Links der Woche, rechts der Welt 34/18

Das Netz verbindet Gefangene

Danah Boyd hat auf der re:publica 2018 in Berlin einen vielbeachteten Vortrag über die geheime Macht der Algorithmen gehalten, den die Blätter in zwei Teilen bringen. Im ersten geht es ums Hacken der Aufmerksamkeitsökonomie, um die durch KI verschleierte Verantwortlichkeit, ums Schweigen und Verstärken, um Deutungskriege und Ressentiments.

 

Liberal und souverän sein

Die liberale Demokratie ist out, Autoritarismus und „Souveränität“ sind angesagt. Andreas Zielcke schreibt in der SZ über den weltweit aufblühenden „vormundschaftlichen Volksabsolutismus“ und seine Verunmöglichung von Politik, obwohl die mehr denn je zu tun hätte. (18.08.18)

 

Es ist zu spät, also los geht’s!

Die Dürre des Sommers 2018 hat mitnichten zu einem Umdenken in Sachen Klimaschutz geführt. Alexander Mäder fragt sich bei Spektrum, ob es nicht viel zu verführerisch ist, angesichts der dystopischen Zukunft, der dicken zu bohrenden Bretter und der Hilflosigkeit des Einzelnen die Flinte ins Korn zu werfen. Er macht Mut zum Trotzdem, denn den wird es brauchen. (20.08.18)

 

Schluss mit dem Mittelalter!

Der Arabist Thomas Bauer argumentiert in der FAZ ausführlich gegen die Begriffe „Mittelalter“ im Allgemeinen und „islamisches Mittelalter“ im Besonderen: Angesichts der Verflochtenheit und der vielfältigen Transformationen der Alten Welt sind Epocheneinteilungen willkürlich und engen den Blick unzulässig ein. (23.08.18)

 

Macht und pädagogischer Eros

Die Belästigungsvorwürfe eines Doktoranden gegen die New Yorker Germanistin Avital Ronell sind von einer universitären Kommission für stichhaltig befunden worden, nun folgt eine Anklage. Mladen Gladić rekapituliert im Freitag den Fall und welche Art von Machtmissbrauch Ronell vorgeworfen wird. (24.08.18)

 

Ehrenrettung des Neoliberalismus

Nikolaus Piper versucht sich in der SZ an einer Ehrenrettung des Neoliberalismus. Dieser wurde vor 80 Jahren geprägt und leitete u.a. die soziale Marktwirtschaft an. Erst nach Mauerfall und Finanzkrise wurde „neoliberal“ zum Kampfbegriff, was ungerecht ist, da ein Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Rechtspopulismus nicht belegbar ist. (24.08.18)

 

Kein Markt ohne Moral

Auch Karen Horn erinnert in der FAZ an das „Lippmann-Kolloquium“ vor 80 Jahren, auf dem so unterschiedliche Ökonomen wie Hayek, Mises und Polanyi den Neoliberalismus als Gegenstück zu den faschistischen und stalinistischen Wirtschaftsmodellen ringsum begründeten, in denen sie selbstkritisch ein Scheitern der bisherigen liberalen Ökonomie sahen. (24.08.18)

(Photo: geralt, Gerd Altmann, pixabay.com, CC0)

Die Kunst des Alterns

Wer lebt, altert – nur ist es beim Menschen viel komplizierter, weshalb Otfried Höffe in der NZZ für eine Theorie der Alterskunst wirbt, die in der Philosophie schon immer angelegt war und nur wiederbelebt werden muss. Zunächst hieße es, gegen die Ökonomisierung des Daseins Einspruch zu erheben und die Frage nach dem glücklich-gelungenen Leben in allen Alterstufen zu stellen. (24.08.18)

 

Medienstreiche mit Eigenleben

Tomasz Konicz unterhält sich für Telepolis mit dem Künstlerkollektiv Wu Ming, das als Kommunikationsguerilla den Roman „Q“ verfasste, auf dem eine hanebüchene Verschwörungstheorie basiert, die in Trumpistan ein solches politisches Eigenleben angenommen hat, dass selbst die Medientrolle vom Dienst staunend davor stehen. (25.08.18)

