Einleitung ins Titelthema „Perverse“

Jedenfalls ist das Kind in Wirklichkeit das Gegenteil eines Unschuldsengels, es ist in jeder Hinsicht „lasterhafter“ als der erwachsene Dutzendmensch. In erotischer Hinsicht ist es eine Mustersammlung aller jener Triebe, die wir beim Erwachsenen „pervers“ nennen (…) Das Kind ist rachsüchtig, schadenfroh, jähzornig, neidisch, habsüchtig und feig, ein Ausbund von Verlogenheit, es wäre ein „Verbrecher“, wenn es handeln könnte.
– Karl Hauer, „Das Kind“, in: Die Fackel Nr. 227-228, 10.06.1907, S. 15

von Timotheus Schneidegger, 20.06.2014, 09:33 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

Sexualwissenschaftler malen die Zukunft ihres Forschungsgegenstands traditionell in düstersten Farben. Die allgegenwärtige Sexualität mutet ihnen einerseits als Mutant und Zombie an, weit entfernt vom naiven Reinraus-Spielchen von Rousseaus Gnaden. Andererseits haben wir es längst mit Sexualitäten zu tun, wie es ja auch nicht nur auf Facebook mehr als zwei Geschlechter gibt und das große Multiplizieren nachgerade biblische Ausmaße annimmt (1. Mose, 1,28).

Lichtwolf Nr. 46 (Perverse)

(Illu: Georg Frost)

Mit der wachsenden Unübersichtlichkeit der Lust wächst das Unbehagen, das sie bei Anhängern der Doktrin auslöst, die Familie sei Keimzelle (pfui) der Gesellschaft. Damit nimmt auch das subversive, emanzipatorische Potential zu, über das sie bekanntlich schon im Buch Genesis verfügte.

„Die Lust ist der legitimste Wunsch des Menschen. Im menschlichen Dasein wendet sich das Realitätsprinzip gegen das Lustprinzip. Eine rabiate Verteidigung wird der Intelligenz aufgezwungen, Verteidigung alles dessen, was durch den abscheulichen Mechanismus des praktischen Lebens, durch die unwürdigen humanitären Gefühle und durch die schönen Aussprüche: Liebe zur Arbeit usw. usw., auf die wir scheißen, weiterführen kann zur Masturbation, zum Exhibitionismus, zum Verbrechen, zur Liebe.“ (Salvador Dalí, „Die Moralische Position des Surrealismus“, 1930)

Perversion (lat. perversio, „Verdrehung, Umkehrung“) ist laut Lexikon ein Triebverhalten, das den gängigen Moralvorstellungen widerspricht. Das kann alles und nichts sein, weil sich Normen ändern. Deren Wandel kann auch den sozialen und juristischen Bann der Perversion lüften, wie im Fall des unseligen § 175 StGB, der im Dritten Reich mit pathologisch-perverser Exzessivität in Gebrauch war und erst 1994 gestrichen wurde. (Noch einmal drei Jahre dauerte es, bis Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde; so viel zu den gängigen Moralvorstellungen der Legislative.)

Wertneutral spricht man im ICD-10 unter F65 (Störungen der Sexualpräferenz) von Paraphilie (abseitige Zuneigung) bei genüsslichen Zeitvertreiben wie Fetischismus, Transvestismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie, Gerontophilie, Salirophilie, Koprophilie, Inzest, Sadomasochismus, Frotteurismus, Zoophilie, Nekrophilie, Acrotomophilie und Apotemnophilie. Nicht wenige davon sind mit Leidensdruck und Kontakt mit der Staatsanwaltschaft, mindestens mit Stirnrunzeln der Gesellschaft verbunden, die meint über das urteilen zu dürfen, was Erwachsene einvernehmlich in ihrem Schlafzimmer (oder an öffentlichen Orten) treiben.

Die Dialektik von Neugier und Abwehr zeigt sich nirgends so schön wie in der prüde-aufgesexten Moderne, in der Leistungsträger aller Altersgruppen ihr Smartphone streicheln bis zur orgiastischen Funktionsentfaltung „all over your pretty face“. Für jede noch so abseitige sexuelle Präferenz gibt es im Internet ein Forum, ganz abgesehen von Youporn et.al., diversen Seitensprung- und Fuckbuddyportalen. Umgekehrt sorgen Missbrauchsfälle für „öffentliche Erregung“ und Zulauf für die NPD-Forderung nach „Todesstrafe für Kinderschänder“, die ebenso wie Zoophile in den eher linken Medien neuerdings Auskunft geben über das Ringen mit ihrem Triebgeschehen.

Das Perverse als das unvernünftig Unbewusste sintert in uns allen herum und erhebt uns über das rein instinktiv sich fortpflanzende Tier. Ihm sind wir dennoch verbunden durch den Irrationalismus der schmutzig-verwerflichen Geilheiten, die uns vom tugendhaft-aufgeräumten Alltag erlösen. So wollen wir in diesem Heft über diese Verhältnisse nachsinnen, über „Perverse“ im wörtlichen, übertragenen und landläufigen Meinen, über die Perversen, die wir alle sind (auf jeden Fall waren, bevor wir unsere frühkindliche polymorph perverse Anlage mehr oder weniger erfolgreich sublimierten), und über die, die wirklich irgendwie „andersrum“ sind.


Lichtwolf Nr. 46

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