINT-Fächer –, ob die Rekordzahl von Studierenden Fluch oder Segen ist.

Künstliche Intelligenz: Bei autonomen Waffensystemen sind laut SZ die Rollen klar verteilt: Staaten, in denen sie eingesetzt werden, sprechen sich für die Ächtung aus, während diejenigen, die sie entwickeln, moralische Bedenken simulieren. +++ Wie Schulkinder suchen selbstlernende Algorithmen nach dem einfachsten Weg, um an ihre „Belohnung“ zu bekommen, mit einigen kuriosen Ergebnissen, die die SZ gesammelt hat. +++ Der Wirtschaftsethiker Andreas Brenner hält in der NZZ kurz fest, dass Maschinen keine Ethik brauchen, weil sie kein Bewusstsein haben. +++ In Sachen KI-Forschung prescht China vor, während man in Deutschland noch Pläne und Prozesse diskutiert, wie Lars Jaeger bei Telepolis feststellt.

Die Unordnung der Dinge: Eine Ausstellung im Wiener Belvedere 21 widmet sich unter dem Titel „Der Wert der Freiheit“ dem wichtigsten und derzeit gefährdetsten Gut der Aufklärung. Der FAZ dröhnt der Schädel ob der Vielzahl antikapitalistischer Installationen. +++ Roland Kipke denkt bei Telepolis über die neurechte Lust an der Revoluzzerpose und ihre rhetorischen Legitimierungsstrategien nach. ++ Ebd. gibt es einen Auszug aus Jürgen Links „Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne“ – worin er eine Theorie der bedrohten Normalität und ihres Abrutschens in den Konflikt entwickelt.

Trotz Philosophie: Paul Virilio ist bereits am 10. September gestorben, nun bringt Daniela Kloock bei Getidan ihren Nachruf auf den Dromologen und Urbanisten. +++ Die taz blickt mit Roland Barthes auf die Strategien, wie sich Billigbiere auf dem schrumpfenden Markt zu behaupten versuchen. +++ Die FAZ macht sich launige Gedanken darüber, warum Philosophen wie Propheten gerne Bart tragen. +++ Außerdem stellt die FAZ eine soziologische Studie über das Betteln vor, bei dem irgendeine Dienstleistung angeboten oder aufgedrängt wird – was die Sache erstaunlich kompliziert macht. +++ Ambros Waibel denkt in der taz darüber nach, wie sich einstige Kinder und ihre Beziehung zu den Altvorderen verändern, wenn die Eltern immer älter werden. +++ Bei Glanz & Elend stellt sich Peter Trawny vor, wie sich Ernst Jünger und Georg Lukács 1932 in Berlin begegnen und was sie sich zu sagen haben. +++ Russland lässt über die Namen von neuen Flughäfen abstimmen und der Favorit unter den Namensgebern in Kaliningrad ist Immanuel Kant, was die FAZ kichernd kommentiert.

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