Finis humani generis

Den Menschen von seinem Ende her zu denken kann seine Notwendigkeit und seinen Zweck am Rande des Sichtfelds aufscheinen lassen. Nur sieht es für das Individuum wie für die Spezies insgesamt nicht gut aus.

von Timotheus Schneidegger

 

Not one would mind, neither bird nor tree
If mankind perished utterly;
And Spring herself, when she woke at dawn,
Would scarcely know that we were gone.
– Sara Teasdale, 1920

Während die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit eher nicht so angesagt ist, lässt sich mit „Wir werden alle sterben!“ geldwerte Aufmerksamkeit gewinnen. Ganze Karrieren in Populärwissenschaft und anderen Sektoren der Unterhaltungsindustrie gründen auf der Angstlust am Schiffbruch mit Zuschauer. „Der Mensch ist das, was einen Bezug auf sein Ende hat, im grundlegend äquivoken Sinn des Wortes“, an den Derrida in seinem Vortrag „Fines hominis“ 1968 erinnerte. Die genannten „Enden“ sind teloi und eschata, Zwecke und letzte Dinge des sterblichen Daseins, das in der Apokalypse nicht weniger als die Offenbarung erwartet, die das griechische Wort bedeutet. Die Faszination des Gedankens, das Ganze oder wenigstens die Menschheit könne aussterben, ist also mindestens so sehr eine Abwehr der persönlichen Sterblichkeit als eine kontrafaktische Erkundung der Gründe und Abgründe des Ganzen, an dem man teilhat.

Arnold Toynbee (1889–1975) stellte bei seiner Untersuchung des Aufstiegs und Falls von Zivilisationen fest, dass sie alle assistierten Suizid begingen. Einige tauchten in neuer Form wieder auf, von anderen blieben nur verlassene Ruinen. In dieser endzeitlichen Geschichtswissenschaft ist auch Jared Diamond unterwegs, der sich mit dem Zusammenbruch von Zivilisationen infolge ökologischer Überstrapazierung beschäftigte. Luke Kemp erklärte der BBC im Februar, die durchschnittliche Lebenserwartung von antiken Zivilisationen betrage 336 Jahre. Größe und Komplexität garantierten noch nie Dauer – warum sollte das jetzt der Fall sein, wo die Vernetzung den Kollaps bis in jeden Winkel der Erde durchschlagen ließe? Im Gegenteil: Kemp bietet für Zivilisationen das Bild einer Leiter, deren jede Sprosse bricht, sobald man sie betritt. Fällt man von den unteren Sprossen, passiert nicht viel, während der Sturz von weit oben tödlich sein kann.

 

Das Doomsday-Argument

Der Physiker Enrico Fermi gab der Welt in den 1950er Jahren folgende Nuss zu knacken: Wenn die Erde nicht der einzige Planet ist, auf dem Leben möglich ist, und das Universum so alt und groß ist, wie es zu sein scheint, muss es irgendwo anders ebenfalls intelligentes Leben geben. Als Erklärung, warum wir davon nichts mitbekommen, sind seither diverse Lösungen für das Fermi-Paradox vorgeschlagen worden, darunter die, dass eine hochentwickelte Zivilisation sich selbst und ihren Heimatplaneten zerstört, bevor sie ihn verlassen kann.

Die Wahrscheinlichkeiten eines solchen Schicksals sind durch das „survivor bias“ getrübt, da die Menschheit noch nie ausgestorben ist. In der Wunderwelt der Statistik gibt es diverse Doomsday-Argumente, die die Wahrscheinlichkeit der Ausrottung des Menschen in den nächsten 9.120 Jahren bzw. 7,8 Mio. Jahren mit 95 % beziffern. 2008 kam die Global Catastrophic Risk Conference auf eine 19-%-ige Chance für ein Menschheitsende bis 2100. Und 2016 schloss die Global Challenges Foundation, es sei für einen Durchschnittsamerikaner fünf Mal wahrscheinlicher, mit dem Rest der Menschheit ausgerottet zu werden als bei einem Autounfall zu sterben. Woran könnte es liegen?

