Links der Woche, rechts der Welt 41/18

Nomos und Oikos im Spätkapitalismus

Die ZEIT bringt einen Essay von Oliver Schlaudt über das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatsphäre in einer vom Markt bestimmten Gesellschaft. Schon die Frage, ob der Markt eine öffentliche oder private Angelegenheit ist, zeigt, dass den Verhältnissen nicht mit einfachen Dichotomien wie „Gemeinwohl vs. Privatinteresse“ beizukommen ist. (07.10.18)

 

Bloß schnell weg hier!

Frank Jödicke fragt sich bei Telepolis anhand aktueller Beispiele, warum es schwerreiche IT-Unternehmer, Oligarchen und Demagogen in den Weltraum zieht. Die Antwort (die auch Marc Hieronimus in LW63 en passant gibt): Es handelt sich um Subventionsbetrug in Verbindung mit Doomsday-Prepping für die Wohlhabenden – und wird wohl nix. (07.10.18)

 

Deutschland kranker denn je

Die Frage, ob immer mehr Menschen psychisch gestört sind, ist keine rein akademische, sondern hat politische und wissenschaftliche Auswirkungen, die Stephan Schleim bei Telepolis untersucht. Dabei gelte es zunächst einmal zu klären, was „normal“ oder „viel“ heißt und wie sich der Kapitalismus in der Diagnostik bemerkbar macht. (08.10.18)

 

Die Eckkneipe im künstlichen Auge

Marc Ottiker hat eine Bekannte, die in einem überraschend normal wirkenden Start Up den Maschinen das Lernen beibringt und einen Chef hat, der sowohl Informatik als auch Philosophie studiert hat. Ottiker schaut sich für den Freitag dort um und fragt sich, wie sich Roboter irgendwann in Wohnzimmern umsehen werden. (09.10.18)

 

Woher kommt das ganze Geld?

Geldschöpfung ist ein großes Wunder, vor dem auch die Finanzexperten staunend erstarren. Benjamin Braun erklärt in der FAZ, was es mit Währungsreserven, Geldwert und Zentralbanken auf sich hat und warum Schulbücher bis neulich das System völlig falsch darstellten. (09.10.18) [Dazu passend sei das DLF-Feature „Money from nothing“ empfohlen.]

 

Metaphysisches Grundvertrauen

Die NZZ beschäftigt sich im Oktober mit dem Vertrauen und hat mehrere Essays dazu, unter anderem Thomas Ribis Aufsatz über die Unmöglichkeit totalen Misstrauens. Es ist nur eine Ausnahme vom Grundvertrauen, ohne das man nicht einmal das Bett verließe, und sinnvoll noch dazu. (12.10.18)

 

Sachlich und treu bleiben

In der gleichen NZZ-Reihe befragen Marie-José Kolly und Tobias Ochsenbein den als Vertrauensexperten annoncierten dänischen Philosophen Vincent F. Hendricks u.a. zu dem Misstrauen, das Wissenschaft und Journalismus entgegengebracht wird, und was Aufmerksamkeitsökonomie und Aberglauben damit zu tun haben. (12.10.18)

 

Bücher, Bücher, Bücher

Ganz begeistert ist Spektrum von Alexander Demandts Biographie über Marc Aurel, die den Zwiespalt zwischen philosophischem Ideal und politischem Pragmatismus lebendig werden lässt. +++ Der Tagesspiegel schwärmt von Jan Assmanns neuem Buch als „epochalem Werk“, weil es die Weltgeschichte aus Feldherrenperspektive in den Blick nimmt und darin „Achsenzeit“ (so der Titel) ausmacht. +++ Die SZ stellt Elisabeth von Thaddens Buch „Die berührungslose Gesellschaft“ vor, worin es um unser Verhältnis zur (Mit-)Körperlichkeit und um die technischen Surrogate für menschliche Nähe geht. +++ Die Historikerin Ulinka Rublack hat ein Buch über den Hexenprozess gegen Johannes Keplers Mutter geschrieben und erklärt im FR-Interview, was die gute Quellenlage über diesen Prozess und die Hexenverfolgung überhaupt verrät. +++ Die ZEIT rezensiert Angela Nagles Buch „Die digitale Gegenrevolution“, das den Erfolg Trumps auf die Internet-Subkultur der neurechten Trolle zurückführt, die sich in der Ablehnung eines angeblich linksliberalen Mainstreams einig ist. +++ Die Zeitschrift „agora42“ will seit 2009 Ökonomie und Philosophie zusammenbringen, erntet vom Tagesspiegel dafür aber nur ein laues „Meh.“

