Links der Woche, rechts der Welt 48/19

Selbstbewusstsein ≠ Bewusstsein von etwas

Manfred Frank würdigt in der FAZ Dieter Henrich und die Heidelberger Schule, die zwischen Heideggerianismus und analytischer Philosophie am Subjekt in Folge von Descartes und Fichte festhielten, seinen Begriff weiterentwickelten und nun langsam aus allen Richtungen Anerkennung erfahren. (23.11.19)

 

Das antiplatonische Großexperiment

Seit Platons Zeiten versuchen wir die Vielfalt der Erscheinungen auf die Einheit der Begriffe zu bringen. Die dabei errungenden Triumphe verdanken wir eher der Technik als der Wissenschaft, wie Walther Ch. Zimmerli in der NZZ erklärt. Dabei wurde übersehen, dass die Digitalisierung diesen Platonismus hinterrücks erledigt hat und nun neue Fragen stellt. (24.11.19)

 

Prekarität, Solidarität, radikale Demokratie

Der Zustand der Welt ist generell wenig erfreulich. Ananya Roy sucht in der SZ mit Thomas Mann nach dem Rettenden, das in der Gefahr – einem rassistischen Kapitalismus voller Todeszonen – auch wächst und sieht überall Freiheitsträume stille Wurzeln schlagen. (26.11.19)

 

Bücher

Die von Wolfgang Röd herausgegebene Geschichte der Philosophie beschreibt im 14. Band die sechs großen Schulen bzw. Strömungen des 20. Jahrhunderts auf 300 Seiten, und die SZ ist ganz zufrieden damit. +++ Klaus Vieweg hat eine umfangreiche Hegel-Biographie vorgelegt, die zugleich eine entwicklungsgeschichtliche Einführung in die Begriffe Freiheit und Wissen – und damit ins Werk Hegels – ist, wie die SZ staunt. +++ Mit der Idee des Apeiron könnte Anaximander von Milet der Urvater der modernen Kosmologie sein, wie Carlo Rovelli in seinem Buch schreibt, das bei Spektrum vorgestellt wird. +++ Die SZ freut sich über eine sorgfältige Neuedition der aristotelischen Spätschrift über die Bewegung der Lebewesen („De motu animalium“). +++ Florian Freistetter erzählt eine Geschichte des Universums anhand von 100 Sternen und die ZEIT ist sehr angetan von der Idee und ihrer Umsetzung. +++ Marina und Herfried Münkler haben sich in ihrem neuen Buch den grassierenden Alarmismus vorgenommen und die FR konzentriert sich auf die vorgeschlagenen Gegenmittel aus den Bereichen Bildungspolitik und Gemeinwohlorientierung. +++ Der Standard begutachtet die Essay-Sammlung „Das Ende der Illusionen“, in der Andreas Reckwitz über das Ende der nivellierten Mittelstandsgesellschaft nachdenkt. +++ Dieter Thomäs Buch „Warum Demokratien Helden brauchen“ wird in der SZ vorgestellt, die von einer Erscheinung zur rechten Zeit raunt. +++ Das „Volk“ ist nicht mehr zu retten: Michael Wildt hat ein Buch darüber geschrieben und erklärt im Freitag-Interview, warum der Begriff abgeschafft gehört. +++ Der Standard hat sich in der Buch- und Verlagsbranche umgehört, mit welchen Maßnahmen sie ihre Ökobilanz verbessern will.

 

Radio

Endlich mitreden können: Herr Breitenbach & Doktor Köbel stellen in ihrem Soziologie-Podcast bei Spektrum die Systemtheorie von Niklas Luhmann vor. Im DLF kommt heute die Lange Nacht über Alexander und Wilhelm Humboldt, morgen geht es bei Essay und Diskurs um die aktuelle Ära der politischen Clownerie und Kinderrechte, Willensschwäche sowie Psychoanalyse sind einige der Themen bei Sein und Streit.

