Links der Woche, rechts der Welt 28/18

Tourismus-Overkill

Das Lob der Urlaubsreise wird schal, wenn man Steffen Vogels Blätter-Essay über den Tourismus in Zeiten von Konsumismus, Beschleunigung und Klimawandel liest. An verschiedenen Beispielen zeigt er, wie der Tourismus das Idyll zerstört, indem er dessen Erholungswerte vermarktet, und wie wenig all das noch mit Fernweh oder Muße zu tun hat.

 

Keine Intelligenz ohne Umwelt

Merleau-Ponty-Leser wissen: Ohne Körper geht es nicht, weshalb Künstliche Intelligenz am ehesten in Robotern zu finden sein wird, deren Körper ähnlich gut verdrahtet sind wie der biologische. Christian Wolf beschreibt bei Spektrum, wie die ersten Maschinen durch körperliches In-der-Welt-sein schlau werden. (02.07.18)

 

Selbstbildnis des Deutschen als Europäer

Letzte Woche erhielt Jürgen Habermas den Deutsch-Französischen Medienpreis. Die ZEIT bringt seine Dankesrede, in der er sich vor allem mit dem deutschen Verhältnis zu Europa beschäftigt. Dabei nimmt er sich das Selbstbild als Retter Europas, das Gerede von „Loyalität“ und „Solidarität“ sowie die Nation als vermeintliche Rettung vorm Kapitalismus vor. (04.07.18)

 

Weiße Christen verkaufen ihre Seelen

Trotz aller Skandale gilt Donald Trump den evangelikalen Christen in den USA als Geschenk Gottes. Paul Simon geht für die ZEIT dem weit verbreiteten christlichen Fundamentalismus nach und beschreibt, zu welcher Bigotterie angst- und hasserfüllte US-Konservative imstande sind, wenn es um Macht geht. (07.07.18)

 

Alles orientiert sich an allem

Helmut Höge denkt in der taz über die Frage nach, ob Tiere Mode kennen, und findet in Roger Caillois’ Theorie der zweckfreien Mimikry den Gedanken, die Natur vollziehe allernorts eine überbordende ästhetische Praxis aus Kunst und Magie. (08.07.18)

 

Gönnen können

In der Spektrum-Reihe über die Todsünden schreibt Theodor Schaarschmidt über den Neid und steigt mit dem Klassiker ein: der ungleichen Bezahlung. Neid ist geächtet und verbreitet, besonders, wenn die Beneidete uns ähnlich ist. Oft hat er Rache und Schadenfreude im Gepäck, aber der Neid kann auch ein guter Ansporn sein. (10.07.18)

 

Philosophen sollen Orientierung geben

Für die FAZ unterhält sich Fachfrau Sibylle Anderl mit dem Stringtheoretiker Robert Brandenberger, der sich von der Philosophie viel für die theoretische Physik erhofft, und zwar vor allem anregende Skepsis und Expertise im Fragen nach Ursprüngen. Aber was wissen wir schon von den „B-Moden in der Polarisation der kosmischen Hintergrundstrahlung“! (11.07.18)

 

Abstand von der Ökonomie des Spektakels

Es wird mehr kommuniziert denn je, dennoch braucht es kaum noch Text: Jeder kann audiovisuell präsent sein und seiner Befindlichkeit mit Symbolen Ausdruck verleihen. Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski sehen in der NZZ hinter dieser überdrehten, manipulierbaren „Anschauung ohne Begriffe“ trotzdem den allgegenwärtigen und distanzierten Text durchscheinen. (11.07.18)

 

Das Leben abarbeiten

Arthur Schopenhauer war Misanthrop und dient Egidius Fitzroy dennoch (oder deswegen) als Leitstern bei der Beratung in Sinn- und Lebensfragen. Fitzroy betreibt eine Philosophische Praxis und ist der übergewichtige Protagonist des neuen Romans von Otto A. Böhmer, aus dem die FR einen Auszug bringt. (13.07.18)

 

Radio

Kosmopolitismus und Kommunitarismus bilden die neuen gesellschaftlichen Bruchlinien, worüber sich Stefan Weidner und Jürgen Wiebicke im Philosophischen Radio des WDR 5 unterhalten. Zu seinem 100. Geburtstag gibt es heute Abend die Lange Nacht über Ingmar Bergman im DLF, wo es morgen früh bei Essay und Diskurs darum geht, wie schwer sich Frankreich mit seinen fragwürdigen Intellektuellen tut. Mittags geht es bei Sein und Streit u.a. ums Helfen und das Grundeinkommen unter Maschinenherrschaft, Precht diskutiert mit Butterwegge.

