Der Lichtwelpe: Dreck

Der kleine Jan-Baptist (10) aus dem schönen, umzäunten Blankenese interessiert sich brennend wie am 1. Mai für steinzeitliche Zustände. Der liebe Onkel Schneidegger hilft mit Tipps zum Selbststudium aus!

von Timotheus Schneidegger, 20.09.2010, 13:21 Uhr (Neues Zeitalter)

Lichtwelpe 31

Sehr geehrte Junge,

die humanistische Bildung ist reich an Vorzügen, derer Sie nur negativ gewahr werden dürften, wird doch Ihre Orthographie dem arrivierten Herrn Vater längst die Schamesröte ins Gesicht treiben, so er Sie bereits standesgemäß aufs Gymnasium ein- und somit aus dem vermeintlich leistungsschädigenden Sozialorkus der Kevins und Justins freigekauft, Sie mithin einer Entschuldigung für Ihre Sauklaue nebst „einschlägiger“ Erfahrungen bis Klasse 6 beraubt hat.

Bald werden also Sie – statt eines Kevins oder Justins, der es mehr als Sie zu schätzen wissen würde – in Deutsch, Franz, Reli oder Philo auf das Werk von Albert Camus gestoßen. (Vielleicht; denn in Bezug auf den Hamburger Lehrplan muss „mein Fachwissen in vielen Fällen hinter meiner Empörung“ (K. Kraus, Die Fackel Nr. 4, Mai 1899, S. 2) zurückbleiben.) Da Onkel Kamü einen nordafrikanischen Migrationshintergrund hat, werden Sie sich hüten, irgendwas von ihm zu lernen. Nehmen Sie eine seiner Botschaften also aus meiner Hand von genetischer Reinheit, die Onkel Sarrazin einen Ständer verpassen würde, wäre der Karl Dall der Rassen- und Soziallehre noch sexuell aktiv. Es geht natürlich um die Schlusspointe von Camus‘ Sisyphos, wonach jeder Gran eines Steins eine Welt für sich bedeutet. Sie müssen halt Ja sagen dazu und genau hingucken.

DIN 4022, mit der Sie gewiss vertraut sind, definiert als „Steine“ nur Objekte zwischen 6,3 und 20 Zentimetern. Sie haben also mit Dingen operiert, die in den Händen eines Kevin oder Justin von Ihres Vaters Kollegenschar als „gefährliches Werkzeug“ nach § 224 (2) StGB eingestuft werden und die Höchststrafe fordern würden. Doch ein steinewerfender Jan-Baptist muss keine Furcht vor Strafe haben: Steine halten sich an die Naturgesetze. Solange sie von oben nach unten rollen oder fallen, ist alles bestens, nur andersrum werden empörte Leitartikel, Blumenkränze und Bundesverdienstkreuze daraus.

Folgen wir den im Bauwesen gebräuchlichen Bestimmungen weiter, so haben Sie es unterhalb der Steine mit Schotter (ab 3,2 cm), dann mit Kies (ab 2 mm) und schließlich mit Sand (unter 2mm) zu tun. Die Zunächstgenannten werden Ihnen aus dem Elternhaus wohlbekannt sein, auch der Sand ist – verstehe ich Ihre Zuschrift recht – Ihnen inzwischen „innigst“ vertraut, war er doch die Hauptingredienz des Ihnen vom Jungweibe verabreichten Gebäcks. Indes irrt Ihr osteuropäischer Omaersatz Elsbjeta, sieht sie darin bereits „Dreck“.

