Von der Kunst, den Menschen zu schaffen

Peter Sloterdijk und die Paläopolitik

von IPuP-Press, 20.09.2010, 11:16 Uhr (Neues Zeitalter)

„Schlimm! Schlimm! Wie? geht er nicht – zurück?“ –
Ja! Aber ihr versteht ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt.
Er geht zurück, wie jeder, der einen grossen Sprung thun will. – -„
– Friedrich Nietzsche, „Jenseits von Gut und Böse“

Die Beschäftigung mit der Urgeschichte des Menschen ist notwendig, um ein angemessenes Verständnis seiner Gegenwart und seiner möglichen Zukunft zu erlangen. Nicht, um mit dem Jagdverhalten der Frühmenschen zu erklären, warum Frauen von Natur aus nicht einparken können, und Männer dazu determiniert sind, ihr Erbgut möglichst über die ganze Welt zu verteilen, sondern um der „Grundlüge“ und dem „Hauptirrtum nicht nur der Historie, der humanities, (…) der politischen Wissenschaften und der Psychologie“ auf die Schliche zu kommen. Aus diesem Grund unternimmt der gute Peter (nein, nicht der freundliche alte Herr mit dem Bauwagen, sondern der freundliche alte Herr mit der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe) einen Ausflug in die Frühzeit, in der der Mensch noch in Horden wie auf Flößen durch die „riesenhaften Zeiträume“ der Weltgeschichte driftet. Von hier aus gilt es einen Angriff gegen den Hochkulturalismus zu führen. Dieser – eben bereits als Hauptirrtum und Grundlüge verleumdet – verkürze die Geschichte des Menschen auf ideologische Weise um über 95 Prozent und lasse den Menschen erst dort beginnen, wo er bereits ein kulturell völlig durchformiertes Wesen ist, nämlich in den Städten und Staaten der Hochkulturen. Und da in ihnen die zentrale kulturelle Frage jene nach der Verwendung des Menschen durch den Menschen sei, mag es nicht verwundern, wenn die anthropologische Mär vom Politischen als conditio humana, vom Menschen als zoon politikon, „das zu seiner Wesenserfüllung Hauptstädte, Bibliotheken, Kathedralen, Akademien und diplomatische Vertretungen braucht“, so weit verbreitet ist.

Lichtwolf Nr. 31

Um den Menschen zu begreifen, sofern das überhaupt möglich ist, müsse – um dem genannten Irrtum zu entgehen – daher zunächst einmal ein Blick auf die Paläopolitik geworfen werden. In dieser ging es zunächst und vor allem um „das Wunder der Wiederholung des Menschen durch den Menschen“ sowie überhaupt erst um die Hervorbringung des Menschen, um die Erarbeitung der „genetischen und kulturellen ,Potentiale’“, die das Mensch genannte Wesen ausmachen; die Hand vom Boden und vom Baum de- und sie am Werkzeug reterritorialisieren (vgl. Friedrich Engels: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Dialektik der Natur), dem Denken den Weg vom Konkreten zum Abstrakten erlauben. Paläopolitk enthält für Sloterdijk „die älteste Grammatik des Zusammengehörens.“ Ihr verdanken wir die ältesten Rollentypisierungen: alt und jung, männlich und weiblich, Mensch und Fremder, Lebender und Toter sowie Lebender und Ungeborener. Wer wissen will, inwieweit es Sloterdijk gelingt, mit diesem in die Urgeschichte des Menschen führenden Anlauf das zoon politikon Mensch zu erlegen, wohin sein darauf folgender Sprung in die Hyperpolitik führt und was das alles mit Philosophie als Teil einer megalo-athletischen Konditionierung und Aristokratendressur und mit Gesellschaft, verstanden als ein den Menschen von der alten Natur mithilfe einer Klangkugel abschirmenden Brutkasten zu tun hat, der lese selbst: Peter Sloterdijk, „Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.


Lichtwolf Nr. 31

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Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Von der Kunst, den Menschen zu schaffen“ aus LW31.
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