(Photo: Pexels, pixabay.com, CC0)

Bücher

Fast schon Mitleid empfindet die FAZ für Bernard-Henri Lévy und die Art, wie er seinen Menschenrechtsbellizismus in Buchform zu rechtfertigen versucht. +++ Die NZZ empfiehlt Luc Boltanskis und Arnaud Esquerres Warenkritik mit dem Titel „Bereicherung“ für einen geschärften Blick auf den „Vollkapitalismus“, der sogar die wachsenden Müllberge zu Geld macht. +++ Nicht zufrieden ist die NZZ mit Christopher de Bellaigues Buch „Die islamische Aufklärung“, das zu sehr in die Analogiefalle tappt. +++ Eva Meijer ist Philosophin, Schriftstellerin und Liedermacherin und hat das Buch „Die Sprachen der Tiere“ geschrieben, das sich vor allem an Merleau-Ponty und Wittgensteins Sprachspielen orientiert und von der SZ besprochen wird. +++ Bei Glanz & Elend wird „Postfaktisch“ von Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard rezensiert, die darin kurzweilig die „neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien“ analysieren. +++ Remo Grolimund beschäftigt sich in seinem Hypotheses-Blog mit der Gaia-Hypothese in Bruno Latours neuem Buch, mit der Aussicht, die Welt nicht mehr retten zu können, und mit der zur Apokalypse passenden Hintergrundmusik.

 

Stefan George 150

Zum 150. Geburtstag wird Stefan George, von dem sich die bürgerliche Gesellschaft gern ihr Elend andichten ließ, in der SZ gewürdigt. Die WELT hält sich nicht lange mit biographischen Abrissen auf, sondern legt einige George-Gedichte mitsamt Lesebefehl vor. Dass es im Verehrerkreis um den Charismatiker George sonderbar zuging, ist bekannt, doch wurden in dem Zirkel auch Minderjährige sexuell missbraucht? Thomas Karlauf sammelt in der ZEIT die Indizien. Mit Robert Boehringer in LW36 und Bernhard Maria Victor Graf von Uxkull-Gyllenband in LW57 hat Stefan Rode zwei unterschiedliche und einflussreiche Figuren des George-Kreises portraitiert.

 

Aus den Wissenschaften

Malte Thie studiert Volkswirtschaftslehre und schreibt im Freitag über seinen Frust über das neoklassische Dogma, das kritiklos vom Katheder heruntergebetet wird. +++ Auch die SZ berichtet kurz über das Verfahren gegen Avital Ronell und die Schwierigkeiten der Solidarität bei Belästigungsvorwürfen. +++ Das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment, das den menschlichen Hang zu Autorität und Sadismus belegen soll, scheint weitgehend Theater gewesen zu sein, wie die SZ meldet. +++ Quantencomputer sind nicht nur schneller, sie könnten auch mathematische Probleme lösen, an denen normale Rechner prinzipiell scheitern, wie Telepolis berichtet. +++ Florian Freistetter beschreibt bei Spektrum am Beispiel Alhazens, das muslimische Gelehrte nicht nur antike Texte archivierten, sondern eigenständige Beiträge zur globalen Wissenschaftsgeschichte leisteten.

 

Das Weitere und Engere

Die taz blickt ein Jahr nach dem G20-Gipfel in Hamburg zurück auf die noch immer schwärenden Wunden der dortigen Staats- bzw. Polizeigewalt. +++ Diese Woche gab es einen antisemitischen Angriff auf einen israelischen Philosophie-Professor in Bonn, der anschließend von der Polizei zusammengeschlagen wurde. Brian Leiter bringt die Schilderung des Betroffenen, Yitzhak Melamed. +++ In der taz geht es um die Verrohung der Sprache am Beispiel des Unmenschen Horst Seehofers. +++ Markus Pohlmann beschäftigt sich soziologisch mit Korruption, schaut diese Woche allerdings aufs Mittelmeer, die Seenotrettung und den Nationalstaat als Mittel zur Rechtsbeugung. +++ Zu viel Tagesfreizeit: Futility Closet stellt einen Taschenrechner vor, der mithilfe des Computerspiels „Rollercoaster Tycoon“ gebaut wurde. Um dem Sommerausflug weiteres Unbehagen beizufügen, stellt Spektrum die zehn giftigsten Tierarten vor, die in Deutschland heimisch sind.

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