Dessen anorganische Komponente setzt sich aus Partikeln im Mikrometerbereich (1 Mikrometer ist ein Millionstel Meter), also vor allem aus Staub zusammen. Mit Blick auf das nicht lungengängige Material, was Sie da Ihrer Gespielin zuliebe verschlungen haben, werden Sie zu Recht den hohen Anteil grobkörniger Mineralien betonen, sowie natürlich die andere Komponente, die dem Schmutz des Freilands sein modriges Aroma und seinen schlechten Ruf in besseren Kreisen verleiht: Das organische Gedöns in Form von totem Zellmaterial, Ruß, Blütenpollen, Straßenverkehrsabrieb, Pilzsporen, Kohlenstoffverbindungen noch und nöcher, Viren, Bakterien und anderen Lebensformen, die in und von alldem (und nun auch in und von Ihnen) leben.

Dreck ist das Zuhause ganzer Lebens- oder Bedarfsgemeinschaften von Bakterien, Algen, beschalten und unbeschalten Amöben, Rotatorien, Wimpertierchen und Nematoden. Regenwürmer, Fliegenlarven, Tausendfüßler, Bodenmilben und die gar nicht bloß an Bushaltestellen und beim Discounter anzutreffenden Asseln sind hier Tag und Nacht mit dem selbsttätigen Umarbeiten des Edaphons beschäftigt. Dreck ist als wimmelnder Friedhof und Urgrund der Fruchtbarkeit für den Kreislauf des Lebens ebenso unentbehrlich wie durch keine Bemühungen von Henkel, Unilever & Co. dauerhaft tilgbar.

Es ist somit leicht zu verstehen, weshalb Ihnen jede Art von Dreck so arg verleidet wird, dass es gar und naturgemäß (zoon politikon usw.) ins Soziale ausstrahlt in Gestalt des vom Onkel Degenhardt geklampften Oberstadtwegweisers, nicht mit den Schmuddelkindern zu spielen und schon gar nicht ihre Lieder zu singen. Auch ist es völlig nachvollziehbar, wenn Ihr Herr Vater und seinesgleichen jeden kritischen Hinweis auf soziale Schieflagen als Terrorismus begreifen und dem Gemeinten nicht anders als mit dem Kärcher zu begegnen wissen: „Sauber ist schön und gut. Sauber ist hell, brav, lieb. Sauber ist oben und hier. Schmutzig ist häßlich und anderswo“, beobachtete schon Christian Enzensberger, der Onkel der Kinder von Onkel Hans Magnus, in seinem Aufsatz „Größerer Versuch über den Schmutz“ von, na klar: 1968.

Wie Steinzeit wirklich geht, können Sie in der Schule, selbst in der Erlebnispädagogik, längst nicht so anschaulich lernen wie bei Ihnen vor Ort. Krabbeln Sie bei der nächsten Dinnerparty Ihrer Stammes- ältesten halt mal aus der Schlafhöhle und gucken Sie sich das Treiben der unfruchtbaren Pfeffersäcke in ihren sterilen Kreisen an. Hier wird nach dem Endlich-sagt’s-mal-einer gerne „ins Unreine gesprochen“, vor allem, um „Staub aufzuwirbeln“ mit ganz mutigen Thesen wie der, man solle halt mal ordentlich durchkehren und es wie früher machen. Da habe jeder seinen Platz in der Gesellschaft gekannt und den Volkskörper gesundgehalten und mit was das erwachte Bürgertum sonst noch die Meinungsspalten und Büchertische vollschwallt. In nuce lernen Fortpflanzen wie Sie, dass die Gesetze der Steinzeit umso erbarmungsloser gelten, wenn ihre Agenten Nadelstreifen tragen und Audi fahren: Möglichst viel an sich raffen und nichts davon abgeben, damit die anderen bloß keine Chance haben, sich zu entwickeln. Dazu braucht es noch ein paar Schamanen und Quacksalber, die Ihnen am LagerKaminfeuer damit das Gewissen möblieren, es sei ein Naturgesetz, die zurückgebliebenen Lemuren und kulturunfähigen Primitivlinge aushungern oder versklaven zu müssen. Aber dabei anständig bleiben!

Mit feindlichen Grüßen

Ihr Onkel Schneidegger


Lichtwolf Nr. 31

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Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Der Lichtwelpe: Dreck“ aus LW31.

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