„Halts Maul, du Opfer!“

Wenn Begriffe wie „behindert“, „schwul“ und „Mädchen“ als Schimpfwörter verwendet werden, scheint sich faschistoide Verachtung von oft nur vermeintlicher Schwäche zu zeigen. Es ist wie so oft komplizierter. Über einen weiteren deutschen Sonderweg

von Timotheus Schneidegger

 

Reinhold Aman bekam als Doyen der Malediktologie Mitte der 1990er über ein Jahr lang Gelegenheit, die Vulgaritäten der Knastsprache durch teilnehmende Beobachtung zu studieren: Nach seiner Scheidung hatte er die beteiligten Anwälte in einem Pamphlet mit dem Titel „Legal Slimebags of Wisconsin“ beschimpft, seiner Frau Collagen mit Zeitungsmeldungen über Männer geschickt, die ihre Ex-Gattin ermordet haben, und fuhr deswegen ein. Zwiespältig auch seine Zeitschrift „Maledicta – The International Journal of Verbal Aggression“, in der sich die Erforschung der alltagssprachlichen Abgründe manchmal darin erschöpft, seitenweise rassistische Witze zu erzählen.

Maledicta wurde 2005 eingestellt, Aman ist vor einem Jahr gestorben – hier finden wir also keine Hilfe bei der Frage, warum Begriffe wie „Opfer“, „behindert“, „schwul“ und „Mädchen“ als Schimpfworte auf deutschen Schulhöfen für Aufregung sorgen.

 

Immer der Neoliberalismus

Es ist naheliegend, in der Zweckentfremdung dieser Eigenschaftsworte ein Symptom der gesellschaftlichen Verrohung zu sehen. Deren Triebkraft wiederum ist der Neoliberalismus als üblicher Verdächtiger und längst hat die erste Generation, die in und mit ihm aufgewachsen ist, ihrerseits Familien gegründet.

Die bürgerliche Gesellschaft ist keine harmonische – nicht einmal in ihren propagandistischen Selbstzeugnissen, den Vorabendserien. Ungerechtigkeit und Widersprüche bauen Zentrifugalkräfte auf, die auf ein Außen zielen, das es nicht gibt, und so die Ränder verbreitern, aus denen es kein Entrinnen gibt, ist man erstmal ins Abseits geraten. Zusammengehalten wird der ganze Salat durch die Systemlebenslüge, jeder könne es schaffen, sei also allein verantwortlich, also selbst schuld an seinem Schicksal. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Horkheimer zwar die Repression vor Augen, mit der die bürgerliche Gesellschaft in Krisenzeiten die irrlichternde Masse in kapitalistischen Bahnen hält, aber sein Ausspruch ist genauso gültig in einem jahrelangen Boom: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Als Kennzeichen des Jahrzehnts, in dem „Opfer“ zum Schimpfwort wurde, macht Wilhelm Heitmeyer („Deutsche Zustände“) die „Entsicherung und Richtungslosigkeit“ aus: 9/11, Hartz IV und Finanzkrise sind einige der Signalereignisse, die zum Aufstieg – oder besser: zur Unübersehbarkeit – „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ beigetragen haben. Die war und ist, das zeigt Heitmeyers empirische Forschung, nie ein Randphänomen, vielmehr ziehen sich Entsolidarisierung mit und Verachtung von weniger Leistungsfähigen bis in die obskure „Mitte der Gesellschaft“: Rohe Bürgerlichkeit, Klassenkampf von oben und Rückzug aus der Solidargemeinschaft lassen Heitmeyer ein Jahr vor der Gründung der AfD zu dem Schluss kommen: „Es mehren sich die Hinweise darauf, daß die angebliche Liberalität der höheren Einkommensgruppen erodiert.“

 