Schlussszene aus Lars von Triers „Melancholia“ (2011).

Vakuumzerfall: Die Physiker Sidney Coleman und Frank De Luccia haben 1980 erstmals über die Möglichkeit eines Vakuumzerfalls räsoniert, bei dem das gesamte Universum auf quantenphysikalischer Ebene kollabiert. Unser Universum könnte demnach lediglich metastabil sein und durch ein hochenergetisches Ereignis oder zufällige Quantenfluktuation in einen Zustand geringerer Energie gestürzt werden. Wo auch immer das passiert, wird sich eine winzige Blase aus „echtem“ Vakuum bilden, die unser falsches oder scheinbares Vakuum absorbiert. Die gewaltige Energiedifferenz konzentriert sich an der Außenwand der Blase, die uns bei ihrem Eintreffen augenblicklich verdampft. Was soll man das auch überleben, wenn im hinter ihr liegenden echten Vakuum ganz andere Naturkonstanten gelten. Einziger Trost: Da hat sich gerade ein Urknall ereignet und ein neues Universum aufgefaltet, das vielleicht länger hält.

Asteroideneinschlag: Sternschuppen verschaffen eine Ahnung vom kosmischen Bombardement, dem die Erde ausgesetzt ist. Zwar schirmt uns Jupiter ganz gut ab, aber ein Asteroid kann schon genug sein, um dem Menschen das Schicksal der Dinosaurier zu bereiten. Doch sind wir nicht besser vorbereitet als die? Selbst wenn der Kollisionskurs zufällig entdeckt wird, ist fraglich, ob genug Zeit und die richtigen Mittel zur Verfügung stehen. Ende Juli flog der Asteroid mit dem schönen Namen „2019 OK“ mit 77.000 km sehr knapp an der Erde vorbei und wurde erst am Tag zuvor entdeckt. Auf Apophis dagegen kann man sich schon mal einstellen: Am Freitag, den 13. April 2029 wird der nach der ägyptischen Verkörperung von Finsternis und Chaos benannte, 370 m große Himmelskörper die Erde in einer Höhe von 33.000 km passieren; schlüge er doch ein, wäre das keine globale Katastrophe. Der Dino-Killer vor 65 Mio. Jahren hatte einen Durchmesser von mindestens 10 km. Niemand weiß, wie man so ein Ding von seinem Kurs abbrächte.

Gammastrahlen-Ausbruch: Die tödliche Gefahr aus dem All kann auch immateriell sein. Sonneneruptionen sorgten am 1.9.1859 für einen geomagnetischen Sturm mit Polarlichtern bis runter nach Rom und dem Zusammenbruch des Telegraphennetzes. 1967 schaltete ein Sonnensturm das Vorwarnsystem der USA aus und hätte fast einen Atomkrieg ausgelöst. Stellt man sich vor, was ein tagelanger Ausfall sämtlicher Elektronik und Kommunikation heute bedeuten würde, hat man eine gute Illustration für Kemps Leiter-Analogie. Auch andere Sonnen stellen eine existentielle Bedrohung dar: Wenn einer unserer kosmischen Nachbarn als Supernova explodiert, könnten wir das – je nach Sicherheitsabstand – überleben. Ähnliches gilt für Gammastrahlen-Ausbrüche oder auf die Erde gerichtete hochenergetische Jets. Der „GRB 080319B“ benannte Gammablitz ereignete sich am 19.3.2008 im Sternbild Bärenhüter und ist mit einer Entfernung von etwa 7,5 Mrd. Lichtjahren das entfernteste Objekt, das jemals mit bloßem Auge zu beobachten war. Wenn sowas in unserer kosmischen Nähe passiert, hilft keine Sofi-Ausrüstung mehr.