 

Die totale Unaufmerksamkeit

Miloš Vec zeigt sich in der FAZ trotz oder wegen bildungspolitischer Medienbegeisterung genervt von Smartphones im Hörsaal, die im Kampf um die Aufmerksamkeit stets triumphieren, sodass allenfalls noch die im Übrigen ansteckende Simulation von Dialog und Ernst gelingt. Überraschenderweise begrüßen auch seine Studis ein Handyverbot. (25.08.18)

 

Götter sterben jahrtausendelang

Harald Stutte hat für die SZ die ewigen Feuer der Zoroastrier im Iran besucht. In der Islamischen Republik erfreut sich Zarathustra wachsender Beliebtheit vor allem unter jungen Iranern, deren Stolz auf ihre vorislamische Kultur und die vernunftbasierte Ethik den Machthabern nicht geheuer ist. (24.08.18)

 

Bücher

„Desintegriert euch!“, fordert Max Czollek in seiner Polemik „aus jüdischer Perspektive“ gegen das allzu deutsche Integrationstheater – für die ZEIT erscheint das Buch zum richtigen Moment. +++ Die taz bespricht Mark Lilla „Der Glanz der Vergangenheit“, worin er in essayistischen Denkerportraits den „Geist der Reaktion“ ergründet. +++ Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ erschien vor genau 100 Jahren auch zum genau richtigen Zeitpunkt, woran die FR erinnert. +++ Didier Eribons neue Bücher erweisen ihn „als Mensch des Ressentiments und Denker der Militanz“, wie NZZ-Feu-Chef René Scheu schimpft. +++ Der Standard bespricht Christian Reders Biographie des Dichters und Philosophen Ali M. Zahma, der uns als „Adorno Afghanistans“ vorgestellt wird. +++ Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers „Ästhetik“ ist neu aufgelegt worden und die SZ lobt die editorischen Mühen, die die Herausgeber auf sich genommen haben. +++ Die NZZ stellt Ferdinand Fellmanns Phänomenologie der Gefühle vor, die Triebkraft und Ergänzung des Verstandes sind. +++ Wie ist die Evolution des Bewusstseins in Genen und Memen vor sich gegangen? Damit beschäftigt sich Daniel C. Dennett in seinem neuen Buch, das von der FAZ munter rezensiert wird. +++ Auch der Freitag bespricht Walter Lippmanns neu aufgelegten Klassiker „Die öffentliche Meinung“, wenn auch mit einigem Argwohn ob dieses Vordenkers des Neoliberalismus (s.o.).

 

Radio

Freundschaft ist das Thema im Gespräch von Jörg Löschke und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5. Nur mit Atemschutz sollte man heute Abend im DLF die Lange Nacht über Braunkohle hören und kann ihn gleich auflassen, da es morgen in Essay und Diskurs um Kreuzfahrten geht. Sein und Streit widmet sich sonntagmittags dann u.a. der Blockchain und Erich Fromm.

 

Das Weitere und Engere

Lichtwolf Nr. 45 („Spielchen“)

Mysteriöse Massenhysterie: Telepolis erinnert an die Ausbrüche von Tanzwut, die zu Beginn der Frühen Neuzeit in Europa auch Menschenleben kosteten. +++ Die SZ war in der Bonner Bundeskunsthalle, wo die Ausstellung „The Playground Project“ die Geschichte, Philosophie und Soziologie von Spiel und Spielplatz ergründet. Gute Nebenlektüre dazu: LW45 zum Titelthema „Spielchen“. +++ Die taz erinnert daran, wie schwer sich westeuropäische Linke mit der stalinistischen Niederschlagung des Prager Frühlings vor 50 Jahren taten. +++ Die SZ weiß diese Woche mit zwei Studien zu verblüffen: Männer können Bewegungen schneller wahrnehmen als Frauen und die schlausten Tiere kratzen zuerst ab, während Doofis es weit bringen können.

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