Verachtung von Schwäche

Eben diese besseren Kreise waren es in den 2010ern leid, sich von Kanaken und Hartzern auf der Nase herumtanzen zu lassen, vielleicht war es auch der Ärger darüber, mit Sexwitzen im Lehrerzimmer nur noch Entsetzen zu ernten oder auf Rollifahrer und Mongos Rücksicht nehmen zu müssen, jedenfalls bekamen Begriffe wie „Gutmensch“, „Moral“ und „Anstand“ einen verächtlichen Zungenschlag – ganz so, als würde da jemand im Wettbewerb aller gegen alle schummeln wollen. Die neoliberale Ordnung ist eine der Bewährung auf dem freien Markt. Sie lehrt Zynismus statt Empathie und ist sich in ihrer Verachtung von Schwäche mit dem Faschismus einig. Hier wie dort ist der Worst Case, wehrlos, passiv und ausgeliefert, kurzum: Opfer zu sein.

Allen Aufklärungskampagnen zum Trotz herrscht nicht nur in Subkulturen die Überzeugung vor, jemand habe durch ein bestimmtes Verhalten dazu beigetragen, zum Opfer und also erniedrigt zu werden. Nicht nur in solchen Subkulturen ist die Drohung üblich, jemanden zu ficken. Wer vom Faschismus nicht sprechen will, sollte auch vom Patriarchat schweigen. Zu seinen psychologisch leicht durchschaubaren Absurditäten gehört, das Ziel der Begierde zugleich als Schimpfwort zu verwenden, das denen gilt, die sich unpatriarchal verhalten: Jeder will Fellatio erhalten, aber keiner Fellatio geben, während sich jeder Analverkehr zum Geburtstag wünscht, aber niemand in den Arsch gefickt werden / sein will. Eine „Pussy“ ist gerade nicht aggressiv auftrumpfend, sondern zurückhaltend und schwächlich, ängstlich oder nah am Wasser gebaut wie ein „Mädchen“. Das ist so alt wie das Patriarchat: Als Patroklos im 16. Gesang der Ilias heulend von einem Ausfall der Trojaner auf die griechischen Schiffe berichtet, verspottet Achilles ihn als Mädchen und trägt damit zur selbstmörderischen Aktion des Patroklos bei, sich direkt mit Hektor anzulegen.

 

Patriarchale Ängste

Zwar wird man auch als Homo beschimpft – wenn auch nicht im Sinne von Kanake, was im Hawaiianschen „Mensch“ bedeutet und über die Seefahrt zu uns kam, wo es einen besonders treuen und fähigen Mitmatrosen meint. Doch nur „schwul“ wird fakultativ abwertend verwendet, während nichts als „lesbisch“ herabgesetzt wird. Die „dumme Lesbe“ ist ein seltener Fluch, der weiblichem Mund über oder gegen eine burschikose Opponentin oder Trockenfrucht auf Beinen entfährt. Kurzum: Schwul ist immer scheiße, lesbisch ist irgendwie nuja.

Das aber ist neu. Im „Deutschen Schimpfwörterbuch“ von 1839 folgt auf Schwindelkopf der Schwörer, keine schwule Schwuchtel weit und breit. Die Gebrüder Grimm verzeichnen „schwul“ noch im Sinne von ängstlich oder erhitzt (daher wohl der „warme Bruder“). Wenn aber der homophobe Schimpfwortgebrauch typisch für das Patriarchat sein sollte, warum fehlt er dann in den wahrlich nicht gegendermainstreamten Zeiten vor 1900? Hatten Marx, Rousseau und Hobbes keine Angst, ein anderes männliches Glied in Empfang zu nehmen?

Wir könnten es uns leicht machen und die Verunsicherung, vor der sich die Patriarchen zur Homophobie flüchten, den Suffragetten zuschreiben. Plausibler ist es wohl, das jäh unentspannte Verhältnis zur Homosexualität mit dem Faschismus in Verbindung zu bringen, der nichts so sehr fürchtet und verachtet wie warmherzigen Umgang.