Alien-Invasion: Der Kolonialismus lehrt uns eines: Wer suchet, der findet; wer entdeckt wird, verschwindet. Darum wird als eine Lösung des Fermi-Paradoxons vorgeschlagen, Alien-Zivilisationen könnten darauf bedacht sein, kosmisch unauffällig zu bleiben – im Gegensatz zu uns, die wir seit über 100 Jahren Radiowellen ins All emittieren und damit lautstark um Besuch betteln. Selbst wenn dieser in freundlicher Absicht geschähe, könnte E.T. ähnliche Gastgeschenke an Bord haben wie die Spanier, die die Bewohner der „Neuen Welt“ mit Windpocken und Salmonellen beglückten und jene damit auch ohne Zwangsmissionierung, Versklavung und Massenmord an den Rand der Ausrottung gebracht hätten.

Superpandemie: Auch auf der Erde gibt es genug Krankheitserreger, die – begünstigt durch Urbanisierung und Globalisierung – der Menschheit ein Ende bereiten könnten. Als wären die gen- und biotechnologischen Spielereien dafür nötig! In den auftauenden Permafrostböden liegen Keime, gegen die nur ein inzwischen ausgerottetes Kraut gewachsen ist. Die in verschiedenen Weltteilen verschieden motivierte Impfskepsis führt zur Rückkehr mühsam besiegter Krankheiten. Die Pocken warten darauf, aus Militärlabors freigesetzt zu werden. Bakterien entwickeln Resistenzen und Viren experimentieren munter an ihrem Erbgut herum, bis halt die Superpest oder Megagrippe ausbricht.

Selbstreplizierende Nanobots: Eine Methode, kosmische Distanzen zu überwinden, wären selbstreplizierende Sonden, die nach dem Erfinder des Konzepts, John von Neumann benannt sind. Frank J. Tipler (vgl. S. 14) nahm sie als Argument gegen die Existenz außerirdischer Zivilisationen, deren Sonden längst das gesamte Universum besiedelt hätten. Das Konzept von 1966 ist weder unrealistisch noch ungefährlich. Kim Eric Drexler freut sich als Vordenker der molekularen Nanotechnologie auf eine Zukunft, in der Nanobots jede Art von Material in Windeseile nach exakten Vorgaben herstellen können – ob es sich nun um neue Organe, Werkzeuge oder heißen Earl Grey handelt. Die nötigen molekularen Rohstoffe holen sie sich aus ihrer Umgebung. Wenn nur ein einziger dieser kleinen Gesellen eine Macke hat und anfängt, sich selbst zu replizieren, kommt es zur Ökophagie: Alles und jeder, am Ende der gesamte Planet wird auf Partikelebene zerlegt und zu Nanobots umgebaut, bis nur noch grauer Matsch übrig bleibt.

 

Auf Umwegen in den Untergang

Eine komplexe globale Gesellschaft könnte auch existentielle Bedrohungen überstehen. Widerstandsfähigkeit wird ihr durch Vielfalt und Originalität verliehen, während die beiden anderen Merkmale zeitgenössischer Zivilisation, nämlich Arbeitsteilung und Spezialisierung, uns anfälliger machen: Was, wenn sich das Klima schlagartig ändert und alle Gärtner sterben? Die Biologie geht davon aus, dass etwa 1.000 Individuen einer Spezies das Minimum sind, um die Art zu erhalten. Gesetzt, ein Ereignis würde nur noch Sie und 999 Artgenossen übrig lassen: Wie lange brauchen Sie, um ohne Internet zu lernen, wie man im Dunkeln Pilze züchtet, Trinkwasser gewinnt, Cellulose in Zucker umwandelt und zum Svalbard Global Seed Vault kommt – dem arktischen Bunker, in dem diverse Pflanzensamen konserviert werden? Verfügen Sie über die soziale Kompetenz, um mit Unbekannten zu kooperieren, ohne sie vorher googeln zu können – und zwar unter den erschwerten Bedingungen, die nach dem Ereignis einer existentiellen Bedrohung herrschen?

