Links der Woche, rechts der Welt 14/21

Philosophenherrschaft online

Auch die Studis hängen seit bald drei Semestern im Lockdown und fallen im Öffnungsdiskurs meist hinten über, weshalb der Tagesspiegel sich mal nach der Situation „an“ den Unis erkundigt. Haben die Wissenschaftlerinnen im Zeitalter der Onlinelehre nebenbei die politische Macht übernommen? Die FAZ kommentiert einschlägige Warnungen vor der Experto- oder gar Virokratie und stellt auch eine Untersuchung der Kommunikationsstrategien vor, mit den sich „alternative“ Medizin gegen den wissenschaftlichen Konsens behauptet. In argumentativen Auseinandersetzungen ist die Beweislast ungleich verteilt. Wie man u.a. damit klug umgeht, hat Nikil Mukerji in „Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands“ aufgeschrieben und Spektrum bringt den einschlägigen Auszug aus dem Buch.

 

Die Unordnung der Dinge

Die Demokratie ist weltweit auf dem Rückzug, konstatieren Armin Schäfer und Michael Zürn in ihrem in der taz rezensierten Buch und ergänzen die handelsüblichen Erklärungen um neue Ansätze. „Die Politik“ hatte noch nie einen guten Ruf, aktuelle Korruptionsskandale tun ihr Übriges. Björn Hendrig erklärt bei Telepolis, wie Lobbyistinnen auch ganz ohne Gefälligkeiten Abgeordneten Partikularinteressen als Allgemeinwohl verkaufen können – denn jene und dieses sind bisweilen ja durchaus eng verwoben.

Volker M. Heins argumentiert für eine Welt ohne Grenzen als „eine notwendige Utopie“ und der Tagesspiegel bringt einen Auszug aus seinem Buch „Offene Grenzen für alle“. Morgen geht es bei Sein und Streit im DLF u.a. um strukturellen Rassismus und das Unglück.

Was passiert, wenn man mit Rechtsextremisten redet, ist in Frankreich zu beobachten, schreibt die taz: Hier haben sich als „republikanisch“ umetikettierte Neonazis im auf Krawall gebürsteten Diskurs als normale politische Kraft etabliert.

 

Schwer historisch

Langsam sterben auch die Zeitzeugen der alten BRD aus: Die ZEIT erinnert an Uta Ranke-Heinemann, die sich als „erste Professorin für katholische Theologie der Welt“ mit dem Christentum anlegte. Einen Nachruf auf den Rechtshistoriker Michael Stolleis lesen wir in der SZ und erfahren, dass er sich auch auf literarischem Gebiet souverän zu bewegen verstand.

Wenn alles als „historisch“ etikettiert wird, ist nichts mehr „historisch“. Vielleicht hilft hier KI weiter? Die FAZ berichtet über einen Versuch, bei dem Millionen von Botschaftsdepeschen darauf untersucht wurden, ob und wie sie ein Ereignis als „historisch“ qualifizieren.

Ebenfalls die FAZ empfiehlt James Bluemels Doku über den „historischen“ Fehler des Irak-Kriegs, weil hier vor allem die Betroffenen zu Wort kommen. (In der arte-Mediathek bis März 2022 anguckbar, allerdings auf drei Teile eingedampft; wer VPN und BBC-Konto hat, guckt im Original fünf Teile.)

Noch mehr Krieg gibt es morgen im DLF, wo das famose Duo Markus Metz und Georg Seeßlen bei Essay und Diskurs über Kriegsnarrative im Film nachdenkt.

 

Immer diese Dichter

War Franz Kafka ein technophiler Modernist, für den die Qualität seiner Texte vom Quälen des Autors stammt? Das legen der FAZ die Notizen im jüngsten Faksimileband der historisch-kritischen Edition seiner Werke nahe. Ebenfalls in der FAZ lesen wir, wie Italien durch einen fehlinterpretierten FR-Artikel über Dante in Empörung geraten ist. Hierüber dagegen können sich alle freuen: Im DLF kommt heute Abend die Lange Nacht über Max Frisch.

Es ist nicht alles schlecht bei der Jugend von heute: Die FAZ portraitiert eine 14-jährige, die auf Instagram recht erfolgreich fürs Lesen wirbt.

Die Kreuzigung Jesu Christi, Illustration aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (12. Jahrhundert) Von Herrad von Landsberg – Hortus Deliciarum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31489656

Engel und Insekten

Manchem platzt schon die Rübe, wenn über Grundrechte für Tiere diskutiert wird. Stefano Mancuso geht zur Enttäuschung der ZEIT in seinem Buch „Die Pflanzen und ihre Rechte“ nicht darüber hinaus. Für Utilitaristen stellt sich bloß die Frage, ob Pflanzenethik Leid messbar minimiert und Glück messbar maximiert: Die FAZ stellt den nicht mehr so neuen Trend zum „effektiven Altruismus“ vor, der auch dem Überleben der Menschheit dienen soll.

Der Tagesspiegel bespricht das Buch „Außerirdisch“, in dem sich der Physiker Avi Loeb vor allem dafür rechtfertigt, das interstellare Objekt Oumuamua für künstlich, aber nicht von Menschenhand zu halten. Ekel (z.B. vor schleimigen Aliens) muss man sich evolutionär leisten können, wie eine verhaltenswissenschaftliche Studie nahelegt, die uns Spektrum vorstellt.

Die SZ portraitiert Anna Aroyan, die den Meditationskreis an der Münchner Hochschule für Philosophie leitet. Noch mehr Zen zu Ostern bietet die FR, wenn sie vom Leben und Sterben eines Wellensittichs namens Platon erzählt.


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