Es ist unüblich geworden, mit jemandem zu ficken oder (drollig) zu bumsen. Stattdessen gibt es scheinbar nur noch Ficker und Gefickte. Hier ist es die englische Zunge, die der deutschen Grammatik den Weg weist: Gefickt wird transitiv. „Fuck you“ ist das eine, „Fuck me“ ein Ausruf der Verwunderung oder Geilheit, „Fuck him/her“ rät, jenen oder diese zu vergessen, nicht jedoch den Doku-Film „Fuck“ von 2005 oder eben das intransitive „to fuck with someone“, was sich am ehesten als „jemanden betrügen“ übersetzen ließe.

Verachtung ist umgestülpte Angst und von Theweleit wissen wir um die Furcht des Faschos vor dem Warmen, Weichen und Fließenden. Gefangen in seiner patriarchalen Prüderie, im Wortsinn getrieben von regenbogenfarben schillernder Lust, eingerahmt in eine Ordnung, die nur Sieger und Verlierer kennt, weiß der, der das Geficktwerden fürchten muss, nur, es ist besser, der Fickende zu sein. Die Sozialpädagogik lehrt schon im Proseminar, dass Gewalt als Mittel benutzt wird, um Selbstwirksamkeit oder „agency“ zu erleben, um die gesellschaftliche Ohnmacht zu durchbrechen, eigene tabuisierte Schwäche zu projizieren und einen unsicheren Bezug zur Wirklichkeit zu stabilisieren. Jugendliche „spiegeln damit gesellschaftliche Vorstellungen, und hier eben die davon, dass ‚Opfer‘ weiter gedemütigt gehören, dass jemanden zum Opfer zu machen ein Triumph ist und das Opfer sich zu schämen hat“, wie Anneli Borchert 2017 im Blog diestorenfriedas.de schrieb. Die sprachliche Viktimisierung birgt auch die Entlastung einer Täter-Opfer-Umkehr: Nicht ich bin das Arschloch, sondern derjenige, der sich alles gefallen lässt und mich geradezu nötigt, fies zu sein.

(Photo: Wokandapix, pixabay.com, CC0)

Eine deutsche Angelegenheit

So plausibel das klingt, es kann nicht erklären, warum das Wort „Opfer“ seit den 2000er Jahren nur im deutschen Sprachraum als Schimpfwort auftritt. „Schwul“, „behindert“ und „Mädchen“ sind auch in anderen Sprachen schon lange üblich, um jemanden herabzusetzen, doch die polyglotten Kollegen Hajjar, Hieronimus und Kasakow versichern, dass weder im Englischen noch Französischen, weder im Arabischen noch Russischen „Opfer“ auch als Schimpfwort verwendet wird.

Es gibt zwei mögliche Erklärungen dafür. Die erste sucht die Verantwortung eleganterweise bei einer Minderheit: Wikipedia vermutet eine Lehnübersetzung aus dem türkischen „kurban“, das „Opfer“ bedeutet, aber auch „als einfache Anredeinterjektion in der Bedeutung von ‚He du!‘ verwendet werden kann“, und zwar gerade nicht pejorativ, sondern für Personen, die einem besonders nah sind.

Die Etymologie von „kurban“ selbst weist darauf hin: Beim griechischen κορβᾶν (korbân) über das arabische قُرْبَان‎ (qurbān) bis ganz zurück zum hebräischen קָרְבָּן‎ (qorbān) und aramäischen קורבנא‎ (qurbānā) findet sich die gleiche Doppelbedeutung eines rituellen Opfers (für das nur ein besonders wertvolles Tier gestattet ist) und eines Opfers einer Untat oder Katastrophe (die Götter haben eine Person zum Opfer auserwählt, was ihre Reinheit beweist; abergläubischer Trost).