Zombie-Apokalypse: Die BSE-Hysterie der 1990er Jahre ist fast vergessen, den Spätgeborenen gar unbekannt. Man tue die bovine spongiforme Enzephalopathie aber nicht so ab wie die übrigen medialen Schnappatmungen zum Thema Seuchen. BSE wird von mutierten Proteinen ausgelöst, den sogenannten Prionen, deren zerstörerische Wirkung auf Nervengewebe weder zu verhindern noch aufzuhalten ist. Beim Menschen heißt das Syndrom Creutzfeldt-Jakob – und es kann bis zu 60 Jahre dauern, ehe die aufgenommenen Prionen ihre verhängnisvolle Wirkung entfalten. Wer also in den 1990ern Burger aß, könnte bis 2050 Symptome wie Wahnvorstellungen, Bewegungsstörungen, Inkontinenz und Demenz entwickeln, also im medizinischen Fachjargon zu den „Living Dead“ werden. (Mehr zu dieser Todesart im Almanach auf S. 85.)

Massenvernichtungswaffen: Auch wenn der drohende Atomkrieg in unseren Breiten seit 1990 kein so großes Thema mehr ist, sind die Overkill-Kapazitäten noch immer da. Der Kryptologe Martin Hellman weist auf die statistische Binse hin, dass, solange die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nicht gleich null ist, es irgendwann notwendig geschehen wird. Wie das ablaufen und am Ende selbst die Menschen killen könnte, die weit entfernt von den verstrahlten Schlachtfeldern leben, ist während des Kalten Kriegs zur Genüge erörtert worden.

Cybergeddon: Der Atomkrieg ist auch out, weil moderne Kriegsführung assymetrisch ist. Wenn jemand soziale Medien mit Desinformation flutet oder tagelang die Energieversorgung eines Landes abschaltet, dann wahrscheinlich nur ein dicker Teenager. Oder soll es nur so aussehen? Alle Staaten bereiten sich auf den Cyberkrieg vor, der darum umso wahrscheinlicher wird und, weil es der erste seiner Art sein wird, zu ähnlichen Eskalationen neigt wie derjenige vor 100 Jahren. Abermals: Wie viele Tage lang müssen Elektronik und Kommunikation abgeschaltet sein, um uns in die Steinzeit zurückstürzen zu lassen?

Supervulkan: Ein isländischer Vulkan kann den Flugverkehr für einen Monat lahmlegen, ein anderer gar einige Tausend Todesopfer fordern. Brächen magmatische Großprovinzen oder Supervulkane aus, hätte die ganze Welt was davon. Als die Yellowstone Caldera vor 640.000 Jahren explodierte, bedeckte sie ganz Nordamerika mit Asche. Supervulkane wie der Mount Toba im heutigen Indonesien, der vor 75.000 Jahren die Zahl der Menschen auf einige Zehntausend reduzierte, brechen alle 50.000 Jahre aus. Die magmatischen Großprovinzen in Sibirien befinden sich nahe großer Kohlevorkommen, deren Brand einen unaufhaltsamen Treibhauseffekt (s.u.) nach sich zöge.

KI-Singularität: HAL 9000 und Skynet handeln als Film-Bösewichter nachvollziehbar, weil sie tun, wofür sie programmiert wurden. Die Vorgänge innerhalb ihrer realen Artverwandten sind dagegen nicht mal mehr ihren Entwicklern zugänglich. Film- und Computerfreunde wie Bill Gates und Elon Musk machen sich Sorgen, neuronale Netzwerke und selbstlernende Algorithmen könnten – für uns binnen Sekunden – eine ebenso übermächtige wie fremdartige Intelligenz entwickeln, die nicht notwendig etwas mit dem Menschen anzufangen weiß. KI-Experten gehen von einer 5-%-igen Wahrscheinlichkeit aus, dass […]

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Lichtwolf Nr. 67 (Todesarten)

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