Links der Woche, rechts der Welt 19/21

Wissenschaft und Krise

Zeit ist relativ, das Zeitempfinden auch: Spektrum berichtet, wie sich menschlicher Blickkontakt auf die Zeitwahrnehmung auswirkt. Die FR ist ganz begeistert von einer Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt, die die Menschwerdung des Tieres vermittels der Kultur dokumentiert – anschaulich und spielerisch.

Mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Verschwörungsdenken und der „Erosion der Wirklichkeit“ beschäftigt sich Eva Horn bei den Berliner Mosse-Lectures, wie die FAZ berichtet. Nach den Gründen für die Skepsis gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen fragt auch Ralf Bönt in der ZEIT und sieht eine Ursache in der Unkenntnis der Methodik und der Grenzen von Relativität.

Neben Impfskepsis macht sich sogar Testskepsis breit, wie Maja Beckers in der ZEIT beobachtet und fragt, wie konsequent die Abwehr von folgenloser Stäbchenpenetration in esoterischen Kreisen ist. Natalie Grams erklärt in ihrer Spektrum-Kolumne, warum die Grundrechte derzeit eingeschränkt sind und es die falsche Frage ist, ob Geimpfte sie „zurückerhalten“ sollten oder nicht.

Nach der Pandemie wird es uns allen gehen wie dem Ruhrgebiet, erklärt Wolfram Eilenberger (mit Simone Weil) im ZEIT-Interview: Es wird nie wieder wie früher werden, doch keiner weiß, wie sonst. Ansonsten ist die Seuche auch eine der Phrase: Die SZ hat einen irren Haufen von Sätzen zusammengestellt, die ihre Gravitas allein aus der Einleitung „Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt,“ beziehen. Ein Buch über Humor als Mittel der Wissenschaftskommunikation trägt den leider witzlos dummen Titel „Kann Wissenschaft witzig?“ und wird bei Spektrum rezensiert.

 

Leben in Deutschland

„Es gibt viele verschiedene Arten, jemanden zu vertreiben“: Fabian Wolff ist Jude in Deutschland und schildert in der ZEIT ausführlich und eindrücklich, wie das so ist.

Schüler mit Migrationshintergrund überschätzen ihre Leistungen eher, will die Bildungssoziologie herausgefunden haben, und die FAZ erklärt, warum das durchaus von Vorteil ist. Darf man sich auch zu Diskriminierung und Antirassismus äußern, wenn man nicht davon betroffen ist? Die Frage ist Teil des Wokeness-Problems, dem Judith Sevinç Basad ihr Buch „Schäm dich!“ gewidmet hat, das in der taz besprochen wird.

(Photo: pixabay.com, CC0)

Die sozialen Medien derweil sind für Frauen ähnlich gefährlich wie die Straße und der Haushalt: Die taz berichtet über antifeministischen Hass von „Männerrechtlern“ und Jungnazis auf TikTok. Über den uralten Zusammenhang von Rassismus und Frauenhass in den USA hat Ijeoma Oluo ein Buch geschrieben, das in der SZ ganz vorsichtig für seine Unkonzentriertheit gerügt wird.

 

Hauptsache Antikommunismus

Die Hufeisentheorie ist nicht totzukriegen: Mit ihrer Ideen- und Wirkungsgeschichte beschäftigen sich Maximilian Fuhrmann und Sarah Schulz bei Telepolis. Dabei beleuchten sie an diversen Beispielen die fragwürdigen Verflechtungen zwischen einschlägigen Forschern, Regierung und Sicherheitsbehörden.

Julia von Heinz’ Spielfilm „Und morgen die ganze Welt“ läuft auf Netflix, was die taz zum Anlass nimmt, das Antifa-Opus zu empfehlen. Mit diesem und der darin abgebildeten Wirklichkeit unzufrieden ist die FAZ, die sich mit Widerstand gegen Nazis auskennt. Auf einen 3sat-Themenabend über die Neue Rechte von der Konservativen Revolution bis zur Identitären Bewegung weist die FR hin. (In der Mediathek stehen die Doku und die anschließende Diskussion bis 2022 zur Verfügung.)

Der Freitag bespricht Domenico Losurdos Buch, worin dieser den großen Namen des westlichen Marxismus die antikolonialistischen Leviten liest.

 

Perspektiven

Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sind sehr vom jeweils herrschenden Menschenbild bestimmt. Andreas von Westphalen zeigt bei Telepolis die Folgen auf und findet: entweder Hobbes oder Rousseau. Anderswo heißt es Natalität oder Sein zum Tode: Matthias Warkus beschäftigt sich in seiner Spektrum-Kolumne mit dem einmaligen Geborensein und ständigen Neuanfang.

Science Fiction aus der Ukraine? Die taz stellt den Film „Atlantis“ vor, der das klassische Topos der von Krieg und Industrie verheerten Einöde in den Donbass anno 2025 verlegt:

Mit dem Wald als Sehnsuchtsort nicht nur der Deutschen befasst sich die NZZ.

 

Geschichte ist immer

Tom Hollands Geschichte des Westens von den Perserkriegen bis #meToo haut die SZ mit seiner fetzigen Opulenz („Saftigkeit“) merklich vom Hocker und lässt sie über die Allgegenwart des Christentums staunen.

Anlässlich von Napoleons 200. Todestag erinnert Stefan Brändle in der FR an die Wiedereinführung der Sklaverei durch den kleinen Korsen, die indes auch den Anfang vom Ende des französischen Kolonialreichs markierte. Die FAZ stellt die beiden Napoleon-Filme vor, mit denen arte an den Kaiser erinnert: Der eine beschäftigt sich mit dem Schicksalstag des 26. Juni 1813, der andere blickt auf Napoleons europäisches Vermächtnis.

 

Dichter und Denker

Doch lieber Menschenrechte: Jürgen Habermas will einen hoch dotierten Preis aus Abu Dhabi doch nicht annehmen, wie die SZ meldet. Die Entscheidung und deren Kommentierung wird bei Telepolis kommentiert. Auf der Wahrheitsseite der taz erklärt der Großdichter Thomas Gsella, ob er an Habermasens Statt die Kohle vom Kronprinz annimmt.

Große Dichtkunst labert nicht: Kurt Flasch erklärt uns in der FAZ die Eleganz Dantes und warum „Canto“ besser als „Gesang“ ist. Die taz dagegen empfiehlt uns zu seinem 100. Geburtstag Erich Fried und seine unbequeme Lyrik. Ein besonderes Stück „Verfassungslyrik“ erkennt die FAZ im überraschenden Klimaschutz-Urteil des Bundesverfassungsgerichts und stellt die schönsten Passagen daraus zusammen.

Einen Nachruf auf Carl-Wilhelm Edding, den Erfinder des gleichnamigen Stifts, lesen wir in der SZ, während die FAZ den Tod zweier Denker vermeldet: Humberto Maturana prägte die moderne Erkenntnistheorie mit kognitionswissenschaftlichem Input und hinterlässt uns das Faszinosum der Autopoiesis. Auch Hermann Schmitz ging denkend vom Körper aus und hat mit 92 Jahren die letzte Erfahrung der Leiblichkeit gemacht.

Würde Künstliche Intelligenz mittrauern? Darüber, wie man Maschinen Empathie beibringt, hat Catrin Misselhorn ein Buch geschrieben, das auch eine Geschichte der Emotionsforschung ist und von der FAZ empfohlen wird. Mark Coeckelbergh ist viel optimistischer und erklärt im NZZ-Interview, wie KI uns vor der Klimakatastrophe retten und dabei reich machen kann.


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