Das gilt auch für Synonyme. Alle Ableitungen von „victim“ stammen vom protoindoeuropäischen *weyk- ab, das „auswählen, absondern, zur Seite legen“ bedeutet und sowohl in der englischen „witch“ als auch in der deutschen „Weihe“ mündet. Ähnlich ist es bei „sacrifice“, das sich auf facere („machen“) und sacer („heilig“) zurückführen lässt, während letzteres aus dem protoindoeuropäischen *seh2k- hervorgeht, das aus dem Feld der Schwüre und Verträge stammt. „Hostia“ wird nur im Spanischen als Ausruf im Sinne von „Fuck!“ benutzt und hat in der Wurzel die seltsame Dreifachbedeutung von Gast, Gastgeber und Opfer (Hotel, Hostess und Hospital).

Das deutsche Wort „Opfer“ sticht aus den Synonymen in anderen Sprachen hervor und hat sich wohl übers Kirchenlatein aus operari („beschäftigt sein, arbeiten, wirken“) und/oder offerre („entgegentragen, anbieten, darbringen“) auf die teutsche Zunge gelegt.

Einem beträchtlichen Teil der Menschheit sind die Opfererzählungen von Kain und Abel (siehe S. 14) oder Abraham und Isaak bekannt und auch wer nicht daran glaubt, hat von der christlichen Erzählung gehört, wonach Gott mit seinem Sohn das ultimative Opfer erbracht hat. Ganze theologische Oberseminare lassen sich mit der Frage bestreiten, wie die heidnische Praxis, Götter durch das Opfern von besonders kostbarem Vieh gewogen zu stimmen, in den Monotheismen aufgehoben wurde. Zwar kann niemand mehr einen Gott ernstnehmen, der sich bestechen lässt, dafür ist die Selbstaufopferung als äußerste Form der Hingabe in säkularen Zeiten beliebter denn je: Vom Heldentod bis zum Burn-out durfte und darf der Geopferte Ehrfurcht erwarten, aber nur, sofern er reinen Herzens handelt und es keinen Täter gibt.

Wer einen auf eine Gottheit abgelegten Eid brach, durfte straffrei getötet, aber – als Besitz der Schwurgottheit – nicht geopfert werden. Giorgio Agamben stellte diese römische Rechtsfigur des „homo sacer“ 1995 ins Zentrum seiner Analyse biopolitischer Macht: Das Individuum kann im modernen Staat jederzeit aus der Welt des gewöhnlichen Rechts abgesondert (womit Agamben an die Etymologie von „sacer“ anknüpft) und zum nackten Objekt der Macht werden. Agamben hat hier KZ-Gefangene und Staatenlosgemachte vor Augen, nimmt aber auch Guantanamo Bay voraus und das berüchtigte Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos: Es liegt in einer früheren Militäranlage nahe dem Dorf Moria, das sich den Namen mit dem Land teilt, in dem Abraham seinen Sohn opfern sollte.

Das alles scheint keine Rolle zu spielen im Straßenjargon, in dem „Opfer“ diejenigen meint, die sich nicht wehren können oder Schwäche zeigen. Ein besonderer Wert, den das Opfer erfordert oder beweist, wird dem Verhöhnten nicht zugeschrieben: „Opfer“ ist nicht bloß Synonym für Versager oder Loser, der so Bezeichnete hat es auch selbst verschuldet oder verdient, aus dem Kreis der Ehrbaren ausgeschlossen zu werden, weshalb nur andere „Opfer“ ihm Mitgefühl zeigen oder Hilfe anbieten.

Es kann hier nur spekuliert werden, ob es eine etymologische Verbindung zum slawischen курва (kurwa) gibt, das in osteuropäischen Sprachen sowohl als Schimpfwort („Nutte, Schlampe“) als auch als grammatikalischer Generalschlüssel wie „fuck“ oder „Scheiß“ verwendet wird. Neben der klanglichen Nähe gibt es auch eine in der Ambiguität, denn […]


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Lichtwolf Nr. 70 („Opfer“)

Denn kompletten Text sowie viele weitere Essays, schön illustriert und werbefrei, liest man in Lichtwolf Nr. 70.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug des gleichnnamigen Essays aus LW70.

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