Links der Woche, rechts der Welt 49/19

Niemand weiß, was wirklich drin ist.

Daniel Hermsdorf setzt sich bei Telepolis an den Beispielen „Klimawandel“ und „Familie“ mit Containerbegriffen auseinander, die alles mögliche enthalten können und so die öffentliche Diskussion sowie politisches Handeln bis zum Widersinn verkomplizieren. Eine Lösung ist nicht in Sicht. (01.12.19)

 

Wie kann man nur so ans Geld glauben?

Wenn Geld die Wurzel allen Übels ist, darf man staunen, warum wir sie nicht ausreißen. Eske Bockelmann staunt also in einem schönen Merkur-Essay, den die ZEIT bringt, und in dem es um und gegen die alltäglichen Irrationalismen und Illusionen geht, die dem Geld seine unangefochtene Herrschaft sichern. (02.12.19)

 

Wird schon werden

Die WELT bringt Peter Felixbergers launigen Kursbuch-Beitrag zum Thema klimabedingter Weltuntergang 2020 ff., der demnach genauso wenig schlimm sein wird wie alle bisher angekündigten Apokalypsen seit Augustinus. (03.12.19)

 

Es ist genug Platz für alle da

Zafer Şenocak denkt im Tagesspiegel über die Renaissance des Stammesdenkens nach. In Deutschland suchen Rechtsradikale und Erdogan-Anhänger ihr Heil in der Abschottung und spielen sich auf bemerkenswerte Weise gegenseitig Bälle zu. Demokraten sollten sich da um das Gegenteil von Starrsinn bemühen. (06.12.19)

 

Malocher in der Privatsphäre

Ist die Arbeit im Homeoffice nun gut oder schlecht? Damit setzt sich Katja Gaschler bei Spektrum auseinander und zieht diverse Studien und Umfragen zu Rate. Demnach lässt sich die Frage nicht allgemein beantworten, sondern hängt stark vom Job, den Motiven, dem Arbeitgeber und natürlich der Arbeitnehmerin ab. (06.12.19)

 

Antiethischer Technikaberglaube

Technologie, Wissenschaft und Produktion sind die Megamaschine und ihre Ideologie ist der „Technizismus“, dem Meinhard Creydt bei Telepolis einen ausführlichen Essay widmet. Darin geht es um die Frage, warum der Technizismus um sich greift, welcher Methoden er sich dabei bedient und welche Irrationalität darin liegt. (07.12.19)

(Photo: Free-Photos, pixabay.com, CC0)

Bücher

Klaus Theweleits „Männerphantasien“ scheint aktueller denn je und wird darum neu aufgelegt, die taz war bei der Buchvorstellung. +++ Valentin Groebner hat eine Begriffsgeschichte der Reinheit vorgelegt, die vom Gewissen über Waschmittelreklame bis zum Faschismus führt, wie die NZZ rekapituliert. +++ Der Manesse-Verlag bringt ein Buch mit Auszügen aus Briefen, die Lord Chesterfield im 18. Jahrhundert seinem Sohn schrieb, um ihm Benimm beizubringen, und die NZZ ist sehr angetan davon. Mehr über Chesterfield und seinen nicht unumstrittenen Knigge steht übrigens in LW52. +++ Ziemlich enttäuscht dagegen zeigt sich die NZZ von Ernst Peter Fischers Geschichte des Index. +++ Noch mehr Post: Die FAZ stellt den Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy vor, der auszugsweise von Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg als Hörbuch eingesprochen wurde. +++ Ken Krimstein erzählt das Leben von Hannah Arendt in einer Graphic Novel und die SZ ist begeistert von der Detailverliebtheit des Buchs. +++ Außerdem gratuliert die SZ dem Altphilologen Hellmut Flashar zum 90. Geburtstag und stellt zwei seiner Werke vor, die den Bogen von der Antike in die Gegenwart schlagen. +++ Geert Keil kommt aus der analytischen Philosophie und hat einen Essay über den Irrtum und menschliche Fehlbarkeit geschrieben, der von der ZEIT begeistert rezensiert wird.

 

Radio

Tom Waits wird 70 und bekommt dafür eine Lange Nacht im DLF. Mathias Greffrath startet morgen bei Essay und Diskurs seinen dreiteiligen Jahresrückblick, den auch Nichtmarxisten hören können, und bei Sein und Streit wird angesichts des Klimanotstands u.a. die Systemfrage gestellt.

 

Die Unordnung der Dinge

Das „Zentrum für politische Schönheit“ (ZpS) könnte harmlose Kunst machen, zieht es aber vor, dem Motto „Gedenken heißt kämpfen“ zu folgen und damit auch mal nicht nur die Gemeinten zu verärgern. Jetzt hat sich das ZpS für eine Kunstaktion mit der vermeintlichen Asche von Holocaust-Opfern entschuldigt und die taz rät, das ZpS endlich dicht zu machen. Auch die ZEIT ist skeptisch, ob dieser künstliche Aktivismus sich nicht perfekt in die Aufmerksamkeitsökonomie einfügt und wider Willen hochgradig affirmativ ist. +++ Francesco Giammarco denkt in der ZEIT darüber nach, dass zumindest alle Männer seiner Generation dank Internetpornos und Browserverlauf hochgradig erpressbar geworden sind.

 

Trotz Philosophie

Timo Reuter hat das Buch „Warten. Eine verlernte Kunst“ geschrieben und nennt im Freitag-Lexikon die wichtigsten Begriffe zum Thema von A bis Z. +++ Die WELT kmpkt bringt dagegen „7 philosophische Rätsel, die dein Gehirn auf Touren bringen“ („Lesedauer: 5 Minuten“). +++ Apples internes Bildungsprogramm ist streng geheim, aber die FAZ konnte zwei Philosophie-Vorlesungen von Joshua Cohen mitverfolgen und staunt über die Didaktik. +++ Heiko Puls bekommt einen fetten Wissenschaftspreis für seine Kant-Forschung und erklärt im WELT-Interview u.a., warum der Königsberger bei allen Gegenwartsfragen weiterhelfen kann. +++ Lichtwolf Nr. 68 zum Thema „Riten und Gebräuche“ ist im Druck und kann hier abonniert werden. So ein Lichtwolf-Abo ist auch ein gutes Weihnachtsgeschenk für Kurzentschlossene: Einfach eine abweichende Lieferadresse eingeben und dazu die Anmerkung, dass das erste Heft zu Heiligabend beim Beschenkten ankommen soll.

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