Links der Woche, rechts der Welt 15/21

Leben hinterm Jägerzaun

Im von Christian Baron und Maria Barankow herausgegebenen Band „Klasse und Kampf“ erzählen inzwischen arrivierte Autorinnen von ihren Unterschichtkindheiten und die ZEIT lobt, wie es ihnen gelingt, zwischen Skylla und Charybdis hindurchzuschreiben.

In der heterosexuellen Partnerwahl hat sich nicht viel geändert, obgleich Frauen längst die besseren Abschlüsse haben und häufiger gut verdienen, suchen sie einen Mann mit Status, der wiederum ein junges, hübsches Dummchen will, wie in der SZ zu lesen ist. Und wie geht es kinderlosen Frauen? Ihnen widmet der DLF die heutige Lange Nacht.

Auch um das Einfamilienhaus toben inzwischen Kulturkämpfe. Stefan Hartmann hat eine kleine Geschichte dieser Wohnform geschrieben, die sehr viel mehr als Obdach bietet, wie der Freitag feststellt.

 

Böse Blumengeschäfte

Regelrecht geflasht ist die FAZ von Mads Brüggers investigativer Doku über Nordkoreas Waffen- und Drogenhandelsnetzwerk, in das ein arbeitsloser Koch undercover und mit versteckter Kamera eingedrungen ist. (Zu sehen bei ZDF Neo, Teil 1 und Teil 2 sind drei Jahre in der Mediathek.)

Offenbar bringt die Berufung auf einen „Befehlsnotstand“ nicht die erhoffte Erleichterung des Gewissens, wie die SZ über eine entsprechende Studie staunt. Die FR erinnert an den Eichmann-Prozess, der vor 60 Jahren in Jerusalem begann, während Gaby Weber bei Telepolis vor dem medialen Begleitprogramm warnt: Vor allem die Eichmann-Beiträge im Öffentlichrechtlichen sind mangelhaft. Apropos Blumen des Bösen: Die SZ gratuliert Charles Baudelaire zum 200. Geburtstag, ausführlicher wird der Dichter bei Glanz & Elend gewürdigt. Und da Gustave Flaubert genauso alt und wichtig ist, vergleicht Wolfgang Matz in der FAZ ihre heutige Bedeutung miteinander. Stefan Matuscheks Geschichte der Romantik wird in der FR vorgestellt.

 

Mikado mit Streitäxten

Statt Streitkultur herrscht Streitmüdigkeit und die ist undemokratisch, wie Jan-Werner Müller im Tagesspiegel schreibt und einiges zum Kampfbegriff Identitätspolitik zurechtrückt. In einem ähnlichen Sinne wendet er sich an die NZZ-Leserschaft, die sich selbst als liberal versteht und in Linken, die glauben, Rassismus begänne schon mit Begriffen und nicht erst Brandanschlägen, die aktuell größte Gefahr fürs Abendland sieht.

Schuld daran, also hier nun an Postkolonialismus und Identitätspolitik, ist u.a. Michel Foucault, wie die FAZ davon ungerührt nachweist. (Außerdem wird Foucault derzeit sexuelle Gewalt gegen Kinder vorgeworfen. Da alle einschlägigen Artikel hinter Bezahlschranken sind, sei hier auf ein DLF-Interview zum Thema verwiesen.)

Nur halb überzeugt ist die SZ von Natan Sznaiders Essay über das Mitgefühl als Grundlage und Grundton von Demokratie und Kapitalismus. Im taz-Interview spricht Anne Applebaum über die Lust von Intellektuellen, sich für Nationalpopulismus in die Bresche zu werfen – nicht nur in Osteuropa. Joseph Vogl nimmt Horkheimer ernst und untersucht die Beziehung von Kapitalinteressen und der von Affekten und Algorithmen gesteuerten Aufmerksamkeitsökonomie. Der Tagesspiegel stellt sein Buch vor und auch die taz ist sehr einverstanden mit seiner Analyse.

Die Parteien sind nicht tot, riechen nur komisch: Michael Koß erklärt im taz-Interview, warum man der Zeit der „Volksparteien“ nicht nachtrauern muss. Das jetzt-Magazin wiederum unterhält sich mit Markus Tiedemann über die Freiheit, die eingeschränkt ist und von Rechtspopulisten reklamiert wird, weil Autonomie immer mehr Leuten einfach zu anstrengend ist.

Seit einem Jahr wundert sich die Fachfrau, was es mit diesen „Querdenkern“ auf sich hat. William Callison und Quinn Slobodian ziehen in der ZEIT eine globale Bilanz des Widerstands gegen politische Infektionsschutzmaßnahmen und machen eine verschwörungsgläubige, digital vernetzte Querfront des Mittelstands aus, hinter der kurios-gefährliche Strippenzieher stecken.

 

Eine Welle nach der anderen

Von „der“ Politik zu reden ist genauso Banane wie „die Wissenschaft“: Matthias Warkus mahnt in seiner Spektrum-Kolumne etwas mehr Arbeit am Begriff in Klima- und Infektionsschutzdebatten an. Der Standard bringt Robert Pfallers launige Selbstauskunft eines Virus aus dem Sammelband „Corona und die Welt von gestern“. Dieter Thomä dagegen lobt im FR-Interview das Totengedenken und Corona-Heldentum.

(Photo: Sammy-Williams, pixabay.com, CC0)

Ebenfalls in der FR befindet sich der Bericht einer Wanderung durch französische, spanische und deutsche Wälder, die nur noch Schatten ihrer selbst sind. Anlässlich seines neuen Buchs zum Thema darf Toby Ord im Standard-Interview darlegen, wie nahe die Menschheit ihrer Auslöschung ist. Lea Haller glaubt wohl nicht, dass diese Spezies aus Schaden klug wird und legt in der NZZ eine gar nicht so kurze, aber sehr schöne Geschichte der Dummheit vor, die historisch ein weißer Fleck (weil peinlich) ist.

 

Personalia

Einen der vielen Nachrufe auf den verstorbenen Theologen Hans Küng liest man in der FR. Weniger bekannt dürfte der gleichfalls verstorbene Ethnologe Marshall Sahlins sein, über dessen Arbeit zur Beziehung zwischen Kultur und Verhalten die FAZ schreibt. Nämliche FAZ freut sich über die Berufung von Stephan Lessenich an die Spitze des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.


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