(Photo: nile, pixabay.com, CC0)

Zur Buchmesse

In Frankfurt findet mal wieder irgendeine Buchmesse statt. Die taz berichtet resigniert über die Regression, die dort mit Händen zu greifen ist. Einziger Lichtblick: Der Satiriker Martin Sonneborn tauchte bei der Buchvorstellung des AfD-Politikers Björn Höcke verkleidet als Hitler-Attentäter auf, wie die WELT meldet. Die festigt ansonsten ihren Ruf als scheinkultiviertes Regressionsblatt, indem es „zum Mitreden“ die 20 „wichtigsten“ Bücher in nur einem Satz erklärt. Früher war alles besser: Rainer Klump und Lars Pilz blicken in der FAZ auf die Frankfurter Buchmesse 1564, bei der Leonhard Fronsperger lange vor Adam Smith den neuen „Geist des Kapitalismus“ begründete.

 

Radio

Der Sein & Zeit-Podcast biegt auf die Schlussgerade ein und ist bei § 81 über Innerzeitigkeit und den vulgären Zeitbegriff angekommen. Im DLF kommt heute ab 23:05 Uhr die Lange Nacht über Familiengeschichten in Umbruchzeiten, namentlich die Jahre 1949, 1968 und 1989. Sein und Streit wird morgen von der Buchmesse aus gesendet und beschäftigt sich mit philosophischen Neuerscheinungen.

 

Das Weitere und Engere

Trotz Philosophie: Platon konnte nicht ahnen, seine Bemerkungen über eine versunkene Stadt würden die Nachgeborenen mehr beschäftigen als seine Philosophie: Die SZ bringt eine kurze Kulturgeschichte von Atlantis. +++ Die NZZ wundert sich, warum es an den Lebensstationen Friedrich Nietzsches kein gescheites Denkmal des Philosophen gibt, obwohl oder weil er zu den ästhetisch anregendsten Denkern gehört.

Aus den Wissenschaften: Die taz hat zum Semesterbeginn einige der vielen Erstis begleitet, die kein Obdach finden, und schreibt, wie Politik, ASten und Studierendenwerke auf die Wohnungsnot reagieren. +++ Mexiko-Stadt hat mit der Nationalen Autonomen Universität eine akademische Stadt in der Stadt, die von studentischen Besetzern selbst verwaltet wird, wie der Standard berichtet. +++ Im Video-Interview mit der FAZ plädiert Sarah Spiekermann-Hoff dafür, Ökonomie und Ethik stärker zu verknüpfen und nicht immer nur auf das Allerneueste zu schielen. +++ Florian Freistetter erklärt bei Spektrum den mathematischen Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko. +++ Der Standard berichtet über drei US-Wissenschaftler, die 20 Quatschartikel (u.a. über die Vergewaltigungskultur der Hunde und die Abwertung von Körperfett beim Bodybuilding) in Fachzeitschriften der Kultur- und Geisteswissenschaften untergebracht haben.

Armes Deutschland: Chantal Mouffe erklärt im Interview mit dem Standard, warum ein Linkspopulismus den Ausweg aus der Postdemokratie weisen könnte. +++ Autonation Schland: Die SZ berichtet über den „Glücksatlas“ der Post, demzufolge die Deutschen ganz zufrieden, aber vom Pendeln und vom Straßenverkehr insgesamt wahnsinnig genervt sind.

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