 

Klimaschützerkrise

Roger Hallam ist ein Vordenker der Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion. Ihm wird Holocaust-Relativierung vorgeworfen, sein deutscher Verlag stoppt daraufhin die Auslieferung seines fertigen Buchs und der Standard erklärt, worum es geht. Mladen Gladić hat Hallams Manifest schon gelesen und ist nicht nur wegen des lässlichen Umgangs seines Autors mit dem Begriff „Genozid“ froh, dass das Buch nicht auf Deutsch erscheint, wie er im Freitag schreibt.

(Photo: annca, pixabay.com, CC0)

Die Bewegung Fridays for Future hat ganz andere Probleme, auf die die taz anlässlich des Internationalen Klimastreiks am 29. November ohne Häme oder Besserwisserei blickt und sodann den Blick auf die Unis richtet, wo Klimanotstand ausgerufen wird und Studierende wie Dozierende mehr Klimaschutz fordern.

 

Berichte aus der Akademie

Wie Frauen Männer effektiv anbaggern wurde nun endlich wissenschaftlich untersucht, Spektrum stellt die Ergebnisse vor. +++ Telepolis berichtet über eine Studie, die die Auswirkungen von Digitalisierung und KI auf den US-Arbeitsmarkt untersucht – und es sind vor allem Gutverdiener, die durch Maschinen ersetzt werden könnten. +++ Bayern gibt gern mit seiner Bildungspolitik an, aber beim Ethik-Unterricht und der entsprechenden Lehrerbildung sieht es im Freistaat schlecht aus, wie in der SZ zu lesen ist. +++ Florian Freistetter erklärt bei Spektrum kurz und gut, wie sich alle Naturkonstanten in eine Formel bringen lassen und warum die Untergrenze unseres Wissens dabei herauskommt. +++ Sind Sie ein ganz Schlauer, der die Machenschaften der sogenannten „Wissenschaftler“ durchschaut? Oliver Müller hat in seinem Scilog einen Fragebogen bereitgestellt, mit dem Sie klären können, ob Sie vielleicht doch nur „ein Crackpot“ sind.

 

Trotz Philosophie

Wolf Reiser regt sich bei Telepolis sehr schön über die allgegenwärtige Phrase vom „Bisschen“ auf – obwohl „ein Stück weit“ noch ein großes Bisschen blöder ist. +++ Alina Saha denkt im Freitag über Uhren und die Zeit nach, die sie im öffentlichen Raum anzeigen und wie damit der Alltag strukturiert und Pünktlichkeit von Tugend zu Nerverei wird. +++ Die FAZ kommentiert die Öffnung des Grabs von Michel de Montaigne. +++ Apropos tote Philosophen: In Basel ist die Totenmaske Friedrich Nietzsches wieder aufgetaucht, wie der Tagesspiegel meldet, während Manuel Müller in der NZZ über Nietzsches dicken Schnauzer mutmaßt, dieser habe – wie die aggressive Pose des Denkers – die Furcht vor dem Femininen übertünchen sollen. +++ Der Ethikrat kommt bei der Frage nach Organspenden und Transplantationsmedizin nicht weiter, was aber vollkommen okay ist, wie eine soziologische Studie zeigt, über die die FAZ berichtet. +++ Die nach wie vor ungefragt duzende WELT kmpkt nimmt sich Raphael Samuel an, der seine Eltern wegen seiner unfreiwilligen Geburt verklagt hat, und ist erschrocken, dass sein Antinatalismus stichhaltige Argumente ins Feld führt. Interessant ist auch die dortige Onlineumfrage, wonach eine Mehrheit der WELT-Leser genau dem Malthusianismus anhängt, der in LW63 als dem Antinatalismus ethisch unterlegen beschrieben wird. +++ Einen schönen Nachruf widmet die NZZ dem großartigen Ludger Lütkehaus, der Schopenhauer und Nietzsche neues Leben einhauchte und letzte Woche gestorben ist.

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